Will nicht als Umfaller dastehen: Bundestrainer Joachim Löw.
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FrankfurtDie Verbundenheit zur deutschen Nationalmannschaft bleibt. Und ist bei Mats Hummels auf seinen sozialen Kanälen dokumentiert. Fast 100 000 Personen gefiel am 11. Oktober der Beitrag, als sich der zu Jahresanfang ausgebootete Nationalspieler frohgelaunt auf dem eigenen Dortmunder Trainingsgelände in Brackel mit dem Nationaltorwart Marc-André ter Stegen unterhielt. Hummels trug an jedem Tag die Trainingskleidung von Borussia Dortmund, denn die Begegnung war zufällig zustande gekommen, weil die deutschen Nationalspieler vor dem Freundschaftsspiel gegen Argentinien (2:2) auf dem BVB-Gelände übten. „Großartig so viele alte Freunde heute zu sehen“, schrieb der 30-Jährige unter seinem Instagram-Profil „aussenrist15“.

Vermutlich würde der Fußballprofi jenen berühmten Fußmarsch unternehmen, um am heutigen Dienstag zum nächsten Treffpunkt der DFB-Auswahl im Hilton Hotel Düsseldorf zu gelangen. Doch obwohl die Abwehrnot vor den EM-Qualifikationsspielen gegen Weißrussland in Mönchengladbach (Sonnabend 20.45 Uhr/RTL) und Nordirland in Frankfurt am Main drei Tage später kaum größer sein könnte, denkt Bundestrainer Joachim Löw nicht über eine Rückholaktion des Weltmeisters nach. „Generell schenken wir den Spielern, die jetzt dabei sind, unser volles Vertrauen, ihnen gehört unsere Aufmerksamkeit“, teilte Löw zur Kadernominierung mit.

Auch Antonio Rüdiger fällt aus

Der 59-Jährige will nicht als Umfaller dastehen, nachdem er seinen langjährigen Klassensprecher ja vor allem aus atmosphärischen Gründen aussortierte: Eine dominante, weil wortgewandte und intelligente Figur wie Hummels besaß immensen Einfluss, und Löw wollte mit dessen Verzicht vor allem die internen Hierarchien neu ordnen. Das war gut gemeint, um speziell Niklas Süle mehr Verantwortung einzuräumen. Doch nach dem Kreuzbandriss des Bayern-Abwehrchefs müssten eigentlich die Karten für die Innenverteidigung neu gemischt werden.

Die letzten beiden EM-Qualifikationsspiele, in denen die letzten Zweifel an der Direktzulassung für das paneuropäische Turnier 2020 ausgeräumt werden sollen, finden erneut auch ohne Antonio Rüdiger (FC Chelsea) statt, der seine muskulären Probleme nach einer Knieoperation noch nicht überwunden hat. Und weil Niklas Stark (Hertha BSC) sich vergangenen Sonnabend beim Ligaspiel gegen RB Leipzig erneut kurzfristig eine Verletzung (Nasenbeinbruch) zugezogen hat, schrumpft die Zahl spielfähiger Abwehrspieler bedenklich. Jonathan Tah (Bayer Leverkusen), Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach) und Robin Koch (SC Freiburg) heißen die verbliebenen Innenverteidiger.

Mit dieser Besetzung ist Deutschland nur bedingt abwehrbereit: Tah, 23, ist im Nationalteam – speziell bei der 2:4-Lehrstunde gegen die Niederlande – bislang den Nachweis internationaler Klasse schuldig geblieben, Koch, 23, darf nur ein Perspektivspieler sein, und Ginter, 25, könnte als Allzweckwaffe auf der rechten Seite wichtiger werden. So mag die Schmalspurvariante in der Abwehrzentrale gegen Weißrussland und Nordirland reichen, aber gewiss nicht für eine EM-Endrunde, zumal Löw bei seiner Neuausrichtung lieber auf eine Dreier-Abwehrkette setzt. Und so wird das Phantom Hummels so schnell nicht verschwinden. Löw sah am Sonnabend persönlich den Dortmunder Offenbarungseid bei den Bayern, als sich der Anführer Hummels als Einziger gegen den Untergang stemmte. Letztlich vergeblich.

Hintertür für Hummels

Löw ist keiner, der öffentlich diskutierte Personalfragen durch ein Machtwort beendet – es sei denn, sie dringen direkt zu ihm vor. „Daran habe ich gar nicht gedacht“, antwortete der Badener scheinbar verwundert vor dem Argentinien-Spiel auf die Frage, ob er eine Nachnominierung von Hummels in Erwägung gezogen würde. Trotzdem muss der 70-fache Nationalspieler, der am 19. November 2018 – einem 2:2 gegen die Niederlande in der Nations League – das bislang letzte Mal das DFB-Trikot trug, nicht für immer außen vor bleiben.

Der Bundestrainer hat in einem Videointerview angedeutet, dass im EM-Jahr eine Hintertür aufgehen könnte: „Das große Ziel heißt, eine schlagkräftige Mannschaft bei der EM eben dort auf den Platz schicken zu können. In welcher Konstellation, können wir heute noch nicht abschließend beurteilen und sagen.“ Das Gute: Hummels war zwar über Löws Entscheidung gewaltig enttäuscht, aber verzichtete später auf jedwedes Nachtreten. Es wäre kein Gesichtsverlust für den Bundestrainer, in dieser Frage eine Kehrtwende einzuleiten. Und Mats Hummels hat die Arme zum Empfang nicht nur symbolisch auf seinen sozialen Kanälen geöffnet.