Neun Rennen wird Sebastian Vettel noch für Ferrari bestreiten, dann verabschiedet er sich von den Italienern in Richtung Aston Martin.
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BerlinEs ist die noble Art, seinem derzeitigen Arbeitgeber die Schau zu stehlen: Sebastian Vettel hat unmittelbar vor dem Großen Preis der Toskana, dem 1000. Rennen von Ferrari in der Formel 1, die Fortsetzung seiner Karriere bekanntgegeben. Der Heppenheimer bleibt der Königsklasse erhalten und wird die nächsten Jahre für Aston Martin fahren, das bisherige Racing-Point-Team. Das fährt noch in Rosa, aber für den vierfachen Weltmeister gilt jetzt schon: Aus Rot mach Grün.

Nach den schäbigen Verhandlungen mit Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, der sich längst mit dem Spanier Carlos Sainz einig war, hat Vettel lange mit sich selbst um seine Zukunft gerungen. Am Ende blieben vier Alternativen: Rücktritt, Sabbatical, Rückkehr zu Red Bull Racing oder Neustart bei Racing Point. Seine Perspektive war immer die, wieder in einem konkurrenzfähigen Auto fahren zu können. Vom Mittelfeld, das zeigt sich in dieser Saison im für ihn praktisch unfahrbaren SF 1000, hat er die Schnauze voll.

Vettel wird wieder Mannschaftskapitän

Ausgestattet mit einem Mehrjahresvertrag rückt der 33-Jährige wieder in eine Rolle, die er sich vor sechs Jahren auch in Maranello erhofft hatte: die eines Mannschaftskapitäns, der ein Rennteam zum Titelgewinn führen kann. So, wie es sein Vorbild Michael Schumacher vorgelebt hatte. Aus Frust wird damit wieder Lust. Bei Racing Point, das von 2021 an als Werksteam von Aston Martin an den Start gehen wird, übernimmt er die Fahrlehrer-Rolle gleich mit. Der kanadische Milliardär Lawrence Stroll hatte das Team und auch die Marke Aston Martin übernommen, um seinem Sohn Lance, 21, auf Sicht ganz nach vorn zu bringen. „Die Energie und das Engagement von Lawrence Stroll ist für mich eine Inspiration. Ich glaube, wir können zusammen etwas ganz Besonderes schaffen“, sagt Vettel.

Es wird spannend sein zu erleben, wie sich Vettel mit dieser Situation arrangiert. Zunächst wird er nur auf sich schauen, aber seine Expertise aus fast 14 Formel-1-Jahren ist genau das, was der aufstrebende Rennstall aus Silverstone noch braucht. Geld ist da, eine neue Rennfabrik auch, dazu ein Mercedes-Motor. „Ich kann mir keinen besseren Fahrer vorstellen, der uns auf dem Weg in diese neue Ära helfen könnte“, sagt Teamchef Otmar Szafnauer. Spätestens, als der Hesse und der US-Amerikaner neulich gemeinsam zusammen in einem Straßen-Ferrari aus dem Fahrerlager gefahren sind, schien der Wechsel nur noch Formsache.

Ein Planspiel, das auch gut für die gesamte Serie ist. Die neue Saison könnte zur Rache der Senioren werden: Lewis Hamilton wird dann 36 sein, Fernando Alonso kehrt mit 39 zurück, Vettel ist das Bindeglied zur nächsten Generation. Aber er hat einen großen Namen, und auch sein Ehrgeiz ist groß genug, um Rechteinhaber Liberty Media als Zugpferd zu dienen. Ganz abgesehen von dem Duell mit seinen Nachfolgern bei Ferrari. Auch für die Autobahn-Nation Deutschland ist damit klar, dass weiterhin mindestens ein einheimischer Fahrer an den Start gehen wird.

Ein zweiter Frühling, eine letzte Chance. Da stemmt sich einer gegen den drohenden Abstieg. Vorsichtshalber hat Racing Point bei der Bekanntgabe des Wechsels gleich noch Vettels Vita angehängt, um zu zeigen, welch großen Fisch man da an Land gezogen hat: Vier Titel, 53 Grand-Prix-Siege. Die psychologische Bedeutung, einen Erfolgsfahrer in den eigenen Reihen zu haben, darf man nicht unterschätzen in diesem Sport. Das gibt Sicherheit wie Ansporn. Wieder so ein Geschäft auf Gegenseitigkeit – die einen richten sich am anderen auf. „Sebastian hat alles schon bewiesen und bringt eine Siegermentalität mit. Das entspricht unseren eigenen Ambitionen bei Aston Martin”, weiß Szafnauer, „ich könnte mir keinen besseren Fahrer vorstellen, um in eine neue Ära zu starten und uns auf die nächste Stufe zu heben.“

Zahlen allein berichten zu wenig vom Charakter Vettels, der trotz aller Rückschläge in Italien völlig intakt ist. Stur ist der Hesse, sicher. Aber eben auch ein ewiger Kämpfer, höchst loyal (wie sich sogar im aktuellen Ferrari-Fiasko zeigt). Es wird ihm eine Ehre sein, mit dem Aufsteiger-Rennstall die letzten Stufen zurück nach oben zu nehmen. Er will sich beweisen, er muss es sogar – eine Dekade nach seinem ersten Titelgewinn.

Ausgemustert, angeheuert. Den Weg freigemacht hat am Mittwochabend bereits der Mexikaner Sergio Perez, dem auch die Sponsoren aus der Heimat das Cockpit nach sieben Jahren nicht mehr sichern konnten. Perez ist ein Talent, das immer kurz vor dem Durchbruch zu stehen scheint – aber er ist eben kein Entwickler. Bekommt aber wohl eine ordentliche Abfindung, weil sein Vertrag noch bis 2022 gelaufen wäre.

Jetzt haben Vettel und Aston Martin doch ganz einfach und logisch zusammengefunden: die Perspektive auf mehr Erfolg eint sie. Die Poesie stimmt auch: „Es ist ein neues Abenteuer für mich mit einem wahrhaft legendären Autobauer.“ Tatsächlich gibt es wenige in der aktuellen Formel 1, für die Tradition einen so hohen Stellenwert hat wie für Sebastian Vettel. Ferrari vielleicht noch, aber das ist für ihn bei neun noch ausstehenden WM-Läufen schon Geschichte.