Bundestrainer Joachim Löw hat einige Hürden vor dem Comeback schon gemeistert.
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StuttgartNach 289 Tagen Zwangspause dürfen Joachim Löw und seine Spieler wieder loslegen. Doch beim Neustart der deutschen Nationalmannschaft schlagen beim Bundestrainer noch immer „zwei Herzen in einer Brust“, wie der Weltmeister-Coach von 2014 selbst einräumte. Auf der einen Seite kehrt das DFB-Team am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) in Stuttgart gegen Spanien endlich in den Wettkampfmodus zurück. Andererseits erlebt Löw in seiner 182. Partie als DFB-Chefcoach eine ungeliebte Premiere. „Als Trainer hatte ich noch nie ein Spiel ohne Zuschauer“, sagte der 60-Jährige.

Für das Löw-Team ist es gefühlt mindestens der dritte Neustart nach der völlig misslungenen WM mit dem Vorrunden-Aus in Russland 2018. Zunächst versuchte es der Bundestrainer noch mit dem verdienten Weltmeister-Personal um Thomas Müller und Mats Hummels, dann schickte er über Nacht die jungen Wilden um Serge Gnabry auf den Platz. Und jetzt, nach der längsten Länderspiel-Unterbrechung seit 50 Jahren, peilt Deutschland mit neuen Gesichtern wie Robin Gosens sowie den Rückkehrern Leroy Sané und Niklas Süle den vierten EM-Titel an.

Toni Kroos ist immer noch der Schüsselspieler

Zu den Schlüsselspielern zählt nach wie vor Toni Kroos, der die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen wird. „Es ist eigentlich so: Wenn ich nichts höre von Jogi, dann reise ich an", verriet der 30-Jährige in seinem Spotify-Podcast „Einfach mal Luppen“ mit Bruder Felix Kroos. Die Kadernominierung verfolgt er deshalb schon lange nicht mehr, „in dem guten Gefühl, dass ich dann schon dabei bin“.

Einmal mehr wird der Profi von Real Madrid dabei unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit stehen. Trotz seiner riesigen Erfolge – kein anderer Deutscher gewann viermal die Champions League – scheiden sich noch immer die Geister an seinem kühlen Auftreten und vor allem an seiner Spielweise. Für manche ist der 96-malige Nationalspieler der „Spiritus Rector“, für andere der „Querpass-Toni“.

„Ich war nie der, der 90 Minuten über den Platz sprintet oder 28 Grätschen macht", sagte Kroos einmal, nachdem ihn der ehemalige Nationalspieler Bernd Schuster als „Dieseltraktor" bezeichnet hatte, der „nur vor sich her trabt und nichts macht“. Kroos steht über Kritik dieser Art, denn: „Wenn ich es leicht aussehen lasse, dann habe ich meinen Job erledigt.“ Neben Kroos stehen nur noch Julian Draxler und Matthias Ginter als Weltmeister im Kader.

Dass Löw auf wichtige Teamsäulen wie die Champions-League-Sieger Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Gnabry und Leon Goretzka vom FC Bayern sowie Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann vom Königsklassen-Halbfinalisten RB Leipzig verzichtet, passt in Sachen Belastungssteuerung in seinen EM-Plan. Zugleich eröffnet sich für den 26 Jahre alten Außenbahnspieler Gosens von Atalanta Bergamo als Neuling gleich die Startelf-Chance. In der Innenverteidigung kann Löw mit der Dreierkette Ginter, Süle und Antonio Rüdiger testen, die auch im kommenden Sommer die erste Lösung sein könnte.

Die aktuellen Umstände darf man natürlich nicht außer Acht lassen. „Es ist anstrengend, gerade jetzt in den schwierigen Zeiten, wo die Menschen andere Sorgen haben“, bemerkte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Löw hat in der Corona-Pause lange über die Einordnung des Profifußballs nachgedacht. Auch weil er in seinem Freundeskreis selbst erlebte, was Covid-19 anrichten kann. So stieß auch die Entscheidung der europäischen Fußball-Union Uefa, dass zum Länderspiel-Neubeginn nach fast zehn Monaten Pause in allen Stadien des Kontinents ohne Zuschauer gespielt wird, auf Verständnis im DFB-Zirkel.

Die Sehnsucht nach der Rückkehr von Zuschauern ins Stadion ist dennoch groß. „Wir vermissen die Fans unglaublich. Es fehlt was, es fühlt sich nicht richtig an“, sagte Bayern-Verteidiger Süle. Dennoch ist die Erleichterung groß, dass zumindest die Zwangspause vorbei ist.