Kabinenparty muss sein: Luke Sikma trägt den Meisterpokal durch die Reihen seiner Kollegen.
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BerlinBei der offiziellen Siegerehrung hatten sie sich noch brav an das Protokoll und damit an den geforderten Abstand gehalten. Ein paar Augenblicke später gab es bei der sportlichen Leitung kein Halten mehr. Geschäftsführer Marco Baldi und Sportdirektor Himar Ojeda stürmten den vor der Halle stehenden Bus, herzten ihre Spieler und starteten mit ihnen die Rückreise. Musikalisch wurde bereits auf den ersten Metern so ziemlich alles abgefackelt, was zu einer zünftigen Meisterfeier dazugehört. Deutlich wurde dabei wieder einmal, dass Basketballer den Korb in der Halle besser treffen, als die Töne aus den Boxen. Sie sollen aber auch keine Song-Contests, sondern sportliche Titel gewinnen. Und das ist den Profis von Alba Berlin in dieser Saison gleich doppelt gelungen. Auf den Pokalsieg im Februar folgte beim Finalturnier in München der Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Es war das erste Double seit 2003, der erste Meistertitel seit 2008.

Zahlreiche Finals hatten die Berliner dazwischen erreicht, allein fünf in den vorangegangenen zwei Jahren unter Trainer Aito Garcia Reneses. Etwas, worauf der größte Basketballverein Deutschlands stolz sein konnte. Aber: „Der Titel ist so richtig Balsam für die Seele“, sagte Marco Baldi. Alba Berlins Geschäftsführer wirkte sichtlich angefasst, kämpfte im Interview nach der Siegerehrung mit den Freudentränen, wischte sich mehrfach mit der Hand über das Gesicht.

Zum ersten Mal steht auf der silbernen Trophäe der Name seines Vereins, zuvor wurden dort nur Bamberg und München eingraviert. Dass sich die Kräfteverhältnisse allerdings noch einmal neu sortieren würden, war bereits in den zurückliegenden Spielzeiten zu sehen. Bamberg schraubte das Budget runter und hatte mit der Titelvergabe nichts mehr zu tun. In den vergangenen zwei Jahren duellierten sich stattdessen Bayern München und Alba. Zweimal war es ein Duell auf Augenhöhe, zweimal gewannen die Münchner, zweimal in Folge musste Alba die Heimspielstätte des FC Bayern München als geschlagener Vizemeister verlassen. Am frühen Sonntagabend aber schnitten die Berliner Spieler dort die Netze unter den Körben ab und krönten sich zur besten Mannschaft in Deutschland. Und das war Alba Berlin in dieser Saison zweifelsohne. Vor und nach der Corona-Unterbrechung.

Selbst wenn die Vor-Corona-Tabelle andere Vereine vor den Berlinern gezeigt hat, kamen Niederlagen in Göttingen und Ludwigsburg deshalb zustande, weil das Team nie komplett gewesen war und neben der Bundesliga auch noch in der Euroleague zahlreiche Partien zu absolvieren hatte. Wie gut dieses Team zusammengestellt war, wie gut es vor allem zusammenpasste, zeigte das Turnier in München.

Während die Bayern individuell noch einmal stärker besetzt gewesen waren, mussten sie bereits im Viertelfinale das Quarantäne-Hotel verlassen. Drei von sechs Spielen hatten die Münchner verloren und dabei vor allem gezeigt, dass das mit Abstand höchste Budget der Liga, die teuersten und besten Spieler in dieser Sportart noch längst keine Garantie für Erfolg sind.

„Es fehlte der Mannschaft eine gewisse Chemie - und ich meine nicht die Teamchemie untereinander, die stimmte - an einer stimmigen Mischung von Individuen“, schrieb Münchens Geschäftsführer Marco Pesic erst kürzlich in einem offenen Brief. Diesen Planungsfehler gab er zu, einen anderen, den vielleicht sogar wichtigeren, ließ er unerwähnt: Ein hochwertig besetzter Kader benötigt auch einen Trainer, der aus diesem das Maximum heraus holt. Dejan Radonjic und Oliver Kostic ist das nicht gelungen. Neue Namen werden bereits gehandelt. Offiziell ist Kostic noch im Amt, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich das ändern wird.

Keine Änderung streben die Berliner an. Marco Baldi spricht über Aito Garcia Reneses stets als optimal passenden Lehrer für den Berliner Weg der Breite und der Entwicklung deutscher Nachwuchsspieler. Der Vertrag des 73-Jährigen läuft in diesem Sommer aus, noch hat er sich nicht entschieden, ob er noch ein weiteres Jahr dranhängen möchte. Auch die Verträge von mehreren Spielern laufen aus. Ob Martin Hermannsson, Kenneth Ogbe, Tim Schneider, Tyler Cavanaugh und Landry Nnoko ein neues Arbeitspapier unterschreiben oder Alba verlassen, wird auch darüber entscheiden, wie konkurrenzfähig die Berliner in der kommenden Saison sein werden.

Am Sonntag wurde aber erst einmal gefeiert. Erst im Bus, später im Zug und nach Mitternacht auch in Berlin. An Abstand dachte in diesen Momenten niemand mehr, vielmehr an Zusammenhalt und weitere Trophäen.