Zwei Meter Abstand zum Nachbarn? Die Tour de France 2019 auf dem Weg zum Tourmalet.
Foto: AP/Christophe Ena

ParisChristian Prudhomme ist kein Träumer, nicht im landläufigen Sinn. Der 59-Jährige ist als Direktor der Tour de France ein knallharter Geschäftsmann und als jemand, der aus dem Fernsehbusiness kommt, ein erstklassiger Verkäufer. Aber genau deshalb träumt der Franzose dieser Tage so intensiv und in aller Öffentlichkeit. Er will die Tour de France 2020 durchziehen wie deren Auflagen in den Jahren davor: Als gut zu vermaktendes Spektakel, mit bewegten, bewegenden Bildern aus der Hubschauberperspektive, Aufnahmen von atemberaubenden Landschaften. Und von begeisterten Zuschauern am Streckenrand. 

Sportverbot in Paris

Ein Albtraum, sagen vernunftbegabtere Franzosen, die den geschäftstüchtigen Träumer immer weniger verstehen. Denn die Realität sieht dieser Tage anders aus. Paris, der Ort des Finales einer jeden Tour, verhängt gerade ein Sportverbot. Genauer: Die Stadtverwaltung und die Polizeipräfektur untersagen Sport in der Zeit von 10 Uhr bis 19 Uhr. In der Nacht dagegen ist Sport im öffentlichen Raum erlaubt. Kommt jetzt die Tour am 19. Juli morgens um 4 Uhr in Paris an? 

Die Indizien verdichten sich, dass die Tour nicht einmal losfährt, jedenfalls nicht am 27. Juni wie geplant. Die Vorstellung, dass drei Wochen lang knapp 200 Radprofis mehr als 3.000 Kilometer auf ihren Rennmaschinen und dazu einige hundert Begleitfahrzeuge eine ungefähr doppelt so lange Strecke auf Landstraßen und Autobahnen zurücklegen, ist angesichts der verherenden Situation zu Zeiten des grassierenden Coronavirus in Frankreich tatsächlich ein Albtraum.  "Jede Art von Nachlässigkeit würde die kollektiven Anstrengungen gefährden", sagen die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und Polizeipräfekt Didier Lallement. Christian Prudhomme sagt: "Eine Tour ohne Zuschauer am Streckenrand ist keine Tour."

Pas de huis clos pour le Tour de France,  "die Tour nicht hinter verschlossenen Türen", nicht als Geistertour, was an sich schon ein Irrsinn wäre bei teilnehmenden Teams in Bataillonsstärke. Andere Anbieter im Profiradsport haben längst die Realität akzeptiert und Konsequenzen gezogen, die International Management Group zum Beispiel, Veranstalter der Tour de Suisse, die als unmittelbare Vorbereitung auf die Tour de France, angesetzt für die Zeit vom 6. bis 14. Juni, nun nicht stattfinden wird.

Doch Prudhomme ist nicht allein mit seiner Träumerei, auch andere verbinden offenbar wirtschaftliche Hoffnungen mit dem bekanntesten Radrennen der Welt. Pascal Coste etwa, Präsident des Départements Corrèze, durch das die Tour auch rollen soll, kann dem Gedanken durchaus eine gute Seite abgewinnen, die Große Schleife durchzuziehen. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt, vom  25. Juli bis zum 16. August möglicherweise. Coste und Prudhomme stehen in engem Kontakt. "Wir haben uns über mehrere Sachen ausgetauscht", hat der Départementschef dem Portal France bleu gesagt. Eine Verschiebung um einen Monat werde erwogen. Um den 15. Mai herum wolle Prudhomme in Abstimmung mit den zuständigen Stellen festlegen, ob ein Tourstart realistisch ist oder nicht.  

Und wenn nicht? Wenn die Vernunft über wirtschaftliche Interessen triumphiert? In Zeiten von Home office gibt es einen Plan B, auch für Freunde der Tour de France, die Tour de France virtuel. Julian Alaphilippe ist in diesem Jahr als Frontmann auf der  Spielekonsole, der zwischenzeitliche Inhaber des Gelben Trikots 2019 aus dem Land der Großen Schleife. Das wird eine Frankreichrundfahrt. Mit Zuschauern am Streckenrand und trotzdem hinter verschlossenen Türen. Vive le Tour! Vive la vie!