Berlin - Alfred Gislason stellte seinen jungen Wilden ein exzellentes Zeugnis aus. „Ich bin mit allen Neuen zufrieden, die werden sehr viel Druck machen“, sagte der Bundestrainer der deutschen Handballer - und versuchte dabei gar nicht erst, der nun drängendsten Frage rund um das Team des Deutschen Handball-Bundes (DHB) die Brisanz zu nehmen. Sie lautet: Wer muss weichen, sollten junge Spieler ins Team stoßen?

Die beiden Härtetests gegen Portugal nutzten die insgesamt sieben Neulinge fast ausnahmslos, um auf sich aufmerksam zu machen. Am besten gelang dies den beiden Männern zwischen den Pfosten. Debütant Joel Birlehm (24) von DHfK Leipzig zeigte beim 30:32 (17:17) im Rahmen der Feier zum „Tag des Handballs“ in Düsseldorf eine starke Leistung im Tor, zusammen mit dem im DHB-Trikot etwas erfahreneren Till Klimpke (23) knüpfte er am Sonntag an den guten Auftritt zwei Tage zuvor beim 30:28-Erfolg an.

Konkurrenz für Torwart Andreas Wolff

Der bisherige Nationaltorhüter Andreas Wolff dürfte die Leistungen seiner Kollegen, die spätestens seit vergangener Woche wirkliche Konkurrenten auf der Torwartposition sind, aufmerksam verfolgt haben. Der Europameister von 2016 in Diensten des polnischen Spitzenklubs Vive Kielce war von Gislason für die beiden Länderspiele nicht berücksichtigt worden. „Andi macht derzeit eine schwierige sportliche Phase durch“, so der DHB-Coach.

Allerdings bekräftigte der Isländer auch, dass er Wolff dessen Abwesenheit bei der letzten Länderspielmaßnahme des Jahres noch nach dem Viertelfinal-Aus in Tokio angekündigt hatte. „Die Tür“, ergänzte Gislason, „ist keineswegs zu. Auch nicht für Silvio Heinevetter.“ Birlehm will derweil noch keine Ansprüche anmelden: „Ich werde alles geben - und dann sehen, ob es am Ende gereicht hat“, sagte er.

Alfred Gislason lobt Djibril M'Bengue

Es scheinen mit Blick auf die EM in Ungarn und der Slowakei (14. bis 30. Januar) viele Optionen denkbar zu sein. Das gilt auch für andere Positionen. So hinterließen gegen Portugal am Sonntag die Außenspieler Lukas Zerbe (25) und Lukas Mertens (25) in der über weite Strecke guten ersten Hälfte einen bleibenden Eindruck, als zeitweise fast ausnahmslos Spieler auf dem Feld standen, die fünf oder weniger Länderspiele absolviert hatten.

Auch Djibril M'Bengue, mit 29 Jahren einer der älteren Nationalmannschafts-Neulinge, zeigte im rechten Rückraum sowie in der Defensive dabei gute Ansätze. „Er hat mich überrascht, muss ich ganz ehrlich sagen. Er hat richtig gut gespielt“, lobte Gislason den Spieler des FC Porto, der kurzfristig für den verletzten Fabian Wiede von den Füchsen Berlin vom Bundestrainer nachnominiert worden war.

Keine Länderspiele mehr vor der EM-Nominierung

Bei all den warmen Worten ist aber auch klar: Bei der Europameisterschaft, bei der Deutschland in der Vorrunde auf Österreich, Belarus und Polen trifft, werden nicht alle Neulinge Platz im Kader finden. Patrick Wiencek (familiäre Gründe) oder der Berliner Paul Drux (Knie) fehlten die vergangene Woche über und dürften unter normalen Umständen nicht aus dem Nationalteam wegzudenken sein.

Gislason ist die neue Situation aber offenbar ganz recht. Ihm ist wichtig, aus einem breiteren Kader auswählen zu können. Nach Möglichkeit will der Trainerfuchs sein Team in diesem Jahr noch einmal für ein oder zwei Tage um sich versammeln, Länderspiele stehen bis zur Europameisterschafts-Nominierung aber nicht mehr an. Es zählt nun ausschließlich die Leistung in den jeweiligen Heimatklubs - auch für Andreas Wolff.