In Miami wollen die San Francisco 49ers wieder zur Nummer eins der National Football League aufsteigen.
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New YorkEs gab eine Zeit, da war Playoff-Football ohne San Francisco undenkbar. Rund zwanzig Jahre lang, von Beginn der 80er-Jahre bis 1998, waren die San Francisco 49ers eine Macht in der National Football League (NFL), fünf Titel haben sie in dieser Zeit angehäuft und Legenden wie Joe Montana und Jerry West hervorgebracht. Das Football-Team, das damals noch im Candlestick-Park mitten in der Stadt spielte, war der ganze Stolz von San Francisco.

Von den heutigen Fans der 49ers können sich nur noch die Älteren wehmütig an diese Zeit erinnern. Zwar haben es die Footballer aus Kalifornien 2012 wieder einmal bis in den Super Bowl geschafft, den sie gegen die Baltimore Ravens verloren. Doch es war nur ein kleiner Hoffnungsschimmer. Über die meiste Zeit während der vergangenen zwanzig Jahre dümpelten die 49ers im Mittelmaß herum. Der Umzug in das seelenlose Levi’s Stadium im Silicon Valley im Jahr 2014 schien diesen Abstieg nur noch weiter zu zementieren.

Die 49ers sind die Überraschungsmannschaft der Saison

Doch seit diesem Jahr gibt es wieder Hoffnung, dass eines der großen Teams der NFL wieder zu alter Größe zurückfindet. Die 49ers stehen an diesem Sonntag gegen die Kansas City Chiefs im Super Bowl, und die Mannschaft wirkt nicht wie eine sportliche Eintagsfliege. „Es ist so, als ob ein alter Freund, der lange weg war, zurückgekehrt ist“, sagt NFL-TV-Moderator Chris Berman.

Die 49ers waren die große Überraschungsmannschaft der Saison. Noch im vergangenen Jahr hatte sie eine katastrophale Bilanz von vier Siegen zu zwölf Niederlagen. In diesem Jahr drehten sie den Spieß um und gewannen 13-mal. Im Meisterschaftsspiel um die National Football Conference fegten sie souverän den Erzrivalen aus besseren Tagen, die Green Bay Packers, vom Platz. Bei alldem sah die neue Formation von Head Coach Kyle Shanahan wie eine Mannschaft aus, die auf Jahre hinaus den Football an der Westküste prägen kann. Der Mix aus talentierten jungen Spielern wie den Verteidigern Nick Bosa und Richard Sherman, den Running Backs Raheem Mostert und Matt Breida sowie dem besonnen Quarterback Jimmy Garoppolo ist ein Gerüst, das lange Zeit tragen wird.

Die Wiedergeburt der 49ers passierte unterdessen nicht, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, über Nacht. Es ist bereits drei Jahre her, dass die Teamführung das Duo Kyle Shanahan und den neuen Manager John Lynch mit genau dem Auftrag anheuerte, die desolate Mannschaft neu aufzubauen.

Eine hervorragende Chemie

Lynch und Shanahan erhielten beide Sechsjahresverträge – ein enormes Risiko angesichts der Tatsache, dass beide in ihren neuen Jobs nur wenig Erfahrung hatten. Shanahan hatte vorher in Atlanta die Offensive koordiniert, als Cheftrainer hatte er noch nie fungiert. John Lynch, der ehemalige Strong Safety der Tampa Bay Buccanneers, hatte vor seinem Job in San Francisco   als TV-Kommentator gearbeitet. Doch die beiden hatten, wie man in den USA sagt, eine hervorragende Chemie. Innerhalb kürzester Zeit entwickelten sie eine gemeinsame Vision für die Zukunft der 49ers.

Fakten zum Super Bowl

Stadion: Gespielt wird im Hard Rock Stadium in Miami/Florida. Die Arena ist bereits zum sechsten Mal Schauplatz des Spektakels nach 1989, 1995, 1999, 2007 und 2010. 65 000 Zuschauer passen hinein.
Duell: Das Finale San Francisco gegen Kansas City gab es noch nie. Die Chiefs waren zuletzt vor 50 Jahren dabei (1970/Super Bowl IV) und schlugen bei ihrem bislang einzigen Titelgewinn die Minnesota Vikings (23:7). Die 49ers haben fünf Titel geholt, die Franchise kann mit den Rekordsiegern Pittsburgh Steelers und New England Patriots (beide 6) gleichziehen.
Farbenspiel: Beide Teams haben Rot als Hauptfarbe, die Chiefs werden sie als nominelles Heimteam tragen. Die 49ers schlüpfen in weiße Trikots und goldene Hosen.
Deutscher: Mark Nzeocha, 30, aus Ansbach kann als dritter deutscher Profi nach Markus Koch (1988, 1992) und Sebastian Vollmer (2015, 2017) den Super Bowl gewinnen. Der Linebacker der 49ers kommt als Special Teamer zum Einsatz.
Fernsehen: ProSieben sendet ab 22.45 Uhr, der Livestreamingdienst Dazn ab 23.45 Uhr. Es werden wieder gut 100 Millionen Fans in den USA vor dem Fernseher sitzen.
Werbung: Laut US-Werbefachzeitschrift Adweek kostet ein 30-Sekunden-Spot beim Sender Fox 5,6 Millionen Dollar. US-Präsident Donald Trump und Michael Bloomberg, möglicher Herausforderer bei der Wahl im November, haben je 60 Sekunden gebucht.
Show: Für die Halbzeitshow sorgen in Miami Gardens Jennifer Lopez und Shakira, für die US-Hymne vor dem Spiel Demi Lovato.
Essen: Laut National Chicken Council  dürften die Amerikaner am Wochenende 1,4 Milliarden Chicken Wings verdrücken. Einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge sind die beliebtesten Speisen der Befragten Chips mit Dip vor Chicken Wings, Pizza und Nachos.
Trinken: Limonade macht das Rennen vor Bier, Eistee und Wein. Es sollen 325,5 Millionen Gallonen Bier getrunken werden, mehr als 1,2 Milliarden Liter.
Tickets: Die sind ab 4 250 Dollar zu haben. Für den Bereich am Spielfeldrand nahe der Mittellinie sind 274 625 Dollar fällig. Ein Ticket für Super Bowl 1 (1967) kostete sechs Dollar. Das Spiel war nicht ausverkauft.
Prämien: Jeder Profi des Siegerteams erhält eine Bonuszahlung von 124 000 Dollar (112 000 Euro). Für die Verlierer gibt es 62 000 Dollar (56 000 Euro). Die Sieger des Pro Bowl, Allstar-Game der NFL, bekamen 70 000 Dollar. Ein Erfolg im Pro Bowl ist also lukrativer als eine Niederlage im Super Bowl.

Nach einer Saison hatten sie einen starken Kern aus jungen talentierten Spielern zusammengestellt, welche die 49ers auf dem Transfermarkt nicht allzu viel kosteten. Das fehlende Puzzleteil zu einer Siegmannschaft flog Shanahan und Lynch jedoch eher unverhofft in den Schoß. Weil Superstar Tom Brady beim Rekordmeister New England sich damit schwertat, einen talentierten Quarterback neben sich zu dulden, wurde sein Ersatzmann Garoppolo 2018 plötzlich zu unverhältnismäßig günstigen Konditionen verfügbar. Lynch und Shanahan schlugen zu.

In dieser Saison ist Garoppolo erstmals unverletzt und bringt den beiden mutigen Investoren aus San Francisco reichlich Dividende. Der uneigennützige Verteiler stellt sich als genau der Richtige heraus, um die jungen schnellen Angreifer der 49ers in Szene zu setzen.

Erinnerungen an Joe Montana

Dass die New England Patriots in der ersten Play-off-Runde ausschieden und Tom Brady sich nun nach einem neuen Job umsieht, verschafft den 49ers nun zweifellos ein gewisses Maß an Genugtuung, auch wenn sie es sich nicht anmerken lassen. Es ist ein Zeichen, dass sich die Kräfteverhältnisse im Football verschieben. Die Patriots-Ära ist vorbei, und im Westen gibt es berechtigte Hoffnung auf ein neues goldenes Zeitalter für San Francisco.

So wie zu Zeiten des Joe Montana. Der ist hin- und hergerissen. „Ich werde ein Bier für jeden Touchdown trinken, den beide Teams erzielen“, sagt Montana, der für viele Experten der beste Quarterback in der Geschichte ist. Denn obwohl ihn Fans sofort mit den San Francisco 49ers und den vier Meistertiteln verbinden, hat der 63-Jährige auch für die Kansas City Chiefs etwas übrig. Von 1993 bis 1994 ließ er seine einzigartige Karriere in Kansas ausklingen. Die Erfolge mit den 49ers überstrahlten jedoch lange Zeit die Leistungen seiner Nachfolger. Jimmy Garoppolo hat immerhin des Meisters Segen: „Quarterback zu sein, ist das Schlimmste, weil jeder auf ihn schaut“, sagt Montana. „Und hey, er macht genau das, was er soll.“