Tadej Pogacar bahnt sich einen Weg durch die Menge.
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Berlin/ParisFrankreich, am Sonntag: Zigtausende Fans begrüßen die Tour de France zum Finale auf den Straßen der Hauptstadt Paris. Auch Frankreich, ebenfalls am Sonntag: Das Land meldet für den Vortag 13.500 neue Corona-Infektionen, weltweit die viertmeisten, doppelt so viele wie beim Tour-Start, ein neuer Höchstwert in der Seuchenkrise.

Zwei Schlaglichter, die zeigen, auf welch schmalem Grat sich die Frankreich-Rundfahrt in den vergangenen drei Wochen bewegt hat. Trotz aller Bedenken, trotz aller Risiken hat die Tour – wenn auch mit drei Monaten Verspätung – die kompletten 3484 Kilometer zwischen Nizza und Paris zurückgelegt. Ohne größere Vorfälle, ohne größere Ausfälle. Und deshalb durfte sich Tour-Chef Christian Prudhomme zu pathetischen Worten aufschwingen.

„Macht nicht kaputt, was Menschen zusammenbringt!“, rief Prudhomme in einem gewissen Triumphgefühl Mitte der Schlusswoche bei einer Rede in Grenoble aus: „Die Tour de France ist eine Veranstaltung, die verbindet. Es gibt so viele Kommunitarismen, welche die Menschen voneinander entfernen. Die Tour aber ist so viel mehr als das größte Radrennen der Welt. Die Tour ist unser Land!“

Das sagte Prudhomme wohlgemerkt einen Tag nach der Rückkehr aus einwöchiger Quarantäne, nachdem er sich irgendwo auf seiner für ihn unverzichtbaren Cour zwischen Ehrengästen und Cocktailparty selbst das Virus eingefangen hatte. Andererseits wurde kein einziger Fahrer, wurden nur vier Teammitglieder positiv getestet. Das Chaos, das aufgrund des strikten Reglements – zwei Fälle in einer Mannschaft hätten zu deren Ausschluss geführt – zu befürchten war, blieb aus.

Dennoch: Die Tour betrieb ein Spiel mit dem Feuer, es ging gut. Ob dies den weitreichenden Schutzmaßnahmen, einer gewissen Ignoranz den Gegebenheiten gegenüber oder doch nur schierem Glück zu verdanken war, wird sich wohl nicht abschließend klären lassen.

Das französische Volk zumindest hielt sich weitgehend und lange an die Sicherheitsvorschriften, auch wenn es an den neuralgischen Anstiegen in Alpen und Pyrenäen zu bedenklichen Szenen unter Beteiligung Unverbesserlicher kam. Am Sonnabend dann aber beim Zeitfahren in den Vogesen standen wahre Menschenmassen am Berg, viele Fans pfiffen auf Vorsicht. Die Profis waren während der Tour hin und her gerissen.

„Haltet Abstand und tragt Masken – bitte!“, predigte André Greipel nach den ersten Bergetappen in Richtung Fans. Wenige Tage später klang der deutsche Sprint-Routinier deutlich gelassener: „Das ist hier ja eine Art Versuchsobjekt für den gesamten Sport. Auch der Fußball sieht, dass es nicht unmöglich ist, dass es Veranstaltungen gibt, wo auch Fans involviert sind. Das macht ja den Sport aus.“