Ulf Kirsten beim Länderspiel der DDR gegen Österreich.
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BerlinDie Schlange am Fahrkartenschalter im Bahnhof Berlin-Lichtenberg ist lang und die Bahnangestellte total überfordert. Es ist Montag, der 13. November 1989. Die Berliner Mauer ist erst vier Tage zuvor gefallen, die Stadt in einem hektischen, ja euphorischen Zustand. Österreich hat DDR-Bürgern mit einer großzügigen Geste vorübergehend einige Tage Visafreiheit erteilt. Auch ich bekomme die Chance, als Reporter der Berliner Zeitung nach Wien zu reisen. Dort findet am 15. November im Praterstadion das letzte und entscheidende Spiel in der Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien statt. Tausende Fußballanhänger von Rostock bis Aue nutzen die neue Freiheit und machen sich auf den Weg nach Wien. Ein Blick zurück auf die turbulenten Ereignisse lohnt sich.

Der DDR-Nationalmannschaft würde ein Remis in Wien reichen, um das Ticket nach Italien zu lösen. Mein Sportchef ist bereits akkreditiert und hat seinen Platz auf der Pressetribüne sicher, ich bekomme dank der flexiblen Presseabteilung des Österreichischen Fußball-Bundes auf den letzten Drücker eine Akkreditierung als Fotograf, darf also hautnah ans Geschehen, obwohl ich keinerlei Ahnung von Fotografie hatte. Doch das spielt keine Rolle. Dabeisein ist alles. Und auch noch andere „Fotografen-Kollegen“ aus dem Westen Deutschlands, von denen noch die Rede sein wird, tarnen sich als Bildreporter, allerdings mit der Absicht, den besten Spielern der DDR nahe zu kommen, um sie in die Bundesliga abzuwerben. Dass es auch in der Oberliga sehr gute Kicker gibt, haben die Manager und Bosse aus der deutschen Eliteliga natürlich schon lange registriert.

Die Mannschaft von Cheftrainer Eduard Geyer bereitet sich schon einige Tage vor dem brisanten Duell in Abtnaundorf bei Leipzig in aller Abgeschiedenheit vor und ist am 9. November vom Fall der Mauer total überrascht worden. Die Spieler sitzen am Abend zusammen vor dem Fernsehgerät im großen Gemeinschaftsraum der Sportschule. Matthias Sammer von Dynamo Dresden, einer der besten und wichtigsten Akteure, starrt wie alle anderen gebannt auf die Bilder. Sammer, der später zum VfB Stuttgart wechseln sollte, erzählte damals: „Eine Meldung jagte die andere. Keiner wusste, woran er ist und was nun passiert.“ Die Spieler diskutieren heftig und einige träumen natürlich sofort von der Bundesliga, von großen Vereinen und vom großen Geld. Noch am Abend des Mauerfalls fragen sich die Nationalspieler: Wohin gehen wir nach dem Länderspiel in Wien? Was passiert mit uns? Dürfen wir gleich in die Bundesliga wechseln, wenn Angebote kommen? Wie ist unsere Vertragssituation?

Der Mauerfall kam 14 Tage zu früh!

Eduard Geyer, Nationaltrainer der DDR 1989

Nur einer, Auswahlchef Eduard Geyer, ein knorriger Mann mit sehr harten Trainingsmethoden, verfällt nicht in Euphorie. Er ahnt, dass die politischen Ereignisse, die unglaublichen Turbulenzen, die Vorbereitung auf das Duell gegen Österreich empfindlich stören würde. Der Trainer fordert deshalb:   Alle sollen in Wien konzentriert und erfolgreich Fußball spielen und erst danach an die neuen Freiheiten denken, an die Perspektiven im Profifußball. Doch das war ein Unterfangen, das Geyer nicht gelang. Wochen nach dem Duell in Wien sagte Geyer: „Der Mauerfall kam vierzehn Tage zu früh!“

Umgeben von West-Scouts

In Leverkusen bereitet indessen der schwergewichtige Manager Reiner Calmund einen Coup vor. Der Mann von Bayer 04 hatte schon lange einige Ausnahmekönner aus der DDR im Visier, nun sollte seine Stunde schlagen. Neben zwei Talentscouts schickt Calmund seinen Vertrauten Wolfgang Karnath nach Wien. Der war damals Chemielaborant und Trainer der A-Jugend bei Bayer 04. Calmund meldet Karnath als Fotografen in Wien an und sagt: „Den Karnath schmeißt du vorne aus dem Zimmer raus und Sekunden später kommt der von hinten wieder rein.“ Der sollte genau der richtige Mann sein, um an Spieler der DDR –Auswahl heranzukommen.

Am Abend des Spiels im Praterstadion, Anstoß 18 Uhr, hole ich mein Foto-Leibchen ab und postiere mich in der berühmten Arena hinter dem DDR-Tor, das der lange Magdeburger Dirk Heyne hütet. Die Atmosphäre ist großartig. Die Fans aus Österreich schreien ihre Mannschaft, trainiert von Josef Hickersberger, nach vorn. Die Anhänger der DDR-Elf halten dagegen, hoffen auf die WM-Teilnahme in Italien. Damals wusste ich nicht, dass einer meiner „Kollegen“ mit dem großen F auf dem Leibchen eben jener Karnath aus Leverkusen war. Oben auf den Tribünen haben sich im mit 57.000 Zuschauern ausverkauften Prater neben 4.000 Fans aus der DDR auch beinahe 100 Späher und Berater aus der Bundesliga versammelt. Ihr Ziel: Die besten Männer von Trainer Geyer. Ich selbst drücke ab und an auf den Auslöser meiner Kamera, nur um nicht negativ aufzufallen.

Ich sehe schon nach zwei Minuten das 1:0 für Österreich durch den Mittelstürmer Toni Polster, dann nach 23 Minuten einen Strafstoß für die stürmischen Gastgeber. Polster – wer sonst – tritt an und verwandelt eiskalt. Als später Rico Steinmann vom FC Karl-Marx-Stadt mit einem Elfmeter für die DDR scheitert, war das Spiel gelaufen. Polster war es, der nach 61 Minuten auf 3:0 erhöht. Das Praterstadion explodiert beinahe. Im Tohuwabohu hat sich Calmunds Abgesandter Karnath nah an die Reservebank der DDR-Elf geschlichen und tatsächlich Telefonnummern einiger Spieler ergattert. Auch der Berliner Andreas Thom, „DDR-Fußballer des Jahres“, wird von Karnath angesprochen. In diesem Moment beginnt der Ausverkauf des DDR-Fußballs.

Ich kämpfe mich nach dem Abpfiff im gewaltigen Pulk der Fotografen Richtung Kabine der Österreicher, die ihre WM-Teilnahme euphorisch feiern. Toni Polster, der dreifache Torschütze, ist natürlich mein Ziel als Reporter. Irgendwann lande ich nach dem vollen Einsatz der Ellenbogen zuerst in der Nähe von Polsters Vater und kann ein paar Fragen loswerden. Später erhasche ich auch einige Worte des Helden von Wien. Meine Story steht.

Die DDR-Auswahl gegen Österreich, v.li.: Ronald Kreer, Torwart Dirk Heyne, Dirk Stahmann, Matthias Lindner, Matthias Sammer, Mathias Döschner, Detlef Schößler, Ulf Kirsten, Andreas Thom, Jörg Stübner, Rico Steinmann
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Am Tag nach dem Spiel reise ich mit einigen Kollegen mit dem Zug von Wien nach Berlin zurück. Die Abteile sind überfüllt. Fans aus der DDR diskutieren heftig über die Niederlage, aber die Euphorie über den Mauerfall überwiegt natürlich und lässt den Fußball sehr schnell zweitrangig erscheinen. Ich lerne ein Ehepaar aus Milwaukee kennen, das seine Europatournee geändert hat. Statt Prag zu besuchen, fahren sie mit uns nach Berlin, wollen die unglaubliche Atmosphäre genießen und den Mauerfall feiern. Ich bringe die Amerikaner später über den Checkpoint Charly in den Westteil der Stadt. In den 90er Jahren besuchen wir uns gegenseitig und sind bis heute befreundet.

Die schwer geschlagene DDR-Auswahl fliegt indessen von Wien-Schwechat nach Berlin-Schönefeld. Mit in der Interflug-Maschine sitzt Wolfgang Karnath. Sein Boss, Bayer-Manager Calmund, ist schon in Berlin. Noch am Abend taucht Calmund in der Wohnung von Andreas Thom, dem besten Stürmer des zehnmaligen DDR-Meisters BFC Dynamo, in der Nähe der Jannowitzbrücke auf. Dort wird man sich schnell über einen Wechsel in die Bundesliga einig. All die komplizierten Formalitäten übernimmt der bestens vorbereitete und gewiefte Manager. Schon am 13. Dezember geht der erste spektakuläre Ost-West-Transfer über die Bühne. Thom wechselt für eine Ablöse von rund 2,8 Millionen D-Mark in der Winterpause zu Bayer Leverkusen. Bei seinem ersten Einsatz in der Bundesliga im Februar 1990 gegen den FC Homburg (3:1) gelingt ihm der Treffer zum 1:0! Thom sagte in diesen Tagen dem Magazin „Kicker“: „Ich hätte gern gesehen, wie das Spiel in Wien gelaufen wäre, wenn die Mauer 14 Tage später gefallen wäre. Dass wir uns nicht auf das Spiel konzentriert haben, ist Blödsinn.“

Später sollen dem Stürmer zahlreiche DDR-Oberliga-und Nationalspieler in den Westen folgen. Allein von den 13 beim 0:3 in Wien eingesetzten Akteuren gingen neben Thom sieben weitere Spieler in die Erste und Zweite Bundesliga: Dirk Heyne (zu Borussia Mönchengladbach), Matthias Döschner (Fortuna Köln), Rico Steinmann (1. FC Köln), Matthias Sammer (VfB Stuttgart), Ulf Kirsten (Bayer Leverkusen), Uwe Weidemann (1. FC Nürnberg) und Thomas Doll (zum Hamburger SV).

Nach der verspielten WM-Teilnahme absolviert die DDR-Nationalmannschaft 1990 noch sieben eher unbedeutende Länderspiele. Der letzte Auftritt geht am 12. September 1990 in Brüssel gegen Belgien über die Bühne. Zwei Dutzend Akteure sagen Trainer Geyer aus unterschiedlichen Gründen ab. Beim 2:0 Sieg gelingen Matthias Sammer, dem einzigen Star, der zugesagt hatte, beide Treffer. Zwei Monate später löst sich der DDR-Fußballverband auf. In Wien, beim 3:0 der Österreicher – nur sechs Tage nach dem Fall der Mauer – nahm also als die zweite, sehr erfolgreiche Karriere für Andreas Thom, Ulf Kirsten und Matthias Sammer bei den Profis ihren Anfang.