Damian Lillard bekam mit Carmelo Anthony einen Veteran an die Seite, der die Portland Trail Blazers nicht nur auf dem Parkett inspiriert.
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Orlando/BerlinDamian Lillard dreht auf. Sein erster Dreipunktewurf rauscht ohne Ringberührung ins Netz, und als Gegenspieler Dillon Brooks mit einem ebenfalls verwandelten Dreipunktewurf antwortet, schnappt sich der Point Guard der Portland Trail Blazers wütend den Ball, zielt wieder aus der tiefen Distanz und trifft erneut für den Extra-Punkt. In Lillard brodelt es, sein Team hat den frühen, deutlichen Vorsprung von 16 Punkten gegen die Memphis Grizzlies Mitte des zweiten Viertels schon wieder verspielt, ist sogar in Rückstand geraten, als der 30-Jährige auf der Bank Kraft getankt hat.

Am Ende reicht es für das Team aus Oregon dennoch für die Playoffs. Im Entscheidungsspiel um die Teilnahme an der NBA-Endrunde besiegen die Blazers die Memphis Grizzlies 126:122 und starten nun ausgerechnet gegen LeBron James, Anthony Davis und deren Mannschaft der Los Angeles Lakers, in die Ausscheidungsspiele. Dabei gehen die Trail Blazers, obgleich sie das letzte Team waren, das sich für die Playoffs qualifiziert hat, keinesfalls als Außenseiter in die Spiele. Vielmehr ist Portland so etwas wie der geheime Titelfavorit, den keiner auf dem Zettel hat.

Das liegt zuallererst an Damian Lillard. Der Aufbauspieler, der schon vor der mehrmonatigen Corona-Pause ein absoluter Superstar in der NBA war, hob sein Spiel in der „Blase“ von Orlando, dem Spielort für die verbleibenden Saisonspiele, an dem die Basketball-Profis von der Außenwelt abgeschottet leben und spielen, auf ein völlig neues Level. Nach einem 51-Punkte-Regen gegen Philadelphia schenkte der Kalifornier den Dallas Mavericks zwei Tage später gar 61 Zähler ein, trug sein Team mit purer Willenskraft doch noch in die eigentlich schon verspielt geglaubten Playoffs und wurde völlig verdient zum wertvollsten Spieler in Orlando gekürt.

Doch hinter Lillard, der unter dem Künstlernamen Dame D.O.L.L.A. auch als Rapper sehr erfolgreich ist, sind es gleich drei Spieler, die dem Superstar den Rücken freihalten und das Spiel an sich reißen können. Lillard, CJ McCollum, Jusuf Nurkic und Carmelo Anthony machen aus den Trail Blazers ein echtes Siegerteam, in dem jeder seine ganz eigenen Stärken einbringt.

Im Fall von McCollum sind das: Punkte! An schlechten Tagen verwandelt der Mann aus Ohio 20 Punkte pro Spiel. An einem richtigen guten Tag würde er die Körbe wahrscheinlich auch vom Parkplatz der Arena treffen. McCollum ist eine Punktemaschine und darüber hinaus Lillards engster Vertrauter im Team. Als der wutschnaubende Point Guard die Felle seines Teams im Entscheidungsspiel gegen Memphis davonschwimmen sieht, übernimmt McCollum mit zwei Dreipunktewürfen und einem weiteren Treffer in den letzten drei Minuten, und so sichert der 28-Jährige schließlich den späten Sieg für Portland.

Nach dem Spiel äußert sich der Shooting Guard, der in seinem Stil stark an die Oldschool-Guards der frühen 00er-Jahre, Vince Carter und Tracy McGrady erinnert, drastisch: „Ich bin ein Hai! Wenn ich auf dem Spielfeld nicht zubeiße, werde ich selbst getötet. Man wird buchstäblich zerstört, und dann heißt es Koffer packen und ab nach Hause.“

Etwas ruhiger lässt es da für gewöhnlich Jusuf Nurkic angehen, auch wenn dessen Spitzname anderes vermuten lässt. Das „bosnische Biest“, wie der 2,13-Meter-Mann auch genannt wird, hat seinen aggressiven, defensivlastigen Stil früherer Tage längst hinter sich gelassen. Und auch, wenn NBA-Experten dieses Prädikat nur ungern vergeben, gehört Nurkic heute zu jenen Spielern, die sie in den USA liebevoll als „unicorn“, als Einhorn, bezeichnen. Ein großgewachsener Spieler, der nicht nur blocken, rebounden und in der Zone punkten, sondern gleichsam passen, stehlen und aus der Distanz werfen kann. Ein Alleskönner, der auf jede Spielsituation, vor allem aber auf jeden Gegnertyp reagieren kann und somit kaum zu verteidigen ist. Gegen Memphis legt Nurkic für einen Center unglaubliche 22 Punkte, 21 Rebounds, sechs Assists, zwei Blocks und zwei Steals auf – und kämpft nach der Schlusssirene mit den Tränen. Seine Großmutter war tags zuvor in Bosnien an den Folgen einer Covid19-Erkrankung gestorben.

Einer, der Nurkic nach dem Spiel als erster fest in den Arm nimmt, ist Carmelo Anthony. Als der 36 Jahre alte Veteran vor der Saison nach erfolglosen Stationen in Houston und Oklahoma City schließlich in Portland anheuerte, glaubten viele an ein eher kurzes Intermezzo. Die Zeit des einstigen, zuletzt etwas moppelig wirkenden Stars schien lange vorbei zu sein, das Engagement bei den Trail Blazers der letzte Atemzug vor dem Karriereende. Doch schon vor der Corona-Pause lenkte Anthony das Team voller Routine, ohne sich in den Vordergrund zu stellen. In Orlando erschien er zudem so austrainiert, dass ihm Medienvertreter und Mitspieler den Namen „Skinny Melo“, dürrer Melo, verpassten. Gegen Memphis zeigt er seine ganze Erfahrung und verwandelt Sekunden vor Schluss den spielentscheidenden Dreipunktewurf.

Nun sind die Los Angeles Lakers für die Portland Trail Blazers der denkbar undankbarste, weil schwierigste Gegner zum Playoff-Auftakt. Doch sollten Lillard, McCollum, Nurkic, Anthony und Kollegen einen Weg finden, die Kalifornier zu besiegen, gibt es für das Team aus Oregon keine Grenzen mehr. Dann ist alles möglich, auch die Meisterschaft.