Nationalspieler Joshua Kimmich ist einer der Führungsspieler im DFB-Team.
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DüsseldorfEs kommt nicht so oft vor, dass beim Training der deutschen Nationalmannschaft plötzlich ein in der Bundesliga beschäftigter Fußballlehrer am Platzrand steht. Friedhelm Funkel hatte es sich nicht nehmen lassen, mal schnell einen Abstecher in jene Arena zu unternehmen, die gemeinhin von seiner Düsseldorfer Fortuna genutzt wird. Nach einem Plausch mit Bundestrainer Joachim Löw spürte der dienstälteste Bundesliga-Coach seine besondere Wertschätzung, weil fast jeder Akteur zum Handschlag vorbeikam. Ob nun Manuel Neuer, Serge Gnabry oder Matthias Ginter: Fast alle begrüßten den 65-Jährigen, der vereinsübergreifend höchste Wertschätzung erfährt. Als ein Trainer, der keinen Stimmungen nachgibt, sondern seiner Überzeugung folgt.

Lob von Löw

Funkel gilt bis heute als Verfechter von klaren Hierarchien. Doch was bietet dabei jene von ihm beobachtete Mannschaft, die in den EM-Qualifikationsspielen gegen Weißrussland in Mönchengladbach (Samstag 20.45 Uhr/RTL) und gegen Nordirland in Frankfurt (Dienstag 20.45 Uhr/ RTL) den letzten Schritt zur EM 2020 machen will? Klar, Manuel Neuer (33 Jahre/ 91 Länderspiele) und Toni Kroos (29/ 94) stehen vornean, aber dahinter verschwammen die Hierarchien, nachdem nach und nach die Weltmeister von 2014 zurücktraten oder ausgemustert wurden. Sicherlich kein Zufall, dass am Donnerstag nun ein legitimer Nachfolger in einem Düsseldorfer Hotel am Karl-Arnold-Platz zum Pressegespräch erschien. Dabei bestätigte Joshua Kimmich, im Vergleich zur missratenen WM 2018 mehr Verantwortung zu tragen.

„Die Hierarchien entwickeln sich mit den Spielen. Ich bin sicher geklettert“, sagte der 24-Jährige, der zuletzt in Dortmund im Freundschaftsspiel gegen Argentinien (2:2) sogar die Kapitänsbinde trug. Das schwarz-rot-goldene Stückchen Stoff saß zwar nicht ganz perfekt, mächtig stolz war der gebürtige Schwabe trotzdem. Löw lobte: „Er ist ein Vorbild in seiner ganzen Einstellung.“ Fleißiges Tun sind wichtiger als protziges Gewese wegen einer bestimmten Anzahl von Länderspielen. Das macht die Führungsstrukturen flacher.

„Jeder darf bei uns was sagen, dazu muss er keine 50 Länderspiele gemacht haben“, erklärt Leon Goretzka. Kimmichs Klubkollege gehört ebenso zu den 95er und 96er-Jahrgängen, auf denen viele Hoffnungen ruhen. Die Confed-Cup-Sieger von 2017, als übrigens der nach seiner Verletzung noch nicht wieder berufene Julian Draxler den Kapitän gab, sollen mehr das Gefüge prägen, nachdem die WM 2018 in Russland das desaströse Bild einer innerlich zerrissenen Mannschaft vorführte.

Löws erste Maßnahme lautete hernach, dem Allrounder vom FC Bayern die zentrale Mittelfeldrolle zu übertragen, die ihm neuerdings auch Löw-Intimus Hansi Flick im Verein fest zugeteilt hat. Für den Bundestrainer ist Kimmich längst der „Stabilisator“. Seine Position hilft, seine prägende Rolle auszuführen, wobei Kimmich die atmosphärische Gemengelage für Profis ganz pragmatisch beschrieb: „Die Stimmung ist dann am besten, wenn man Spiele gewinnt.“ Und deshalb kann der 46-fache Nationalspieler auch die Zurückhaltung der Zuschauer verstehen: „In erster Linie sind wir verantwortlich dafür, ob die Zuschauer kommen.“ Man müsse halt einfach „sexy“ spielen. Er hat auch gar nicht ausgerechnet, in welcher Konstellation sich die DFB-Auswahl bereits am Wochenende für die EM-Endrunde qualifiziert. „Wir wollen beide Spiele gewinnen.“ Schluss. Aus. Ende.

Mangel an Widerstandskämpfern

In der internen Hackordnung hat der ehrgeizige Musterschüler schon so manch älteren Akteur überholt. Ihm sollte nur der eine oder andere noch folgen, sonst könnte die DFB-Auswahl in heiklen Situationen über zu wenige Widerstandskämpfer seines Kalibers verfügen. Vielleicht wäre Löw mit dem Umbruch bereits ein gutes Stück weiter, wenn nicht „immer so viele Spieler verletzt wären“, wie Kimmich anmerkte. Im Oktober hat es zwölf Absagen gegeben, jetzt im November sind es noch neun Ausfälle. Vor allem der als Abwehrchef auserkorene Niklas Süle wird dabei als natürliche Autorität vermisst, wobei der Vereinsgefährte Kimmich hofft, „dass er noch bis zur EM schafft – er ist auf jeden Fall sehr positiv.“

Dass der Teamgeist wirklich so viel geworden besser ist – vielleicht nicht ganz so euphorisch, wie das Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff beschrieben hatte – bestätigte Kimmich insofern, dass es beim Essen keine festen Sitzordnungen mehr gebe. „Die meisten von uns kennen sich seit der Jugend und haben dann schon zusammengespielt.“ Aber deswegen kann trotzdem nicht gleich jeder mit jedem. „Bei der Arbeit ist es bei Ihnen doch auch so, dass Sie mit dem einen lieber zusammenarbeiten als mit dem anderen“, wendete er mit einem verschmitzten Grinsen ein.