Den imaginären Gegner im Visier:  Aroha geht auf die Kampftänze der neuseeländischen Ureinwohner zurück.
Berliner Zeitung/ Benjamin Pritzkuleit

Berlin-WeißenseeVor bald 25 Jahren kam ein Film ins Kino, den ich nie vergessen werde: „Die letzte Kriegerin“. Darin geht es um eine Frau, die in Neuseeland am Rand der Gesellschaft lebt, unglaubliche Gewalt durch ihren Ehemann erleidet und alles tut, um ihre Kinder zu schützen. Sie ist Maori, Ureinwohnerin Neuseelands, und ein Teil ihrer Heilung zum Ende des Films rührt daher, dass sie und ihre Kinder sich wieder mit dem Erbe ihrer Vorfahren verbinden. Ein breitbeiniger Tanz mit starkem Rhythmus und lauten Schreien gehört dazu – der Haka.

Aroha versteht sich als Fitnesssport, der vom Haka inspiriert ist. Keine Frage, da bin ich sofort dabei. Noch gibt es Aroha nicht an vielen Orten Berlins, doch am Antonplatz in Weißensee bietet die Physiotherapie-Praxis von Heike Priese-Schwarz schon seit elf Jahren eine Gruppe an. Zeit dazuzustoßen!

Ein bisschen wie Soldaten

Zufällig bin ich an diesem Abend ganz in Schwarz gekleidet und befinde mich damit in bester Gesellschaft: Die knapp zehn Frauen, die sich hier treffen, tragen ausnahmslos Schwarz, bei einigen glitzern der Aroha-Schriftzug und ein rundes Symbol auf der Brust. Ist das schon ein Zeichen? Eine Uniform? Wir nehmen in zwei Reihen hintereinander Stellung – wie Soldaten, schießt es mir durch den Kopf.

„Eins, zwei, drei, und – zur Seite!“ Heike Priese-Schwarz leitet die Gruppe seit elf Jahren.
Berliner Zeitung Benjamin Pritzkuleit

Frontal zu uns steht Heike Priese-Schwarz. Die 51-jährige schlanke Frau hat ihre blonden Haare hochgesteckt. Sie wirft die Musikanlage an und es beginnt ein Training zu einem treibenden Rhythmus, der aber nichts mit dem stampfenden Beat beim Aerobic zu tun hat. Es ist ein Sechsachteltakt, eine Variante des Dreivierteltakts. Wer „Nothing else matters“ von Metallica kennt, kann sich vorstellen, wie das pulsiert.

Aroha Academy
Der Erfinder

Der Sportwissenschaftler Bernhard Jakszt, 54, hat das Fitnessprogramm Aroha entwickelt. Mit 25 Jahren begab sich Jakszt auf eine Weltreise. „Dort sind wir in Neuseeland hängengeblieben“, berichtet er. Die Kultur der Maori faszinierte ihn besonders. Sie lehrten ihn auch einige Geheimnisse ihrer Traditionen, vor allem den Haka, bei dem über ausdrucksstarke Bewegungen Kraft und Macht demonstriert wird. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wollte Jakszt  in ein Sportprogramm umsetzen, was er in Neuseeland kennengelernt hatte. Dabei nutzte er seine Erfahrungen und das Wissen um Bewegung und Entspannung, um Rhythmik und die Aktivierung der Sinne.  In der Aroha Academy, die er in Zehlendorf gegründet hat, vermittelt er Aroha und Haka und zertifiziert auch Trainer, die inzwischen bundesweit aktiv sind.

Wir nehmen die Grundstellung ein, die erwartete Kriegerhaltung mit breit gespreizten Beinen und tief hängendem Gesäß. „Eins, zwei, drei, und – zur Seite!“, ruft die Trainerin. Ihre hohe, leicht vibrierende Tonlage erinnert mich an die von Verona Pooth. Alles strikt auf Berlinerisch, denn die Trainerin ist eine gebürtige Pankowerin.

„Eins, zwei, drei, Tiger“, ruft sie und stößt hörbar Luft aus. Fast ein „Huh!“, wie ich es vom Haka kenne, wobei es   nur ein Leeren der Bronchien ist. Ich weiß nicht, ob ich einstimmen soll, denn meine Mitturnerinnen trainieren geräuschlos. Lediglich Gaby, halb links hinter mir, schnauft lauter, wozu unsere Trainerin sie immer wieder ermuntert.

Die Maori-Stellung in der halben Kniebeuge fordert die Oberschenkelmuskulatur. Spaß macht es trotzdem.
Berliner Zeitung Benjamin Pritzkuleit

Mittlerweile habe ich mich eingegroovt, die Maori-Stellung in der halben Kniebeuge macht mir erstaunlich wenig aus. Das liegt daran, dass Heike Priese-Schwarz immer neue Elemente einbaut: Der Tiger ist eine Bewegung, bei der die Hände wie Krallen aufgerichtet nach vorn schießen. Ist der Tiger ärgerlich, schlagen wir mit unseren Pranken nach einer unsichtbaren Beute. Bamm! Das macht Spaß. Man möchte fauchen. Doch der Antonplatz, auf den wir vom zweiten Stock aus hinunterblicken, liegt friedlich hinter der Glasscheibe. Keine Beute in Sicht.

Berliner Anbieter

Zehlendorf: An der Aroha-Acadamy in Zehlendorf können Interessierte Aroha trainieren, aber auch das Unterrichten von Aroha erlernen. Wer es allein praktizieren möchte, kann DVDs erwerben. Mehr Infos  www.aroha-academy.eu
Weißensee: Die Physiotherapie-Praxis am Antonplatz hat am Donnerstag um 19 Uhr einen wöchentlichen Aroha-Kurs. Mehr Infos    www.physiotherapie-weissensee.de
Charlottenburg: Der Turn- und Sportverein von 1858 bietet am Donnerstag einmal pro Woche eine Stunde Aroha im  Alten Stadtbad in der Krummen Straße.  Mehr Informationen unter www.tsv58.de
Schöneweide: Im Fitnessstudio Spreemove Balance in den Rathenauhallen   (Gebäude 74) gibt es immer mittwochs um 19 Uhr eine Aroha-Lektion. Mehr Informationen  unter www.spreemove-balance.de

Die Musik schwingt durch den Raum, wir machen eine Trinkpause. Neben den Wasserkaraffen steht eine halb leere Packung Ferrero. Die Mon Chéris sind fast alle weg. Nervennahrung für Kriegerinnen. Es geht weiter.

Was ein bisschen stört, ist der raumhohe Spiegel mir gegenüber. Wenn ich so kriegerisch die Arme abwinkele und dazu meine Fäuste in die Luft strecke, sehe ich alle Fehler der Natur, die sich in den Fünfzigern einstellen. Da hängt und schwingt was an Stellen, wo nichts hängen und schwingen sollte. Mehr Aroha tut Not!

Mal tigern, mal tanzen

Inzwischen haben wir schon eine kleine Schrittfolge gelernt. Wir strecken die Tatzen aus, schlagen nach der imaginären Beute, schleudern unsere Tatzen durch die Luft vor die Brust und die Arme zu den Seiten. Oder wir greifen zu den Sternen. Immer wieder werden die aktiven Elemente unterbrochen. Wir wedeln elegant mit den Armen wie Balletttänzerinnen oder lassen die Arme locker vorm Körper schwingen. Das tut gut und führt dazu, dass es nie zu viel wird.

Hier kann ich Körper und Geist zusammenbringen.

Aline, 43, Angestellte im öffentlichen Dienst

Die Stunde fließt dahin, wir machen wieder eine Trinkpause, ein paar Worte werden gewechselt. Alle kennen sich seit Jahren. Die Aroha-Frauen kommen, um einen Ausgleich zur Arbeit im Büro zu finden. Gaby, 59 ist Verwaltungsangestellte; sie sagt, dass sie beim Aroha entspannt. Die Bewegungen seien abwechslungsreicher als beim Zumba und die Musik gefalle ihr. „Bei mir geht hier ein Schloss auf“, fügt sie hinzu und zeigt auf eine Stelle in der Mitte ihres Brustbeins. Wenn sie in Schwung ist, dann springen kleine Schnaufer und Glücksschreie aus ihrer Kehle ins Freie. Das könne sie nicht unterdrücken, das komme von ganz allein. „Hier kann ich Körper und Geist zusammenbringen“, sagt Aline, 43, die im öffentlichen Dienst tätig ist, ja, und Bauch, Beine, Po würden fester.

Wir lassen es krachen

Ich kann das gut verstehen, sehne mich aber nach ein bisschen mehr Frustabbau. Vielleicht können wir die Holzstäbe in der Ecke zum Einsatz bringen – wie echte Krieger? Priese-Schwarz hat das Programm eigentlich anders geplant. Die Stöcke sind für Fortgeschrittene. Aroha ist außerdem kein Haka, eher eine Lightversion davon. Doch die Trainerin will mir den Wunsch erfüllen und lässt jeden zwei kleine Hölzer nehmen, die an dicke Schlagstöcke fürs Schlagzeug erinnern.

Die Aroha-Stöcke sind etwas für Fortgeschrittene, sie erinnern an dicke Sticks fürs Schlagzeug.
Berliner Zeitung Benjamin Pritzkuleit

Jetzt sind wir neuseeländisch-kriegerisch ausgerüstet und lassen es ordentlich krachen. Über dem Kopf schlagen wir die Stöcke zusammen und mir entfährt hier und da ein kleines „Huh!“ Nicht zu laut, bloß nicht übertreiben. Die Bewegungsabfolgen bleiben wie zuvor: von links nach rechts, Aktion und Entspannung im Wechsel, das Ganze breitbeinig und im Rhythmus ausgeführt. Der Antonplatz ist menschenleer, nur die Straßenbahnen ziehen wie gelbe Schlangen unter uns vorbei. Ein Krankenwagen fährt mit Tatütata durch die Nacht.

Das Fitnessprogramm

Aroha bedeutet in der Sprache der Maori „Liebe“. Das Gruppenfitnessprogramm wurde inspiriert von einigen Elementen, die es im Haka gibt – dem rituellen Tanz der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Dynamische, schwungvolle Bewegungen mit Armen und Beinen und langsame Elemente wechseln sich ab. Aroha ist ein Ausdauerprogramm, das stehend trainiert wird. Die Teilnehmer bleiben eine Stunde lang in Bewegung. Die Musik des Aroha nutzt einen Sechsachteltakt und ist eigens fürs Training komponiert. Der Sport ist geeignet für Erwachsene jeden Alters und aller Fitness-Levels. Er hilft dabei, Fett zu verbrennen und Stress abzubauen.  Auch Menschen mit Übergewicht sowie Personen mit leichten Gelenk- und Rückenbeschwerden können mitmachen, denn die Trainingsintensität kann jeder selbst bestimmen.

Heike Priese-Schwarz motiviert bis zur letzten Minute, so freundlich und fröhlich, dass der Kriegstanz zum Freudentanz gerät. Ins Schwitzen komme ich am Ende der Stunde auch, so dass alle Wünsche erfüllt sind. „Vielen Dank an euch“, sagt die Trainerin und die Aroha-Damen applaudieren ihr und sich gegenseitig. Es sind höfliche Kriegerinnen, die sich treffen. Die Stürme des Lebens, in denen die letzte Kriegerin im Filmklassiker stand, bleiben ihnen, so hoffe ich, erspart.