Dynamisch: Rathenows Aleksandar Bilbija (l.), kann Altglienickes Tugay Uzan nicht bremsen.
Foto: Michael Hundt

Berlin-Prenzlauer BergDie Spieler der VSG Altglienicke versammelten sich in ihren pitschnassen Trikots nahe der Mittellinie, bildeten einen Kreis, hüpften im Kollektiv und feierten ihren verdienten Erfolg gegen das Team von Optik Rathenow. Der Stadionsprecher rief begeistert: „Wir sind neuer Tabellenführer!“ Die Fans applaudierten stehend und lange.

306 tapfere Zuschauer sahen zuvor im Jahnsportpark bei tristem und nasskaltem Regenwetter   Tore der VSG-Kicker durch Christian Skoda (10.), Stephan Brehmer (45.) und Kevin Stephan (90.). Nach dem dramatischen Aus des insolventen Traditionsklubs FC Rot-Weiß Erfurt in der vorigen Woche, dessen sämtlichen Spiele annulliert werden, gab es Verschiebungen in der Tabelle der Liga. Der bisherige Spitzenreiter Energie Cottbus büßt drei Zähler ein, da der einstige 5:3-Erfolg aus der Hinrunde gegen Erfurt nicht mehr zählt, Altglienicke verliert nur einen Punkt nach dem 1:1 gegen Erfurt im Hinspiel.

Da das für den Sonnabend angesetzte Duell Erfurt contra Cottbus wegen Einstellens des Spielbetriebs bei Rot-Weiß gestrichen worden war, zog Altglienicke, die Mannschaft von Trainer Karsten Heine, an Energie vorbei – zumindest für eine Woche. Der gesamte Vorgang um Rot-Weiß Erfurt ist dem Sportgericht des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) übergeben worden. Zeitnah wird dann die Tabelle auch offiziell korrigiert werden.

„Natürlich freuen wir uns“, sagte Heine, 64, „oben zu stehen, ist immer ein schönes Gefühl.“ Doch Heine, ganz fairer Sportsmann, betonte auch, dass er sehr traurig darüber sei, was in Erfurt passiere. „Das bedaure ich sehr, das tut sehr weh. Viele Spieler der Erfurter und ihre Familien leiden unter dieser Situation. Die meisten haben nun keinen neuen Verein. Es ist schlimm, dass so etwas immer wieder vorkommt.“

Altglienicke singt die Hymne

Die Spieler aus Altglienicke, die eine starke Hinrunde absolviert und sich in der Spitzengruppe etabliert hatten, wurden im Jahnsportpark durch ihren singenden Stadionsprecher Ronny Rothé bestens eingestimmt für den langen Aufstiegskampf. Der Entertainer zelebrierte vor dem Anpfiff das Vereinslied: „Blau-Weiß sind unsere Farben, der Verein ist unsere Welt. VSG Ole!“ Besonders Mittelfeldmann Christian Skoda schien animiert zu sein von dem Liedgut und schoss schon nach zehn Minuten einen wunderbaren Treffer. Es war bereits Tor Nummer 13 für den 29-Jährigen in dieser Saison. Damit liegt er in der Liga auf Rang zwei hinter Marc-Philipp Zimmermann vom VfB Auerbach, der 15 Tore auf dem Konto hat.

Dabei war Optik Rathenow, seit 30 Jahren von Trainer Ingo Kahlisch angeführt, ein durchaus schwer zu bespielender Gegner für die Männer aus dem Südosten Berlins. „Wir haben in der ersten Halbzeit zwei überragende Tore geschossen“, freute sich Karsten Heine, „aber wir haben nach der Pause keine Kontrolle mehr über das Spiel bekommen. Da ist noch viel Luft nach oben.“ Lag der Ballbesitz lange Zeit bei geschätzten 70 Prozent für die VSG, hielt sich das später die Waage. Dennoch geriet der Sieg des neuen Spitzenreiters nie in Gefahr. Das Trainingslager nahe Malaga hatte der Mannschaft offenbar sehr gut getan. Sie startete jedenfalls fit und mit Elan in die zweite Phase der Meisterschaft.

Optik-Chef Ingo Kahlisch, 62, der zu den dienstältesten Trainern im deutschen Fußball zählt, hielt sich dann auch mit Komplimenten für den Sieger nicht zurück. „Seitdem Karsten Heine dort Trainer ist und Lothar Hamann als sportlicher Berater bei der VSG arbeitet, ist die Truppe sehr gut geworden. Da sind zwei Fachleute am Werk. Altglienicke muss man im Kampf um den Titel auf dem Zettel haben.“

Der so gelobte Heine bleibt Realist, auch wenn das 0:0 des Mitfavoriten 1. FC Lok Leipzig am Sonnabend gegen Viktoria 89 seiner VSG im Titelkampf half. „Es wird ein langer Weg“, sagte Heine, „aber wir wollen ganz oben dabei sein.“