Bleibt mit Union erstklassig: Trainer Urs Fischer.
Foto:

BerlinUrs Fischer, 54, ist ein Glücksfall für den 1. FC Union, als Trainer und als Typ. Mit ruhiger Hand, klarem Geist und vortrefflicher Lehre hat er den Klub von der Zweiten Liga in die Bundesliga geführt und nun auch in der höchsten deutschen Spielklasse gehalten. Ein Meisterstück des geradlinigen und unaufgeregten Schweizers, der im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt, warum man sich als Trainer keinesfalls verstellen sollte.  

Herr Fischer, welchen Stellenwert hat der Klassenerhalt mit dem 1. FC Union für Sie? Sie sprachen von einer Sensation. Ist dieser Erfolg gar genauso wertvoll wie die beiden Meisterschaften, die Sie mit dem FC Basel gewonnen haben?

Der Klassenerhalt hat auf jeden Fall einen sehr großen Stellenwert. Wir haben etwas geschafft, das uns vor der Saison nicht viele zugetraut haben, deshalb bleibt es für mich eine Sensation, dass wir ihn zwei Spieltage vor dem Saisonende gesichert haben. Das mit einem Gewinn der Meisterschaft in Basel zu vergleichen ist schwer möglich, weil man eine völlig unterschiedliche Ausgangslage hatte. Aber beides ist aus meiner Sicht sehr hoch einzustufen.

Gab es für Sie selbst einen Moment, in dem Sie die Überzeugung gewonnen haben, dass das möglich ist?

Ehrlich gesagt überrascht mich die Frage. Man nimmt eine Meisterschaft mit einem Ziel in Angriff und wir haben uns zu Beginn dieser Spielzeit deutlich geäußert. Wir haben von Anfang an betont, dass wir mit dem Ligaerhalt ein sehr ambitioniertes Ziel haben, dafür haben wir aber nicht acht oder neun Spiele gebraucht. Wenn du die Überzeugung nicht von Beginn an hast, wirst du dein Ziel auch nicht erreichen.

Welches Spiel Ihrer Mannschaft hat Sie in dieser Saison besonders begeistert? Und was haben Sie danach zu Ihrer Mannschaft gesagt?

Wir hatten einige Spiele die man nennen könnte, aber es gab auch Spiele in denen wir nicht so gut ausgesehen haben, aus denen wir sehr viel gelernt haben. Es ist unheimlich schwierig da ein einzelnes Spiel herauszunehmen. Wenn ich jetzt aber diese Endphase nehme war der Sieg in Köln wirklich von größter Bedeutung. Man kann sich jetzt die Tabelle anschauen – hätten wir in Köln nicht gewonnen, könnte das alles ein bisschen anders aussehen. Der Druck, mit dem alle wirklich sehr gut klarkamen, war enorm, man darf ja auch nicht vergessen, dass wir vorher einige Spiele nicht gewinnen konnten. Trotzdem waren wir sehr fokussiert, haben die Situation gut angenommen und haben uns souverän präsentiert. Ich glaube schon, dass dieses Spiel in Köln wirklich eine ganz große Bedeutung bekommt, wenn es darum geht diesen Ligaerhalt ein bisschen zu beschreiben.

Sie wirken immer sehr gefasst, ja kontrolliert. Ist das Ihr Naturell? Oder doch eher Ausdruck Ihrer Professionalität, also ein antrainiertes Verhalten?

Es ist eine Mischung. Ich glaube, dass man mit der Zeit an Erfahrung gewinnt und sich dementsprechend ein wenig anpasst. Gewisse Züge sind natürlich Charakterzüge. Ich habe aber als Trainer natürlich auch Phasen gehabt in denen ich bestimmter wurde. Gewisse Dinge hat man, präsentiert sie dementsprechend, was ja auch gut ist, sonst wären alle gleich. Andere trainiert man sich an.

Entspricht es auch Ihrer Erfahrung, dass es besser für die Mannschaft ist, als Trainer berechenbar zu sein?

Das ist natürlich angenehmer für die Spieler. Aber es braucht schon auch mal einfach einen Weckruf. Da muss ein Trainer fähig sein, über seinen Schatten zu springen, auch mal eine gewisse Impulsivität an den Tag legen. Du darfst das aber natürlich nicht spielen, das ist falsch. Denn spielen fällt auf. Ich bin jedenfalls nicht immer nur ruhig und kontrolliert. Mal impulsiv zu sein, bedeutet aber für mich nicht, dass ich mich nicht mehr im Griff habe. Letztendlich ist es so: Du musst bestmöglich du selbst sein.

Bei aller Professionalität – war das auch für Sie selbst schwer zu akzeptieren, welchen Bruch Ihre Kampagne mit Union durch den Ausbruch der Corona-Pandemie erfahren hat? Klubpräsident Dirk Zingler hat nach dem Spiel gegen Paderborn am Dienstag ja selbst gesagt, dass alle zuvor eine Menge Spaß hatten, danach alles nur noch Pflicht war.

Wissen Sie: Ich versuche zu beeinflussen, was ich beeinflussen kann. Und ich versuche, aus den Dingen zu lernen. Was vorbei ist, ist vorbei. Was du beeinflussen kannst, ist die nächste Aufgabe, die ansteht. Das ist für mich das Entscheidende. Rückschläge, Niederlagen gehören zum Sport. Nur zu den Gewinnern zu gehören, ist fast unmöglich. Rückschläge sind also wichtig, wobei es natürlich entscheidend ist, wie du damit umgehst.

Fußball ohne Stadionpublikum ist aber schon eine besondere Herausforderung, wenn man gewohnt ist, vor 40.000, 50.000 Zuschauern zu spielen.

Das war für alle Vereine nicht schön. Und für uns im Besonderen, weil wir noch ein bisschen mehr von unseren Fans abhängig sind als andere Klubs, ob zu Hause oder auswärts. Das muss man ja eigentlich nicht wiederholen. Aber es steht halt nicht zur Verfügung. Also musst du versuchen, das Beste daraus zu machen. Du darfst dich aber auch nicht hinter so einer Sache verstecken. Sonst hast du eine Ausrede, hast ein Alibi.

Wie ist Ihre Mannschaft mit der Situation umgegangen?

Ich empfand das als erwachsen. Es ist klar, dass der eine im Umgang mit so einer Situation etwas mehr Mühe hat als der andere. Dafür muss man Verständnis aufbringen. Ich glaube aber, dass es mit den Maßnahmen, die man getroffen hat, gelungen ist, auch die Spieler, bei denen Ängste ausgelöst worden waren, zu beruhigen. Man lernt halt damit umzugehen, aber gewöhnen wirst du dich an so etwas wohl nie.

City-Press
Zur Person

Urs Fischers Stammklub ist der FC Zürich. Beim Schweizer Traditionsklub spielte er schon in der Jugend, debütierte als 18-Jähriger als Profi in der ersten Mannschaft. Von 1987 bis 1995 war er von den FC St. Gallen aktiv, kehrte daraufhin wieder zum FC zurück. Viermal trug Fischer das Trikot der Schweizer Nationalmannschaft. Im Jahr 2003 startete er als Assistent beim FC Zürich seine Trainerkarriere, war dort von 2010 bis 2012 auch Cheftrainer. Anschließend coachte er den FC Thun und den FC Basel, den er 2016 und 2017 zu zwei Meisterschaften führte. Seit 2018 steht er beim 1. FC Union in der sportlichen Verantwortung.

Christopher Trimmel hat erzählt, dass die schwierigste Phase für ihn die Phase des Aufwärmens ist. Wie kann man als Trainer Einfluss darauf nehmen, dass Spieler bei Geisterspielen die notwendige Spannung aufbauen?

Das hängt immer davon ab, was unter der Woche passiert ist. Man spürt ja auch ein bisschen die Mannschaft. Dementsprechend fällt dann auch meine Ansprache aus. Es bedeutet ja auch nicht, dass die Spannung so ist, wie sie sein muss, wenn Zuschauer im Stadion sind. Das kann auch zu viel Spannung sein, dann muss man da eher beruhigend auf die Spieler einwirken. Da muss man situativ handeln. Die Jungs haben sich jetzt aber auch mit diesem Szenario auseinandergesetzt, haben ihre Erfahrungen gemacht. Man kann aber grundsätzlich nicht erwarten, dass man da gleich die passenden Antworten hat. Das braucht Zeit. Vielleicht gibt es da welche, die sofort wissen, wie das geht. Aber wo sind die?

Wie ging es Ihnen selbst zu Beginn des Lockdowns?

Nicht, dass ich beunruhigt war, aber es war alles neu. Jeden Tag weitere Hiobsbotschaften, immer wieder etwas Negatives. Und du konntest dich ja dabei noch nicht einmal frei bewegen. Dann kommst du nach einer dreiwöchigen Unterbrechung zurück, trainierst in Kleingruppen, von morgens bis abends. Was schon eine gute Ablenkung war, weil du wieder eine Aufgabe hattest.

Die Szenerie bei den Spielen ist allerdings mitunter grotesk: Die Ersatzspieler sitzen auf der Haupttribüne, mit Maske im Mindestabstand, auf dem Platz hingegen werden wie ehedem hitzige Zweikämpfe geführt. Irritiert Sie das nicht auch?

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich habe mich damit nicht befasst. Es hatte nicht den Einfluss auf mich, als hätte ich dies hinterfragen müssen. Auch weil ich relativ schnell einmal für mich gesagt habe: Diese Entscheidungen möchte ich nicht treffen müssen. Denn egal welche Entscheidung du in diesem Moment triffst, es wird nicht die richtige für alle sein. Ich war einfach darauf fokussiert, dieses Konzept der DFL bestmöglich umzusetzen. Da hieß es ja zunächst auch, dass der Trainer eine Maske tragen soll. Wenn er aber mit der Mannschaft kommunizieren möchte, könnte er sie wieder abnehmen. Und mit dem hab ich mich befasst. Die Bestimmung der Regeln habe ich aber den Experten überlassen.

Was auch für die Politik gilt.

Das finde ich auch. Ich möchte mal die Leute sehen, wenn sie selbst solche Entscheidungen treffen müssen. Es allen recht zu machen, geht in so einer Situation einfach nicht.

Sie sagten, man müsse aus den Dingen lernen. Gilt das im Zusammenhang mit der Corona-Krise auch für das mitunter überdrehte Geschäft des Profifußballs?

Am Schluss wird die ganze Welt daraus lernen müssen. Auf eine einzelne Branche zu schauen, wäre da falsch. Ich glaube aber schon, dass diese Phase im Bewusstsein des einen oder anderen schon etwas ausgelöst hat, dass das schon ein Weckruf war – es kann aber auch sein, dass wir in einem Jahr wirklich nicht schlauer sind. Eine Prognose lässt sich da im Moment nicht so leicht abgeben.

Wie lange kann sich der Fußball noch Geisterspiele erlauben? Das Interesse daran ist ja doch eher mäßig, wie die Einschaltquoten zuletzt gezeigt haben.

Dass uns das nicht gefällt, haben wir zu Genüge mitgeteilt. Es ist aber so, wie es ist. Ob es in drei, vier Monaten noch so aussieht, hängt ja letztlich von der Entwicklung der Pandemie ab. Und schlussendlich ist es doch: Die Gesundheit steht über allem. Und dieses höchste Gut gilt es zu schützen. Dass dies möglich ist, hat man zuletzt bewiesen. Wenn auch mit Maßnahmen, die nicht gerade Freude bereiten. Aber dass man sich nicht daran gewöhnt, ist ja auch gut. Das wäre ja wahnsinnig, wenn man sich an so etwas gewöhnen würde. Fußball vor 60.000 Zuschauern ist doch ganz etwas anderes. Mit Spielern, die ihre Emotionen ausleben. Mit Klubs, die in Gänze ihre Emotionen ausleben. Darum geht es doch im Fußball. Da müssen wir wieder hinkommen. Die Gesundheit allerdings darf man dafür nicht opfern.

Hat Sie der 1. FC Union ein bisschen verändert?

Hoffentlich. Wenn du dich als Mensch nicht entwickelst, nicht veränderst, dann ist das nicht gut.

Hat Sie dieser, von einer großen Leidenschaft getriebene Klub selbst aus der Reserve gelockt, Sie mitgerissen?

Mehr als einmal. Also die Wucht des Vereins mit seinen Zuschauern ist schon sehr speziell. Ich habe da Situationen erlebt, wie mein erstes Freundschaftsspiel mit Union, als fast 13.000 Zuschauern in der Alten Försterei waren. So etwas hatte ich nicht für möglich gehalten. Oder als wir nach London gereist sind und ein Freundschaftsspiel gegen Queens Park Rangers gemacht haben, und dann saßen 2000 Unioner in einem leeren Stadion. Das löst natürlich etwas aus. Und auch hier: Wenn du dich an so etwas gewöhnst, stimmt doch etwas nicht.

Das Gespräch führte Markus Lotter.