Die Scuderia Ferrari steht vor einem Umbruch.
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Abu DhabiSie reden. Sie reden viel. Miteinander, was ein Unterschied bedeutet zu übereinander. Aus den Alphatierchen Sebastian Vettel und Charles Leclerc sollen rechtzeitig zum Formel-1-Finale in Abu Dhabi Kuscheltiere geworden sein. Behauptet zumindest Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. Muss er auch. Denn von der Belastbarkeit der Kollegialität in der Boxengasse hängt maßgeblich der Erfolg der Scuderia in der kommenden Saison ab. Es ist der 13. Anlauf, zumindest einen Weltmeistertitel nach Maranello zu holen.

Eine einfache Statistik zum Rennjahresende verdeutlicht das Manko der Italiener. Mercedes hat sein sechstes Double einfahren können, weil der Teamgeist und die Teamresultate stimmten: neun Doppelerfolge in 22 Rennen. Ferrari hat dagegen nur einmal die Maximalpunktzahl einfahren können, in Singapur – bei Vettels bislang einzigem Sieg in dieser Saison.

Das zeugt von wenig Ausgeglichenheit, und die Zahlen trügen nicht. Ferrari hat viele gemeinschaftliche Fehler gemacht, gepaart mit ein paar individuellen der Piloten. Auch hier wieder der Vergleich zu den Champions: Hamiltons einziger richtiger Patzer war der am Ende des letzten Rennens, als er zu wagemutig eine Kollision verursachte. Vettel und Leclerc hingegen berührten sich nur leicht, was aber zu einer Art Frontalcrash der ohnehin übers Jahr zerrütteten Beziehung führte. Gefragt, welche Szene der Saison er wählen würde, wenn er Regisseur der neuen Netflix-Dokumentation über die Formel 1 wäre, befand der erste 22 Jahre alte Leclerc: „Sicher nicht diese Situation.“ Der letzte Grand Prix machte das Dilemma erst richtig deutlich, in dem das insgesamt erfolgreichste Grand-Prix-Team steckt.

Situation nicht akzeptabel

Ferrari muss sich grundsätzlich neu formieren, wenn das nächste Jahr ein besseres werden soll. Binotto wird einen weiteren Teil seiner Verantwortung für die Technik – er ist der einzige Prinzipal in der Königsklasse, der beide Führungspositionen inne hat – an Simone Resta abgeben, der von Alfa Romeo zurückgeholt wurde. Er selbst muss auch die neuen Fiat-Chefs und die Besitzerfamilie davon überzeugen, dass die kolportierten 600 Millionen Euro im Jahr gut angelegt sind. „Wir wissen, wie wir weitermachen müssen“, sagt Mattia Binotto. Er meint dabei vor allem seine Fahrer.

Der zuvorkommende, für die Formel 1 oft zu nett wirkende Signore Binotto hat auch diesmal auf die reinigende Wirkung einer Gesprächstherapie gesetzt. Schon nach dem Debakel in Brasilien hat er die Sünder einbestellt, mit zusätzlichen Sitzungen in den Tagen danach. „Sie haben verstanden, dass das, was passiert ist, nicht akzeptabel war“, so der Ingenieur, „und wir wissen jetzt, wie wir weitermachen müssen.“

Das wäre gut, denn kein anderes Team betreibt so großen Aufwand wie Ferrari. In kommenden Frühsommer fährt der einzige Rennstall, der seit 70 Jahren durchgehend am Start ist, seinen 1 000. Grand Prix. Die Hoffnung fürs Jubiläum: Nicht wieder den Saisonstart verschlafen zu haben. Die Fehde der Teamkollegen, aber auch das Verbot eines Benzintricks könnten die zuletzt wieder aufsteigende Tendenz torpedieren. Die Silberpfeile bleiben auch in dieser Hinsicht das bislang unerreichte Vorbild: Mercedes-Teamchef Toto Wolff scheint jedenfalls unbeirrbar zu sein in seinen Aktionen, selbst wenn der Rennstall leistungsmäßig unterlegen ist. So hat der Spitzenreiter Rennen gewonnen, die eine sichere Beute von Ferrari zu sein schienen. Immer noch ist vieles bei den Roten einfach zu aufgeregt.

Sebastian und Charles müssen Alphatiere bleiben, denn nur dann sind sie aggressiv und schnell genug fürs Rennen.

Mattia Binotto, Teamchef Ferrari

„Wir haben unsere Lektion gelernt“, behauptet Leclerc beim Schlussspurt in den Emiraten, „die Situation war unglücklich. Nur ein kleiner Kontakt, aus dem ein großes Drama entstanden ist. Grundsätzlich sollten wir weniger aggressiv miteinander umgehen. So etwas sollte nicht wieder passieren.“ Vettel konnte öffentlich nicht zustimmen, er kümmerte sich nach der Geburt eines Stammhalters noch zuhause um die Familie. Aber auch dem Heppenheimer ist die Verantwortung klar, die Binotto an seine Chauffeure weitergegeben hat: Es gibt vorerst keine Stallorder. Auch diese Entscheidung ist im Hinblick auf 2020 getroffen worden. Immer noch glaubt der Rennstallboss, dass es eine Luxussituation ist, zwei gleich starke Fahrer in den Autos zu haben. Deshalb lässt er sie, wie Mercedes, frei fahren. Leclerc hat verbal eine Mitschuld am jüngsten Knatsch eingeräumt, jeder hätte seinen Anteil daran. Der Monegasse, Shooting-Star des Jahres und klarer Sieger im internen Duell, beschwört die Zukunft: „Am wichtigsten ist, dass wir von jetzt an nach vorne denken.“ Kollege Vettel hat erst in dieser Woche betont, welche Werte für ihn besonders wichtig sind: „Respekt, Ehrlichkeit, Anstand, Empathie.“

Am Wochenende können sich die beiden Rivalen der Rennbahn jeweils noch um einen Platz in der Gesamtwertung verbessern. Vettel, der mit 230:249 Punkten gegenüber Leclerc auf Rang fünf der Fahrer-WM liegt, kann noch den vierten Rang schaffen. Sein Teamkollege wiederum hat elf Zähler hinter Max Verstappen rangierend noch Chancen auf den dritten Platz. Der Ehrgeiz ist garantiert, denn für beide geht es jetzt noch einmal um einen bleibenden Eindruck für die Winterpause, aber auch schon um die erste Positionierung für die Vertragsverhandlungen im kommenden Sommer. Dann laufen bei allen Top-Rennställen die Verträge aus, entsprechend hoch wird gepokert. Binotto wird spätestens dann, zumindest inoffiziell, eine Nummer eins nominieren müssen. Teamorder haben in Maranello ohnehin die größte Tradition. Wäre auch besser für seine Nerven, obwohl er sagt: „Sebastian und Charles müssen Alphatiere bleiben, denn nur dann sind sie aggressiv und schnell genug fürs Rennen.“ Der Verdrängungswettbewerb hat gerade erst richtig begonnen.