Berlin - Zwischen Leid und Freude liegt im Leben eines Skirennfahrers sehr wenig. In der Karriere von Linus Straßer schien das Leid sogar einst so groß zu sein, dass der 29 Jahre alte Münchner an ein Karriereende dachte. Vor etwa vier Jahren war der Slalomfahrer in den Trainings einer der Schnellsten, verpatzte dann aber regelmäßig die Wettkämpfe. Mit seinen Coaches tüftelte er an einer neuen Herangehensweise an die Rennen und fand ihn wieder – den Spaß am Skifahren. Eine Einstellung, die ihn am Dienstag zum ersten deutschen Sieger beim Nachtslalom-Klassiker in Schladming krönte.

Als die deutsche Nationalhymne in der Zieleinfahrt des „Maracana-Stadions des Skisports“ – wie der frühere Alpin-Star Felix Neureuther die Planai bezeichnet – ertönte und Straßer mit gläsernen Augen in den Nachthimmel blickte, dachte er womöglich an die damalige Zeit. Oder an den ernüchternden Start in diesen Winter, nach dem kaum jemand mehr mit einem Podestplatz gerechnet hatte. Selbst die Olympia-Qualifikation, die Straßer erst mit seinem dritten Platz Mitte Januar in Adelboden knackte, schien in Gefahr zu sein.

Prophezeiung an der Tankstelle auf dem Weg nach Schladming

Rund einen Monat später sind viele Zweifel und Sorgen wohl vergessen. Plötzlich gilt Nightrider Straßer sogar als Medaillenkandidat bei den Olympischen Winterspielen in Peking (4. bis 20. Februar). Neben dem Norweger Lucas Braathen, Österreichs Manuel Feller und Kristoffer Jakobsen aus Schweden ist Straßer der Einzige, der in dieser Saison bereits zweimal auf ein Podium im Slalom raste. Von Konstanz zu sprechen, wäre angesichts der übrigen Ergebnisse – Platz 14 sowie drei Nullnummern – jedoch vermessen.

„Zwischen Leid und so was hier liegt so wenig“, stellte auch Straßer nach seinem famosen Schladming-Sieg fest. Daher wolle er den Moment jetzt einfach mal genießen. Ein Moment, der nicht ganz überraschend kam, wie Straßer später verriet. „Des g’winnst heut, Straßer“, hatte ihm jemand an einer Tankstelle auf dem Weg nach Schladming zugebrüllt. Straßer lieferte.

Straßer hat seinen eigenen Weg gefunden

Dass der Oberbayer mittlerweile überhaupt zu den besten Slalomfahrern der Welt gehört, liegt auch an einem Reifeprozess, den er durchlief. Straßers Herangehensweise an die Rennen hat sich verändert. Aus einem Jungspund, der vor allem seinem großen Idol Neureuther nacheiferte, ist ein Athlet geworden, der seinen eigenen Weg verfolgt. „Ich, mein Skifahren und der Berg“, lautet der Plan des Oberbayern.

Ein Plan, der trotz vieler Formschwankungen irgendwie aufzugehen scheint. Mit fünf Podestplätzen – darunter zwei Siegen – ist Straßer seit vergangener Saison der erfolgreichste Deutsche im Weltcup. „Linus ist seit Jahren einer der Schnellsten. Sehr flink und sehr beweglich“, beschreibt Sportdirektor Wolfgang Maier seinen Schützling. In vielen Rennen fahre er einfach zu „wild und ungestüm“.

Alpinchef Maier setzt Hoffnungen in Straßer

Intern mahnte der Alpinchef seine elf Olympiafahrer an: „Lebt nicht in der Illusion, dass die Dinge von allein passieren!“ Bei der WM in Cortina d’Ampezzo hätten „die Dinge saugut gepasst“, sagte er, „aber das wird keine Serie“. Es sei „harte, gezielte Arbeit“ erforderlich, „uns wird nichts geschenkt, niemandem“. Vor allem die zuletzt schwachen Leistungen des fünfköpfigen Abfahrtsteams der Männer, mit dem Maier am Mittwoch nach Peking aufbrach, bereiten ihm Kopfzerbrechen.

Hoffnungen machen ihm aber eben Linus Straßer, die WM-Zweite Kira Weidle und Slalom-Ass Lena Dürr. Am 16. Februar steht bei den Olympischen Spielen der Slalom-Wettbewerb auf dem Programm. Auch dann will sich Straßer wieder auf sich konzentrieren – und auf sein Skifahren. Und auf den Berg. „Wenn einem das am Schluss gelingt, das ist das Schönste, was es gibt.“