Noch lange nach Abpfiff schallten am Freitagabend Feiergesänge durch das Olympiastadion – nur der Hertha galten sie nicht. Das Berliner Publikum hatte sich schnell in die Nacht verabschiedet. Stattdessen priesen teils oberkörperfreie Männer im Gästeblock lautstark ihren HSV, der landläufig als Hannover 96 bekannt ist. Es war aber eher eine Abschiedsfeier, denn trotz des beherzt erkämpften 2:2 beim Tabellendritten steuern die Roten hart auf die Zweite Liga zu.

Julian Schieber vernahm die Gesänge kaum. Der Hertha-Stürmer war zu diesem Zeitpunkt bereits in der Mixed-Zone an einer Journalistentraube hängengeblieben, die ihn immer wieder vom Gang in die Kabine abhielt. Schließlich gab es nach dem Auftritt gegen den Tabellenletzten reichlich Fragen, zu seiner Person im Speziellen und zu Hertha im Allgemeinen.

Schiebers Fazit fiel differenziert aus. Persönlich durfte er die 19 Minuten auf dem Feld als Erfolg verbuchen. Schließlich war es für den 27-Jährigen nach überstandener Knorpelverletzung und anschließendem Bluterguss im Knöchel erst der zweite Einsatz in der laufenden Saison, den er nur Sekunden nach seiner Einwechslung veredelte. Ein kurzer Sprint in den Strafraum, ein perfekt getimter Pass auf den Kollegen Salomon Kalou sorgten in der 72. Minute dafür, dass Hertha immerhin noch einen Punkt behalten durfte: „Es ist klar, dass wenn ich rein darf, ich alles zeigen, der Mannschaft helfen will. Das ist mir in der Situation gelungen“, befand Schieber. Das eigene Hochgefühl versperrte ihm jedoch nicht den realistischen Blick für den dürftigen Auftritt seines Teams: „Am Ende müssen wir mit dem 2:2 zufrieden sein, weil Hannover ein richtig gutes Spiel gemacht hat. Die waren bissig. Man hat gemerkt, dass sie ums Überleben kämpfen.“

Partie beginnt gut

Dabei hatte die Partie ganz nach Plan von Trainer Pal Dardai begonnen. Der hatte mit Kalou und Vedad Ibisevic zwei Stürmer aufgeboten und wollte möglichst schnell in Führung gehen. Ein Wunsch, den ihm der Bosnier bereits nach drei Minuten nach einer flachen Hereingabe von Marvin Plattenhardt erfüllte. Doch die Führung erwies sich als Gift für die Herthaner, die fortan gegen gallig attackierenden Hannoveraner kopf- und ideenlos agierten und kaum echte Chancen herausspielten. Schieber erklärte: „Wir haben einen perfekten Start, führen schnell 1:0. Natürlich denkt man dann, zu Hause gegen den Tabellenletzten ist es ein Selbstläufer. Das wurde haarsträubend bestraft mit zwei guten Toren vom Gegner.“

Vogelwild habe sein Team nach der Führung agiert, kritisierte Dardai. Er machte dafür einen Tick Übermotivation nach dem 0:5 in Mönchengladbach verantwortlich und erklärte gleich noch, warum übermotivierte Spieler schlimmer sind als unmotivierte: „Die unmotivierten kann man einfach mit einem Arschtritt dazu bringen, nach vorne zu traben. Übermotivierte zu bremsen ist viel schwieriger. Die erste Halbzeit war übermotiviert. Da powerst du dich aus für nichts.“

Unklar an diesem Erklärungsmodell bleibt jedoch, warum Übermotivation zu Beißhemmungen in der Defensive führt. Die Herthaner attackierten die Gäste nur zögerlich, ließen ihnen sogar Raum zur spielerischen Entfaltung, den diese mit schönen Kombinationen vor den beiden Toren dankend annahmen. Auch Dardais personelle Umstellungen gingen nur zur Hälfte auf. Während der für den erstmals nicht in der Startelf stehenden Vladimir Darida gekommene Petar Pekarik bei den wenigen Kontern der Berliner zumindest bisweilen positiv in Erscheinung trat, erwischte Lustenberger-Ersatz Sebastian Langkamp einen schwachen Tag. Beim 2:1 gewährte er Vorlagengeber Kenan Karaman nur Begleitschutz, und wenig später verstolperte er einen Ball und konnte den Hannoveraner Abschluss nur per Foul verhindern.

Die Patzer der Konkurrenten

Die fehlende defensive Festigkeit, die das erhoffte spielerische Offensivstreben erschwerte, trug maßgeblich dazu bei, dass sich beim Tabellendritten wie in der Vorwoche nach Spielende die Frage nach der eigentlichen Qualität der Mannschaft stellte. Nach dem Mönchengladbach-Spiel hatte Dardai implizit erklärt, seine Truppe sei kein Champions-League-Team. Nun räumte er ein: „Eine Topmannschaft gewinnt eigentlich ein Heimspiel, wenn sie zwei Tore schießt.“

Weil sie erst nach dem späten Ausgleich gegen müde gewordene Gäste zu ihrem Offensivspiel fanden, blieb den Herthanern am Ende jedoch nur das Lob ihres Trainers für die kämpferische Moral in der zweiten Halbzeit – und ein Punkt. Den mochte Schieber nicht unterschätzt wissen: „Der kann am Ende genauso wichtig sein wie jeder andere.“ Vor allem, wenn die Konkurrenten um eine Qualifikation für die europäische Eliteliga ebenfalls patzen − siehe Borussia Mönchengladbach und FSV Mainz 05.