Die Wucht aus England: Harry Maguire ist der Mann, an dem alle abprallen

Englands Abwehrchef Harry Maguire garantiert bei dieser WM wieder Stabilität, weil er das bedingungslose Vertrauen von Teamchef Gareth Southgate spürt und ein unerschütterliches Selbstvertrauen besitzt.

Harry Maguire
Harry MaguireIMAGO / Agencia EFE

Ein bewölkter Himmel ist auch im katarischen Winter eher selten. Dennoch hätten nicht alle vier Flutlichtstrahler im Al-Wakrah-Stadion mit voller Stärke leuchten müssen, als Englands Nationalmannschaft ihr Abschlusstraining vor dem Viertelfinale gegen Frankreich (Samstag 20 Uhr/ZDF) abhielt. Die grauen Schleier vom Vormittag waren am Nachmittag längst wieder einer Kulisse gewichen, die bestens zu den himmelblauen Schalensitzen der Trainingsstätte passte. Und der Haudege Harry Maguire, 29, trug ein dunkelblaues Shirt ohne Ärmel, was bei Temperaturen von 25, 26 Grad aber nicht verwunderte. Britisches Regenwetter wird es hier so schnell wohl ebenso wenig geben wie küssende Männer am Souq Waqif.

Die Engländer hatten beim Kreisspielchen erkennbar gute Laune. Sie haben ja bislang ein überzeugendes Turnier ohne Tiefs gespielt. Vorne brillant, hinten seriös. Gegen Iran (6:2), USA (0:0), Wales (3:0) und Senegal (3:0) passte vor allem die Defensive so gut wie die katarische Polizei auf, die sich genau wie die englische Mannschaft überall dort in Überzahl befindet, wo es brenzlig werden könnte. Dass gerade Maguire den besten Aufpasser gibt, haben nicht viele erwartet. Eigentlich galt der 1,94 Meter große und 97 Kilo schwere Kleiderschrank als unsicherer Kantonist, der gegen schnelle, bewegliche Stürmer keine anderen Mittel als seinen bulligen Körper einsetzt. So hat das zumindest am 26. September in Wembley gewirkt.

Rückblende: Im letzten Nations-League-Spiel kam zwischen England und Deutschland bekanntlich ein 3:3 heraus, weil tölpelhafte Aussetzer des schon vorher scharf kritisierten Abwehrmannes der DFB-Auswahl zwei Tore schenkten. Auf den Topverdiener von Manchester United prasselte kübelweise Hohn und Spott herab, er geriet arg in die Defensive. „Fehler gehören zum Spiel, ich entschuldige mich. Nimm das Positive mit und freue dich auf Katar. Die harten Zeiten werden uns stärker machen“, schrieb Maguire daraufhin auf Instagram, wo ihm vier Millionen Menschen folgen. Immerhin 185.000 Followern gefiel das.

Inzwischen leisten viele Abbitte, die ihn am liebsten nie wieder im Nationaltrikot gesehen hätten. Das hat viel mit der unerschütterlichen Rückendeckung zu tun, den der selbst in Manchester zwischenzeitlich auf die Bank verbannte Vereinskapitän unter Teamchef Gareth Southgate genießt. „Er hat einen riesigen Teil dazu beigetragen, dass wir zwei große Turnierperformances hingelegt haben. Wir wollen, dass er das zum dritten Mal tut.“ Bislang hat sich Maguire im Gespann mit John Stones im Verteidigungszentrum kaum Blößen gegeben, der Mann mit dem kantigen Gesicht und dem dunkeln Scheitel leistete sich nun nicht mal beim Aufwärmspielchen einen Fehler.

„Ich habe einen großen Glauben an mich selbst“

Im Viertelfinale steht er vor der Herausforderung, sich auf einen französischen Angriff einzustellen, der mit Kylian Mbappé und Ousmane Dembélé fantastisches Tempo und mit Olivier Giroud auch physische Präsenz aufbietet. Aber wenn sich einer vor Weltmeistern nicht fürchtet, dann Maguire, der noch nie unter mangelndem Selbstbewusstsein gelitten hat. „Ich habe einen großen Glauben an mich selbst“, richtete er zuletzt wieder aus und beschwerte sich noch darüber, dass sein Spiel zu sehr seziert werde: „Ich werde bei Manchester United genau unter die Lupe genommen. Alles, was ich tue, wird analysiert.“ Auch Nebenmann Stones von Manchester City findet, dass man zu kritisch auf Maguire blicke: „Er hat die beste Antwort auf dem Platz gegeben. Er macht es sehr gut in diesem Turnier.“

Wenn Maguire an die Perspektiven einer Mannschaft denkt, die sich bei der WM 2018 vor allem mit ihrer Stärke bei Standardsituationen bis ins Halbfinale hangelte, ehe willensstärkere Kroaten das Stoppschild aufstellten, dann läuft es ihm fast kalt den Rücken runter. „Ich denke jetzt, dass wir den Glauben haben können, diese WM zu gewinnen. Es gab eine gute Veränderung in der Mentalität.“ Der Wetterwechsel am Freitag von wolkig zu heiter in Doha und Umgebung könnte insofern gut passen.