Gezeichnet: der Berliner Radprofi Maximilian Schachmann.
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BerlinTour de France, tour de Souffrance: Die Frankfreichrundfahrt macht ihrem Beinamen als Tour der Leiden wieder alle Ehre. Und das, bevor sie losgerollt ist. Radprofi Maximilian Schachmann hat nach seinem Schlüsselbeinbruch große Zweifel an seinem Start am 29. August in Nizza. „Ich vermute, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich fahre. Zum Tour-Start wird der Bruch definitiv nicht verheilt sein“, sagte der 26-jährige Berliner der „Bild“-Zeitung.

Der deutsche Straßenmeister vom Team Bora-hansgrohe war am Sonnabend bei der Lombardei-Rundfahrt kurz vor dem Ziel mit einem Auto kollidiert und hatte sich bei dem Sturz das Schlüsselbein gebrochen. Die Verletzung wird derzeit konservativ behandelt. Ob doch noch eine Operation notwendig ist, soll nach weiteren Untersuchungen entschieden werden.

Viele Favoriten leiden

„Man muss einfach sehen, wie sich das Schmerzlevel entwickelt. Kann ich ohne Einschränkungen das Rad steuern und kann ich durch ein Schlagloch fahren, ohne zu ,schreien oder habe ich schon riesige Schmerzen, wenn ich nach der Trinkflasche greife“, sagte Schachmann. 

Auch unter den Favoriten hat das große Leiden bereits begonnen. Emanuel Buchmann kann kaum laufen, Titelverteidiger Egan Bernal hat Rückenschmerzen und Primoz Roglic tut nach einem Crash der ganze Körper weh: Auch für die Sieganwärter wird es ein Wettlauf gegen die Zeit – und für den völlig formschwachen Chris Froome scheint der schon verloren.

„Bei Emanuel müssen wir jetzt von Tag zu Tag schauen und Entscheidungen treffen. Prellungen und Hämatome können natürlich auch super langwierig sein“, sagte Bora-hansgrohe-Teamchef Ralph Denk zum Zustand seines Kapitäns. Der deutschen Tour-Hoffnung droht nach seinem Sturz bei der Dauphine, bei dem er sich starke Prellungen im Rücken- und Gesäßbereich zuzog, nun kurz vor der Großen Schleife eine längere Trainingspause.

Ob Buchmann beim geplanten Höhentrainingslager in Livigno noch einmal an seiner bis dato guten Form feilen kann, steht deshalb noch in den Sternen. Eine Prognose sei schwierig, sagte Denk.

Neben dem Vorjahresvierten und Schachmann erwischte es beim deutschen Topteam Bora-hansgrohe auch auch Buchmanns Helfer Gregor Mühlberger, die sich zuletzt glänzend präsentiert hatten. „Mit Blickwinkel auf unsere Mannschaft war es natürlich sehr bitter. Die Tour de France geht schon in knapp zwei Wochen los. Insofern war es schon ein harter Schlag für uns“, sagte Denk dem Sportinformationsdienst. Ob Buchmanns Tour-Ziel Podium  nun nach unter korrigiert werden müsse, würden die nächsten Tage zeigen, sagte Denk.

Doch nicht nur bei Bora-hansgrohe sind die Sorgenfalten nach dem von schweren Stürzen überschatteten Wochenende riesig. Auch beim Team Ineos dürfte das Toptrio den Verantwortlichen schlaflose Nächte bereiten: Vorjahreschampion Bernal musste bei der Dauphine bereits vor der vierten Etappe wegen einer Rückenverletzung aussteigen, Froome zeigte sich ohne Verletzungssorgen erneut formschwach. Der 35-jährige Brite war vor allem bei den Anstiegen chancenlos, lag am Ende fast eineinhalb Stunden hinter Gesamtsieger Daniel Martinez (Kolumbien/EF Pro Cycling). Geraint Thomas, Tour-Sieger von 2018, trudelte mit fast einer Stunde Rückstand als 37. des Gesamtklassements ein.

Enttäuscht über die schwachen Vorstellungen ließ Ineos-Sportdirektor Gabriel Rasch seinem Frust freien Lauf. „Chris muss sich definitiv verbessern, genau wie Geraint. Auf der Dauphine waren sie nicht gut genug“, polterte er, hat aber noch ein wenig Hoffnung bis zum Start in Nizza am 29. August: „Geraint und Chris machen weiterhin ein wenig Fortschritte, Schritt für Schritt. Sie sind noch nicht an der Spitze, aber ich bin optimistisch, dass sie bis zum Grand Depart einen weiteren Schritt nach vorn machen.“

Ebenso erschüttert sind die Tour-Hoffnungen des großen Rivalen Jumbo-Visma. Starfahrer Steven Kruijswijk stürzte schwer, wenig später erwischte es seinen Kapitän Roglic heftig. Kruijswijk gab mit ausgekugelter Schulter auf, Tour-Mitfavorit Roglic, der sich in glänzender Verfassung präsentiert hatte, trat trotz Gesamtführung am Sonntag nicht mehr an. „Viele Tour-Favoriten sind gestürzt. Es war schon dramatisch“, meinte Denk.

Bis zum Start am kommenden Samstag heißt es also primär: „Wunden lecken“, sagte Denk. Viel Zeit dafür bleibt dem großen Favoritenkreis im Lazarett nicht.