Ein Mann in Schutzanzug nimmt bei einem Fan des FC Bayern in Vorbereitung der Reise zum Supercup in Budapest einen Corona-Test-Abstrich.
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Berlin/BudapestAleksander Ceferin mag sein Versprechen nicht brechen. Der Supercup zwischen dem FC Bayern und dem FC Sevilla (Donnerstag, 21 Uhr), so die Verlautbarung des Präsidenten der Europäischen Fußball-Union (Uefa), werde „so sicher sein wie kein Spiel zuvor“. Das ist eine recht kühne Aussage für einen Testballon, um angeblich über die Teilzulassung von Zuschauern besser urteilen zu können. Als die Uefa diesen Entschluss am 25. August mit Zustimmung ihrer 55 Mitgliedsverbände fällte, konnte niemand die fatale Entwicklung in der Pandemie voraussagen: Am Austragungsort Budapest stecken sich gerade mehr als 100 Menschen pro 100.000 Einwohner – gerechnet auf sieben Tage – mit dem tückischen Coronavirus an. Damit liegt die Inzidenz fast doppelt so hoch wie in München, wo gerade Maßnahmen wie die Maskenpflicht auf Straßen und Plätzen im Gespräch sind.

Auch die Uefa-Verantwortlichen haben am Dienstag geredet, mit Gesundheitsbehörden der Stadt und der ungarischen Regierung, weil es ja einen „Point of no Return“ gebe – einen Punkt, an dem beispielsweise Anhänger der beiden Klubs nicht mehr umkehren können. Aus München sind es fast 700 Autobahnkilometer quer durch Österreich bis in Ungarns Hauptstadt. Ein Stoppschild in Form eines Geisterspiels soll aber partout nicht aufgestellt werden: Die Uefa teilte nun mit, an der Austragung mit Zuschauern unverändert festzuhalten. Viele halten das für unverantwortlich: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fürchtet ein „Fußball-Ischgl“.

Der Freistaat strich flugs eine Ausnahmeregel: Demnach sind Sport-, Kultur- und Freizeitreisende bei Aufenthalten von weniger als 48 Stunden in Risikogebieten nicht mehr von einer Quarantänepflicht befreit. Die Fußballfans sollen nach der Rückkehr gleich einen Test machen. Oder nach Söders Meinung am besten gleich zu Hause bleiben. „Jeder soll sich das noch mal ganz genau überlegen, ob das sinnvoll ist.“

Bereits am Montag hatten 800 von ursprünglich 2100 Bayern-Fans ihre Karten zurückgegeben, Tendenz am Dienstag stark steigend. Aus Sevilla hatten ohnehin weniger als 500 beim Kontingent von 3000 Tickets zugegriffen. Womöglich kommen jetzt weniger als 10.000 Besucher in das 67.155 Plätze bietende Stadion. Die Uefa weiß sehr wohl, was sie mit einem über eine Kerze fliegenden Ballon aufs Spiel setzt: Sollte der Supercup zum „Superspreader-Event“ werden, würde das auf absehbare Zeit auch Europapokal- und Länderspiele mit Zuschauern fast unmöglich machen. Wie wenig geheuer mittlerweile auch dem FC Bayern dieses Experiment ist, zeigt die Tatsache, dass keine Sponsoren und VIP-Gäste zur Delegation gehören.

Wer ergründen will, warum alles durchgezogen wird, muss die osteuropäischen Allianzen in den Uefa-Gremien durchleuchten. Vor zehn Monaten reiste Uefa-Boss Ceferin als Ehrengast zur Einweihung der nach dem ungarischen Fußball-Idol Ferenc Puskas benannten Arena nach Budapest. Das Coronavirus war damals ungefähr so weit weg wie Ungarns Nationalelf von einem zweiten WM-Finale nach 1954, weshalb Fußballfunktionäre und Politiker für die Erinnerungsfotos ganz eng zusammenrückten. Bei dieser Stippvisite traf der Slowene Ceferin auch Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban, freundschaftlich soll es zugegangen sein.

Ceferin und Csanyi haben eine unheilvolle Idee

Ceferin sagte, das teure Schmuckkästchen werde „auf Jahrzehnte das Juwel in der Krone des ungarischen Fußballs“ sein. Die Uefa hatte hier im Mai 2019 bereits das Finale der Women’s Champions League ausspielen lassen – mit der in Budapest geborenen deutschen Spielmacherin Dzsenifer Marozsan von Olympique Lyon –, doch als eigentlicher Zweck war die erste paneuropäische EM 2020 auserkoren. Budapest ist als Gruppenspielort mit München gekoppelt, Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal wurden dazu gelost – ein Glücksfall. Die Vergabe des Supercups 2020 galt als Verbeugung vor dem mächtigen Uefa-Vizepräsidenten Sandor Csanyi, dem erfolgreichsten Banker, größten Weinhändler und vermögendsten Mann im Orban-Reich, der auch gleich noch dem ungarischen Fußballverband vorsteht.

Ceferin und Csanyi hielten es dann für eine gute Idee, den Supercup mit dem Zuschauerversuch aufzuwerten. Die Idee entstand in enger zeitlicher Nähe zum in Lissabon ausgetragenen Champions-League-Endturnier, als hochrangige Uefa-Funktionäre erstmals die abschreckende Erfahrung der Geisterspiele machten. Ihnen dämmerte, dass Sponsoren oder Fernsehanstalten bald erhebliche Rückforderungen stellen würden, sollten Champions League und Europa League weiterhin in diesem gruseligen Rahmen abgehalten werden. Die Medienrechte machten vor Corona mit 3,3 Milliarden Euro fast 86 Prozent der Uefa-Einnahmen aus.

Die Dachorganisation argumentiert, auch ihr müsste der Schritt in die Normalität erlaubt sein. Wobei bei der Uefa ja jeder weiß, dass zwei Champions-League-Achtelfinals Anfang März – Atalanta Bergamo gegen FC Valencia in Mailand und FC Liverpool gegen Atletico Madrid – das Virus rasant durch Europa trugen. Daher soll in Budapest nun ganz besonders auf die Schutzmaßnahmen geachtet werden: Mindestabstand, Tragen des Mund-Nasen-Schutzes im gesamten Stadionbereich und ein negativer Corona-Test vor der Einreise. Ob aber der vom FC Bayern für die selbst initiierten Corona-Tests ausgegebene Slogan „Super Cup, Super Safe!“ gilt, werden erst die Infektionszahlen danach verraten.