Die Kluft zwischen den kleinen und großen Vereinen ist noch einmal gewachsen

Mit einem Team aus berufstätigen Spielern haben es der SV Lichtenberg 47 oder Tennis Borussia gegen die professioneller aufgestellten Vereine immer schwerer.

Im Duell mit dem großen FC Energie Cottbus um Tobias Hasse (l.) haben sich Noah Moreno Silva (r.) und der SV Lichtenberg 47 beim 0:0-Unentschieden immerhin einen Punkt erkämpft.
Im Duell mit dem großen FC Energie Cottbus um Tobias Hasse (l.) haben sich Noah Moreno Silva (r.) und der SV Lichtenberg 47 beim 0:0-Unentschieden immerhin einen Punkt erkämpft.Imago/Matthias Koch

Am Ende waren die Spieler von Lichtenberg 47 kaum noch in der Lage, um kurz zu jubeln. Zu sehr verausgabt hatten sich alle. Die 47er waren in ihrem zweiten Heimspiel der neuen Saison in der Regionalliga Nordost an ihre Grenzen gegangen und konnten dem großen Favoriten, dem ehemaligen Bundesligisten Energie Cottbus, überraschend ein 0:0 abringen. „Ich bin stolz auf die Jungs“, sagte Lichtenbergs neuer Cheftrainer Murat Tik, „wir haben uns in alles geworfen, was Cottbus aufgeboten hat.“

Und das in einem Duell zwischen Freizeitfußballern und Profis. Denn: Lichtenbergs Kicker gehen alle einem Beruf nach oder studieren, während Energie unter Profibedingungen arbeitet und die wohl beste Infrastruktur in der Liga besitzt. „Wir sind einer der wenigen Feierabend-Fußballervereine in dieser Liga“, so Tik, „wir können nur als starkes Kollektiv zusammenhalten, um den vielen großen Kontrahenten Paroli bieten zu können.“ Selbst Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz lobte: „Ich mag solche Vereine, die sich als Familie gegen die Großen stemmen.“

Beim SV Lichtenberg 47 wird nach der Arbeit trainiert

Keine Frage, auch Lichtenberg besitzt einige sehr erfahrene Viertliga-Kicker und viele junge Talente, die viermal in der Woche trainieren. Aber: nur am Abend, eben nach Schluss am regulären Arbeitsplatz. In der Regionalliga Nordost gab es schon immer unterschiedliche Voraussetzungen – hier Teams, die wie Profis agieren und mit Macht in die Dritte Liga streben, dort noch Amateure, die meist um den Klassenerhalt kämpfen. Doch die Kluft in der „bislang stärksten und attraktivsten Nordost-Liga“, wie sie Karsten Heine, der erfahrene Chefcoach der hoch gehandelten VSG Altglienicke bezeichnet, ist in dieser Saison noch einmal deutlich gewachsen.

Die Liga ist auf 18 Mannschaften reduziert worden, Vorjahresmeister BFC Dynamo ist nach verlorener Drittliga-Relegation weiter dabei, Viktoria 89 stieg aus Liga drei ab und mit Rot-Weiß Erfurt und dem Greifswalder FC kamen zwei Teams nach oben, die „keine normalen Aufsteiger sind“, so Lichtenbergs langjähriger Sportchef Benjamin Plötz, „beide Mannschaften arbeiten unter profihaften Bedingungen“.

Da in Optik Rathenow, Dynamo Fürstenwalde, dem SV Tasmania, dem VfB Auerbach und dem FC Eilenburg gleich fünf Teams mit niedrigem Budget im Mai absteigen mussten, ist der Zirkel der kleinen Vereine auf Lichtenberg 47, Germania Halberstadt, den FSV Luckenwalde und auch Tennis Borussia arg geschrumpft. In die Gruppe der genannten Vereine will sich auch Miroslav Jagatic, der Trainer von Chemie Leipzig, einreihen. Jagatic, einst auch Coach in Altglienicke, leistet seit über drei Jahren erfolgreiche Arbeit beim Leipziger Traditionsverein mit dem großen Zuschauerpotenzial. „Auch bei uns arbeiten die Spieler oder sind in der Ausbildung. Wir trainieren erst am Abend, aber jeden Tag.“ Jagatic sagt: „Das Niveau in der Liga ist riesig und jedes Spiel eine große Herausforderung für uns.“

Ganz vorn gibt es einen großen Kreis von Mannschaften, die unter Profibedingungen arbeiten und den Aufstieg anstreben. Dazu zählen der BFC Dynamo, Energie Cottbus, der Chemnitzer FC, der FC Carl Zeiss Jena, Lok Leipzig und erneut die VSG Altglienicke. Allerdings muss auch am Ende dieser Spielzeit der Meister der Regionalliga Nordost in die Relegation – dieses Mal gegen den Besten aus der Bayern-Staffel.

Wie sich Drittliga-Absteiger Viktoria nach einem heftigen personellen Umbruch schlägt, ist abzuwarten. Auch das junge Team von Hertha BSC II unter Trainer Ante Covic sollte eine gute Rolle spielen. Andere Vereine sind dabei, sich weiter zu professionalisieren, wie Babelsberg 03, der Berliner AK oder auch ZFC Meuselwitz, die einer langsam aufstrebenden „Mittelklasse“ in dieser Liga zuzuordnen sind.

Professionelle Strukturen bei Aufsteiger Greifswalder FC

Stark aufgestellt zeigen sich die beiden Aufsteiger Rot-Weiß Erfurt und der Greifswalder FC. Die Norddeutschen, trainiert von Roland Kroos, dem Vater von Real Madrids Star Toni Kroos, arbeiten unter Profibedingungen. Greifswalds Sport-Geschäftsführer David Wagner sagt: „Ein Großteil der Jungs kann sich komplett auf Fußball konzentrieren. Arbeit und Regionalliga ist nicht vereinbar. Dazu kommen bei uns die langen Anfahrtswege zu den Auswärtsspielen, wo wir auch ab und an übernachten müssen. Mit Arbeit ist das nicht zu realisieren.“

Karsten Heine nennt die Nordost-Staffel überschwänglich eine „Super-Liga“ und stärker als alle anderen Regionalligen in Deutschland. Der erfolgreiche Coach gibt zu, dass die kleinen Vereine „schon einen Nachteil auf langer Distanz haben“. Manager Plötz, dessen Lichtenberger auch einen personellen Umbruch erleben, will aber nicht klagen: „Es gibt extreme Unterschiede in Sachen Budget und Infrastruktur, aber wir müssen dankbar sein, dort zu spielen. Die vielen starken Gegner mit großem Namen bringen uns auch Zuschauer. Wir werden die Fahne des Amateurfußballs hochhalten.“