Ein Mechaniker arbeitet in der Boxengasse von Interlagos am Triebwerk des Ferrari von Sebastian Vettel.
Foto: AFP/Carl de Souza

São PauloEs geht im vorletzten Formel-1-Rennen des Jahres um nicht mehr viel für Ferrari, und doch geht es beim Großen Preis von Brasilien für die Scuderia um alles – die Reputation nämlich. Nicht nur die bittere Schlappe von Austin, die den Mercedes-Piloten Lewis Hamilton vorzeitig zum Champion machte, gilt es, in Interlagos zu tilgen, sondern auch einen bösen Verdacht auszuräumen: Die roten Rennwagen leisteten sich justament dann eine unerklärliche Schwächeperiode, als der Automobilweltverband (Fia) einen Trick zur Manipulation der Benzindurchflussmenge offiziell verboten hat, der einen zweistelligen PS-Vorteil bringt.

In der Formel-1-Bürokratie werden durch scheinbar harmlose Anfragen an die Regelhüter oft Praktiken anderer Teams angeprangert, ohne deren Namen offiziell zu nennen. Man bittet einfach nur um eine Klarstellung zu einem Sachverhalt. Entweder, um einen anderen zu schwächen – oder sich selbst zu stärken.

In diesem Fall hatten das Red Bull und Honda getan, und ließen durchblicken, dass es klar um Ferraris über den Frühsommer in den Herbst gesteigerten Vorsprung ging. Und siehe da, plötzlich war dieser Überschuss weg, was Toto Wolff vom Konkurrenten Mercedes mit den neutralen Worten „plötzlich ist die Leistung eine andere“ und einem süffisanten Grinsen quittierte. Red-Bull-Pilot Max Verstappen wurde im niederländischen Fernsehen allerdings deutlicher: „Das passiert natürlich, wenn man aufhört zu betrügen.“ Da war er, der böse Verdacht.

In Austin hatten die Verdächtigungen und das schlechte Abschneiden Ferrari-Teamchef Mattia Binotto den 50. Geburtstag versaut; Charles Leclerc war 52 Sekunden hinter dem Sieger ins Ziel gekommen, Sebastian Vettel früh ausgeschieden. Binotto wehrte sich, sprach von „falschen Schlussfolgerungen“ und „enttäuschenden Kommentaren“. Über den Techniker-Streit droht auch die Allianz der großen Rennställe zu zerbrechen. Bislang machten Ferrari, Mercedes und Red Bull gemeinsame Sache, um die Formel-1-Richtlinien für die Zukunft nach ihrem Gusto zu beeinflussen. Vor dem Rennen in São Paulo folgte nun eine weitere Direktive der Fia, diesmal geht es um Öl im Brennraum des Motors, das dort nicht hingelangen und verbrannt werden darf, weil es illegal die Leistung steigern würde. Wieder ein Schuss vor den Bug von Ferrari? Alle Mutmaßungen setzen das Team aus Maranello zusätzlich unter Druck, in Brasilien eine Top-Leistung abzuliefern. Die 1,2 Kilometer lange Vollgaspassage bergauf bietet sich geradezu an, um zu zeigen, dass die Motorenleistung durch die neuen Einschränkungen der Regeln nicht gelitten hat. Charles Leclerc startet zudem mit einem nagelneuen Motor, und muss um zehn Startplätze zurück.

Müsste Ferrari an seinem über das Jahr offenbar um 50 PS stärker gewordenen Antriebsstrang tatsächlich etwas ändern, würde das auch die schon auf Hochtouren laufende Fahrzeugkonstruktion für die kommende Saison beeinflussen, in der man endlich den Siegeszug von Mercedes stoppen will. Vor allem Sebastian Vettel will sich mit seinem fünften Titel, den ersten in Rot, krönen. Der Heppenheimer hat dem Fernsehsender Sky gesagt, dass er davon ausgehe, über sein Vertragsende 2020 hinaus in der Formel 1 weiterzufahren.

Die Frage, wie sauber oder nicht die Konkurrenz arbeitet, will Ankläger Verstappen in Brasilien nicht mehr kommentieren. Sebastian Vettel bezeichnet die Aussagen von Austin als „sehr unreif“, will aber auch keine Debatte führen, zumindest keine mit Worten: „Es ist zwar nicht unsere Aufgabe, die Leute ruhig zu stellen, aber es wäre sicher das Beste, auf der Strecke eine Antwort zu geben. Wir wollen in Brasilien gewinnen, und wenn sich dann als Nebeneffekt herausstellt, dass sich im Vergleich zu früher nichts geändert hat, ist es gut so.“ Kollege Leclerc leistet Schützenhilfe: „Es ist nicht meine Motivation, unsere Gegner eines Besseren zu belehren. Wir wissen, dass alles in Ordnung ist und dass wir nichts Verbotenes getan haben. Keiner im Team hat den Spruch von Max ernst genommen.“ Trotzdem: ein Spaß wird dieses Rennen für Ferrari ganz bestimmt nicht.