Quarterback Jimmy Garoppolo wuchs in der regulären Saison bei den San Francisco 49ers über sich hinaus.
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BerlinAbgesehen davon, dass ihr Team nach einer von fortschreitender Erfolglosigkeit geprägten sechsjährigen Durststrecke am Sonnabend mal wieder ein Play-off-Match in der National Football League (NFL) bestreiten darf, haben die Anhänger der San Francisco 49ers noch einen weiteren Grund zur Freude: Richard Sherman ist diesmal auf ihrer Seite.

Der inzwischen 31 Jahre alte Cornerback, der im Viertelfinale gegen die Minnesota Vikings die Defense der 49ers anführen soll, war schließlich der Auslöser besagter Durststrecke, als er im Januar 2014 im Trikot der Seattle Seahawks den hochfliegenden Titelträumen der Kalifornier ein jähes Ende bereitete. Sekunden vor Ende des Halbfinales in Seattle bekam er die Fingerspitzen an einen Pass von 49ers-Quarterback Colin Kaepernick, und die Seahawks zogen in den Super Bowl ein, den sie gegen die Denver Broncos souverän gewannen.

Die San Francisco 49er stürzten ab

Die Partie zwischen Seattle und San Francisco galt damals als vorweggenommenes Finale und gleichzeitig als Fanal für die Zukunft. Zwei aufregende, aufstrebende Teams mit jungen dynamischen Quarterbacks, Russell Wilson auf der einen, Kaepernick auf der anderen Seite, versprachen eine spannende Rivalität, welche die Liga prägen könnte.

Es kam jedoch anders. Die Seahawks erreichten zwar noch einmal den Super Bowl, verloren aber gegen die New England Patriots, bevor ihre erfolgreiche Formation zerfiel. Die 49ers, 2013 im ersten Kaepernick-Jahr Final-Verlierer gegen die Baltimore Ravens, stürzten komplett ab. Der Quarterback konnte nicht das Niveau der Vorjahre halten, das Team schwächelte und gewann in seinem letzten Vertragsjahr 2016 nur noch zwei Partien. Dann wurde Kaepernick aufgrund seines vor der Saison begonnenen Hymnenprotests gegen rassistische Polizeigewalt zur unerwünschten Person bei den Teambesitzern der NFL.

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Die Misere der San Francisco 49ers schien erst vorbei, als Kyle Shanahan Chefcoach wurde und im Herbst 2017 der Quarterback Jimmy Garoppolo verpflichtet werden konnte, der bei den New England Patriots jahrelang den braven Ersatzmann für Tom Brady gespielt hatte. „Von ihm habe ich gelernt, wie man sich als professioneller Football-Spieler verhält“, schwärmt er. Nachdem die Mannschaft bis dahin nur einen Sieg geschafft hatte, gewann sie mit Garoppolo ihre letzten fünf Matches, die Erwartungen für 2018 waren entsprechend optimistisch.

Kurz nach Saisonbeginn zog sich Garoppolo jedoch einen Kreuzbandriss zu, nur vier Spiele wurden gewonnen. Skepsis herrschte, als der genesene Quarterback zurückkehrte, vor allem als er es in einem Vorbereitungsspiel schaffte, keinen einzigen Pass an den Mann zu bringen. Doch dann wurde Garoppolo von Spiel zu Spiel besser und sorgte maßgeblich dafür, dass die 49ers erstmals seit 1997 wieder die Nummer eins in der National Football Conference (NFC) wurden.

Garoppolo erwarf mit seinen Pässen 3978 Yards, das war nicht mal 49ers-Legende Joe Montana gelungen. Nur zweimal Steve Young und einmal Jeff Garcia hatten höhere Werte geschafft. Besonders beeindruckend war Garoppolos Fähigkeit, in engen Partien Ruhe und Übersicht zu bewahren.

Das Duell mit den Seattle Seahawks um den ersten Platz in der NFC und damit ein Freilos in der ersten Play-off-Runde entschied allerdings die Defense. Beim direkten Aufeinandertreffen in Seattle am letzten Spieltag stoppte Linebacker Dre Greenlaw zwölf Sekunden vor Schluss Tight End Jacob Hollister nur wenige Zentimeter vor der Endzone. San Francisco siegte 26:21, Seattle musste in die Wildcard-Runde und trifft nun nach dem Sieg bei den Philadelphia Eagles auf die Green Bay Packers.

Kritik an Auswahl der Chefcoaches in der NFL

Für die 49ers war das zentimetergenau erkämpfte Freilos ungemein wichtig, am Sonnabend kehren gleich vier lange verletzte Abwehrspieler ins Team zurück. Gegen Minnesota kommt es besonders darauf an, das gefährliche Laufspiel der Vikings zu stoppen, dabei aber nicht die Anspielstationen von Quarterback Kirk Cousins zu vernachlässigen.

Das fällt in das Aufgabengebiet von Richard Sherman, obwohl Cousins es wie die meisten Quarterbacks wohl tunlichst vermeiden wird, den Ball allzu oft in seine Nähe zu werfen.

Als Mitglied der gefürchteten „Legion of Boom“ in Seattle war Sherman nicht nur wegen seiner sportlichen Fähigkeiten, sondern vor allem auch wegen seinem Hang zu Wortgefechten und gern auch Beleidigungen von Gegnern berüchtigt. Seine Meinung sagt er immer noch gern, zuletzt kritisierte er, dass es immer weniger schwarze Chefcoaches in der NFL gibt, andere jedoch, kaum irgendwo gefeuert, sofort wieder einen Job finden, „wenn sie das gewisse Aussehen haben“.

In San Francisco wirkt Richard Sherman mit all seiner Erfahrung aber auch als Mentor für die jüngeren Kollegen. „Seine Führungsqualitäten sind unerreicht“, sagt Defensivkoordinator Robert Saleh, „man kann seinen Wert für unsere Abwehr gar nicht hoch genug veranschlagen.“ Und die Fähigkeit, seine Fingerspitzen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben, hat er sich auch bewahrt. Sehr gern würde er sie am 2. Februar beim Super Bowl in Miami vorführen. Wie hieß es doch auf den Shirts der 49ers nach dem Gewinn der NFC West Division: „Der Westen ist nicht genug.“