BerlinVielleicht noch mehr als früher, so erzählte Oliver Bierhoff am Montag, sucht der Direktor des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) das Gespräch mit den Menschen außerhalb seines Wirkungsbereichs. Er fragt dann Taxifahrer, Handwerker, aber auch Manager anderer Bereiche, was sie gerade von der deutschen Nationalmannschaft halten. Heraus kommt gerade wenig Gutes. Schließlich überlagern sich zwei Stimmungslagen gefährlich: die allgemeine Freundlosigkeit bedingt durch die Corona-Pandemie und das sich ausweitende Desinteresse an der DFB-Auswahl. „Dass wir derzeit nicht gerade Deutschlands liebstes Kind sind und nicht das Lagerfeuer, das ist einfach Fakt.“ Allzu oft hatten die Fußball-Funktionäre ihren Sport und speziell die Nationalmannschaft als gemeinsamen Ort bezeichnet, an dem sich alle selbst in schlechten Zeiten versammeln, um sich gemeinsam die Hände zu wärmen.

Doch seit einiger Zeit ist das lodernde Feuer zur kleinen Glut verkommen. „Auch weil wir seit 2018 viele Sympathien verspielt haben“, wie Bierhoff eingestand, der nach dem WM-Gewinn 2014 lange nicht spürte, wie sich das von ihm meisterhaft vermarktete Premiumprodukt von der Fußball-Basis entfremdete. Es stört ihn aber, wie viel Kritik auf die Mannschaft nun in der Corona-Krise einprasselte – und wie negativ die Tonalität zugleich geworden ist: „Es tut mir sehr weh, wie mit den jungen Spielern umgegangen wird. Ich merke, dass das wie eine dunkle Wolke über der Mannschaft schwebt“, stellte Bierhoff in einem flammenden Plädoyer auf der digitalen Pressekonferenz am Treffpunkt in Leipzig fest.

Oliver Bierhoff bittet um mehr Rückendeckung

Vor den letzten Länderspielen im Corona-Jahr 2020 bat der DFB-Macher fast flehentlich um mehr Rückendeckung, ohne sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen: „Die Freude am Fußball spürt man gerade nicht. Das müssen wir vermitteln, vorneweg die Nationalmannschaft.“ Man könne ihn und Bundestrainer Joachim Löw kritisieren, „aber die jungen Spieler haben unser Vertrauen verdient – und sie werden es zurückzahlen“. Sein Versprechen: „Diese Mannschaft will ein neues Bild einer Nationalmannschaft angehen. Einsatz, Herz und Leidenschaft ist bei den Jungen da.“ Gerade der tatkräftigste Anführer dieser Generation – der längerfristig verletzte Bayern-Star Joshua Kimmich – sei das beste Beispiel für die hohe Identifikation. Bierhoff erzählte aus dem Telefonat mit dem Pechvogel: „Er brennt darauf herzukommen. Er hat zwei kleine Kinder zu Hause. Er könnte auch sagen, ich tue mir das nicht an.“

Aber auch Kimmich hätte das fragwürdige Freundschaftsspiel gegen Tschechien (Mittwoch, 20.45 Uhr/RTL) nicht bestritten, zudem mit Ridle Baku (VfL Wolfsburg), Felix Uduokhai (FC Augsburg) und Philipp Max (PSV Eindhoven) die nächsten Neulinge nominiert worden sind. Vor solch fragwürdigen Geisterspielen ist nun einmal kaum jemand von jener Vorfreude durchströmt, von der Bierhoff aus der DFB-Gründerstadt berichtete. Aus seiner Sicht könnten die Nationalspieler jedoch nicht mehr viel tun, als artig in die nächste Blase einzutauchen: Einzelzimmer beziehen, nur beim Training frische Luft schnappen, mit Abstand an den Tischen sitzen.

Der DFB-Direktor wollte mit dieser Schilderung bestimmt kein Mitleid einheimsen, aber gewisses Verständnis wecken: „Die Nationalspieler verdienen alle viel Geld, sie sind aber auch nur Menschen.“ Er habe letztes Mal in der Kabine „viele müde Gesichter gesehen“. Einige von jenen Akteuren haben sich wie Kai Havertz vom FC Chelsea selbst mit dem Coronavirus infiziert, andere wie Ilkay Gündogan von Manchester City die Erkrankung überstanden und sind nun wieder nominiert worden. Löw hat zu Recht gesagt, „die Sorge gesund zu bleiben, steht über allem“.

Nun helfe kein „Fingerschnippen“ und erst recht keine „schönen Slogans“ (Bierhoff), sondern verlorenes Vertrauen arbeitet man sich am besten durch überzeugende Siege zurück. Helfen sollen die letzten Nations-League-Duelle in diesem Jahr, zu denen am Donnerstag dann auch die Stammkräfte Manuel Neuer, Leon Goretzka, Serge Gnabry, Leroy Sane, Timo Werner, Toni Kroos und Matthias Ginter in die Messestadt reisen. Erst das Heimspiel gegen die Ukraine (Samstag, 20.45 Uhr/RTL), erneut in Leipzig, und dann das letzte Gruppenspiel gegen Spanien in Sevilla (17. November) geben Aufschluss darüber, ob die Nationalmannschaft ihr Ansehen wieder steigern kann. Vorsichtshalber warnte Bierhoff davor, dass in der Gruppenkonstellation noch alles passieren könne. „Wir müssen in Alarmstimmung sein.“ Denn nicht nur stimmungstechnisch, auch sportlich ist ein Abstieg – nämlich in die B-Kategorie der Nations League – ja noch möglich.