Bundestrainer Stephan Horngacher hat neue Impulse ins deutsche Skispringen gebracht. 
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BischofshofenDie 68. Vierschanzentournee war das erste Highlight in der Ära von Stephan Horngacher. Und die Bilanz des neuen Skisprung-Bundestrainers kann sich sehen lassen: Topflieger Karl Geiger hatte bis zum großen Finale in Bischofshofen die Chance auf den ersten deutschen Gesamtsieg seit 18 Jahren. Der 20 Jahre alte Aufsteiger Constantin Schmid weckte Hoffnungen auf künftige deutsche Erfolge. Und der dreimalige Weltmeister Markus Eisenbichler fand aus seinem tiefen Leistungsloch und dürfte bei der Skiflug-Weltmeisterschaft zum Saisonende in Planica ein Medaillenanwärter sein.

„Wir sind auf einem guten Weg, waren bei unseren Heimspringen zweimal beste Nation in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen. Für mich gilt die Devise: Nur aus einem starken Team können außergewöhnliche Leistungen entstehen“, sagt Horngacher. Der Österreicher hatte im vergangenen Frühjahr das schwere Erbe seines Vorgängers Werner Schuster angetreten, der die deutschen Flieger in elf Jahren zu einzigartigen Erfolgen geführt hatte. Horngacher stellte fast das gesamte Betreuerteam um, veränderte den Trainingsaufbau und auch viele Abläufe bei der Tournee.

Richtiges Rezept für Karl Geiger

Neben neuen Hotels setzte der 50-Jährige auch auf eine stärkere Abschottung. Die direkte Wettkampfvorbereitung wurde von der Schanze in die Hotels abseits der Fernsehkameras verlegt, TV-Interviews zwischen erstem und zweitem Durchgang entfielen. Zumindest für den bei der Tournee im vergangenen Winter noch am Erfolgsdruck gescheiterten Karl Geiger war das das richtige Rezept: Er war mit den zweiten Plätzen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen der herausragende Flieger. Erst beim Springen in Innsbruck zeigte er mit dem möglichen Tourneesieg vor Augen Nerven.

„Das Problem bei der Tournee: Ein nicht ganz so guter Sprung bei schlechten Bedingungen – und schon ist es vorbei. Man darf sich halt keine Fehler erlauben“, sagte Geiger danach. Er zeigte trotzdem seine beste Leistung bei der Vierschanzentournee – genau wie Constantin Schmid. Mit Platz sieben beim Neujahrsspringen von Garmisch-Partenkirchen unterstrich der Athlet vom WSV Oberaudorf sein riesiges Potenzial.

Horngacher hatte in der Saisonvorbereitung die Materialabstimmung des zweimaligen Junioren-Weltmeisters geändert, um dessen Sprung effektiver zu machen. Mit Erfolg: „Constantin springt technisch auf einem hohen Niveau und hat bei der Tournee teils herausragende Leistungen gezeigt. Er ist unser größtes Talent und bringt alles mit.“

Während Constantin Schmid ein künftiger Siegspringer sein könnte, galt Markus Eisenbichler als dreimaliger Weltmeister des vergangenen Winters eigentlich als die größte Hoffnung in der Premierensaison von Horngacher. Ein Sturz gleich zu Saisonbeginn, Windpech und die zu hohe eigene Erwartungserhaltung warfen den 30 Jahre alten Bayern jedoch weit zurück. Bei den deutschen Tourneespringen fand Eisenbichler mit den Plätzen elf und zehn jedoch wieder halbwegs zurück in die Spur. „Markus ist definitiv wieder auf den Weg nach vorn. Es dauert nicht mehr lange, dann wird der Eisei wieder vorn aufschlagen“, ist Horngacher überzeugt. Das große Highlight für den begnadeten Flieger Eisenbichler kommt mit der Skiflug-WM in Planica – der Schanze, auf der er im März seinen ersten Weltcup-Sieg feierte – erst ganz zum Saisonende.

Glänzende Perspektive: Karl Geiger hat sich unter Stephan Horngacher gut entwickelt.
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Den mit Ausnahme von Innsbruck starken deutschen Team-Auftritt bei der Tournee komplettierten Team-Weltmeister Stephan Leyhe und Pius Paschke. Während Paschke, 29, die stärksten Saison seiner Karriere springt (12. In Oberstdorf und in einem Probe-Durchgang sogar ganz vorn), fehlt dem Innsbruck-Fünften Leyhe wohl nur die letzte Entschlossenheit für ganz große Erfolge. Sorgenkind ist mit Richard Freitag ein anderer Team-Weltmeister: Er verpasste wegen massiver technischer Probleme im gesamten Sprung beim Tournee-Auftakt in Oberstdorf die Qualifikation für den Wettbewerb und wurde danach zum Snowboard-Fahren geschickt, um den Kopf freizubekommen.

Freitag dürfte aber in den nächste Wochen wieder ins deutsche Weltcup-Team zurückkehren – genau wie Severin Freund. Der in den letzten Jahren von Verletzungen gebeutelte Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtweltcupsieger hat seine Rückenprobleme überwunden und trainiert schon wieder auf der Schanze. „Für Severin könnte die Skiflug-WM ein Ziel sein“, sagt Horngacher. Wegen Knieverletzungen fehlten bei dieser Tournee mit dem zweimaligen Olympiasieger Andreas Wellinger und Talent David Siegel zwei weitere potenzielle Leistungsträger. Horngacher: Wir haben drei unserer besten Athleten nicht im Einsatz. Ich weiß nicht, welches Team auf der Welt das kompensieren kann. Wir schaffen es fast.“

Für den letzten deutschen Tournee-Gesamtsieger Sven Hannawald (2001/2002) steht nicht nur deshalb schon jetzt eins fest: „In der Ära Horngacher wird es einen deutschen Tournee-Gesamtsieger geben.“