BerlinDie Fernsehquoten zeigen: Der Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf ist nicht nur für Karl Geiger ein Erfolg gewesen, sondern auch für die übertragenden Sender: 5,43 Millionen Zuschauer im ZDF, Marktanteil 25,4 Prozent, bei Eurosport im Schnitt 350.000 Zuschauer, Marktanteil 1,6 Prozent – eine leichte Steigerung zum Vorjahr. Traditionell liegen die Zahlen beim Neujahrsspringen sogar noch höher – und klettern dann weiter, wenn es Richtung Innsbruck und Bischofshofen geht. Die Vermutung liegt daher nahe, dass die Vierschanzentournee in diesem Corona-Winter, wo das Motto für alle (bis auf die Schanzenprofis) „Zu Hause bleiben“ heißt, eine besonders wichtige Unterhaltungsfunktion übernimmt.

„Die Tournee ritualisiert in Österreich oder Deutschland den Übertritt ins neue Jahr: Man wacht verkatert auf, hört die Berliner oder Wiener Philharmoniker und wie selbstverständlich vollzieht sich der Übergang an die frische Luft zu den hellwachen Fliegern an der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen“, hat der frühere Skispringer und aktuelle Fernsehexperte Toni Innauer vor zwei Jahren gesagt, als viele noch dachten, digitale Konzerte seien Unsinn und Aerosole hätten was mit Skispringen zu tun.

Wobei sich natürlich im Laufe der Jahre bei der Vierschanzentournee vieles geändert hat. Wie sehr der Sport professionalisiert und gleichzeitig kommerzialisiert wurde, zeigt eine Geschichte, die auf der Plattform skispringen.com nachzulesen ist. Sie handelt vom Skispringer Max Bolkart. Von jenem Mann also, der am Dienstag nach dem Sieg des Oberstdorfers Geiger auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf als derjenige aus den Listen hervorgekramt wurde, der 1959 als bislang letzter Oberstdorfer Skispringer in Oberstdorf gewonnen hatte. Es war im Jahr des deutsch-deutschen Flaggenstreits, in dessen Folge die DDR-Skispringer mit dem damals dominierenden Helmut Recknagel, mit Werner Lesser und Harry Glaß nicht in Westdeutschland antraten.

Was dagegen jener Max Bolkart rund um seine Sprünge bei der Vierschanzentournee noch so alles tat, ist heute, wo jeder Schritt, jede Aussage, jede Spaghetti im Mittagessen, jede Sprunganzugfalte, jeder Bindungshebel und jeder PCR-Test der Sportler überwacht, kontrolliert und öffentlich diskutiert werden kann, unvorstellbar. Zwar ist die Vierschanzentournee schon vor 61 Jahren ein Sportereignis gewesen, das die Deutschen in Ost und West, in Österreich, Norwegen, Finnland oder der Tschechoslowakei über den Jahreswechsel faszinierte. Aber so nebenbei zu siegen, wie Bolkart damals, ist unmöglich geworden.

Damals hatte der Allgäuer während des Trainings auch die Aufgabe, die Lautsprecheranlage im Stadion zu montieren. Er legte also Zange und Schraubenzieher jedes Mal zurück in den Werkzeugkasten und zog schnell seine Handschuhe über, wenn er zum Trainingssprung auf die Schanze steigen musste.

Vor dem Neujahrsspringen: Auftritt mit der Stadtkapelle

Wie heute machte sich der Tross damals am vorletzten Tag des Jahres zur zweiten Station nach Garmisch-Partenkirchen auf, wie an diesem Donnerstag (14 Uhr, ARD) ging es auch damals mit der Qualifikation auf der großen Olympia-Schanze weiter. Bolkart hatte allerdings am Silvesterabend noch einen Termin in Oberstdorf. Er fuhr die Zwei-Stunden-Strecke im Auto zurück, um mit der dortigen Stadtkapelle aufzutreten. Am folgenden Tag stand er beim Neujahrsspringen erneut auf dem Podium.

Nun spielt Karl Geiger zwar gerne Steirische Harmonika, aber bei einem Silvesterkonzert aufzutreten, fiele ihm nicht mal im größten Flachs mit Teamkollege Markus Eisenbichler ein. Statt musiziert wird sich fokussiert. Und Bundestrainer Stefan Horngacher erwartet nach Platz eins und Rang fünf seiner beiden Besten in Oberstdorf für die kommenden drei Stationen eine weitere Steigerung: „Ziel ist es eher, langsam zu beginnen und immer stärker zu werden. Das werden wir weiterhin verfolgen. Die anderen werden auch noch mal aufs Pedal steigen, da müssen wir mit.“

Zumal das Klassement in diesem Jahr sehr eng zusammenliegt. Neben den beiden Deutschen haben auch die hinter Geiger platzierten Kamil Stoch aus Polen sowie die Norweger Marius Lindvik und Halvor Egner Granerud noch immer ganz gute Chancen auf den Gesamtsieg. „Es sind einige, die wirklich auf sehr hohem Niveau springen“, stellte Horngacher fest. Spannende Springen sorgen für höhere Einschaltquoten. Im Januar 2020 schauten beim Tournee-Finale in Bischofshofen zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder mehr als sieben Millionen Deutsche im Fernsehen zu. Die Konstellation in diesem Winter verspricht also einiges an Potenzial.