Klappt doch mit der Trophäe: Trainer Andy Reid nach dem Einzug in den Super Bowl.
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MiamiSeltsame Kleidungsstücke sind nicht gerade eine Seltenheit in der National Football League (NFL). Hawaiihemden jedoch gehören gemeinhin weniger zur Grundausstattung des gestandenen Footballprofis. Trotzdem trugen von den Spielern der Kansas City Chiefs auf dem Flug nach Miami einige die bunte Oberbekleidung, nicht wegen der erwarteten Temperaturen, sondern als Hommage an ihren Coach Andy Reid, der Hawaiihemden als Freizeitoutfit ungemein schätzt.

Die Chiefs sind am Sonntag der Favorit im Super Bowl gegen die San Francisco 49ers, doch sie haben ein schlechtes Omen im Gepäck: Andy Reid. Der 61-Jährige ist einer der besten Cheftrainer der NFL-Geschichte, 221 Siege hat er mit seinen Teams Philadelphia Eagles und Kansas City Chiefs angehäuft, nur fünf Coaches haben mehr geschafft. Diese fünf allerdings haben zusammen 22 Meisterschaften gewonnen, Andy Reid steht in seiner 20. NFL-Saison bei null. Er kann einfach die großen Spiele nicht gewinnen, heißt es über den so gewichtigen wie freundlichen Mann.

Ein kuriose Taktik

Einmal war Reid nahe dran, im Februar 2005 standen seine Eagles in Jacksonville im Finale gegen die New England Patriots. Knapp sechs Minuten vor Schluss lag Philadelphia mit zehn Punkten zurück, und alle Welt wunderte sich, wie gemächlich Reid sein Team agieren ließ, während die Uhr herunterlief.

Für einen Touchdown benötigten die Eagles mit 14 Spielzügen fast vier Minuten, und Patriots-Coach Bill Belichick, der die drittmeisten NFL-Siege hat und sechs Super-Bowl-Triumphe, soll seine Assistenten gefragt haben, ob denn die Zahlen auf der Ergebnistafel stimmen. Am Ende fehlte Reids Team die Zeit für ein Field Goal zum Ausgleich, New England gewann 24:21. Kurioserweise wiederholte der Coach die seltsame Taktik elf Jahre später mit den Kansas City Chiefs, die er seit 2013 betreute.

Über fünf Minuten dauerte im Viertelfinale, wieder gegen die Patriots, ein später Touchdown-Drive zum 20:27, für weitere Punkte blieb keine Zeit mehr. Und im vergangenen Jahr wurde der Einzug in den Super Bowl verpasst, weil Linebacker Dee Ford sich ein paar Zentimeter zu weit vorn postiert hatte, bevor die Chiefs einen Pass von Tom Brady abfingen.

Die Patriots behielten den Ball und gewannen in der Verlängerung. Erneut hatte sich Belichick durchgesetzt, der Meister des Happy Ends und ewiger Gegenpol zu Andy Reid, dem Advokaten des Absturzes. Oft verspielten seine Teams in wichtigen Partien große Vorsprünge, fünfmal verlor Reid im Halbfinale, bis nun mit dem Erfolg gegen die Tennessee Titans endlich sein zweiter Einzug in den Super Bowl gelang.

Den Makel von Andy Reid tilgen

Seine gute Laune hat sich Andy Reid durch die Missgeschicke nie dauerhaft verderben lassen, und nachtragend war er ebenfalls nicht. Dee Ford, dem Mann mit dem haarsträubenden Fehler, half er bei der Suche nach einem neuen Team und gratulierte ihm per SMS, als er fündig wurde, just beim jetzigen Super-Bowl-Gegner San Francisco 49ers. Und als der Coach Doug Pederson 2018 mit den Philadelphia Eagles jenen Titel gewann, der ihm selbst verwehrt geblieben war, freute er sich aufrichtig für seinen ehemaligen Assistenten.

Den wollten die Fans in Philadelphia erst gar nicht haben, weil sie ihn als eine Kopie von Reid betrachteten, mit demselben Faible für Offensive und Risiko, nur jünger und ohne Übergewicht. „Skinny Andy“, dürrer Andy, nannten sie Pederson anfangs spöttisch.

Die Spieler der Chiefs sind fest entschlossen, den Makel ihres Coaches zu tilgen. „Wir haben es satt, ständig zu hören, dass er das große Ding nicht gewinnen kann“, sagt Tight End Travis Kelce. Reid gilt, anders als der despotische Belichick, bei allem Drang zur Perfektion als spielerfreundlicher Trainer, entsprechend beliebt ist er bei seinen Teams. „Er lässt dich du selbst sein“, sagt Quarterback Patrick Mahomes, der die Kansas City Chiefs von einer starken Mannschaft in eine formidable verwandelte. Die Krönung soll am Sonntag in Miami folgen. Und wenn nicht? „Das Leben ist größer als das“, sagt Andy Reid. „Was nicht heißt, dass ich nicht gewinnen will.“