Ist der 1. FC Union sein Herzensverein? Neven Subotic.
Foto: City-Press/Moritz Eden

Berlin-KöpenickEs war eine Schlagzeile, die die Fans und Beobachter des 1. FC Union vor einem guten Jahr aufhorchen ließ: Neven Subotic wechselt zu den Eisernen nach Köpenick. Beim damaligen Aufsteiger hatte man zwar mit erfahrenen Zugängen gerechnet, nicht aber mit einem, der bereits mehr als 200 Bundesligapartien absolviert und dabei zwei Meisterschaften gewonnen hatte. Für die Köpenicker war Neven Subotic ein echter Transfercoup.

Umso erstaunlicher ist es, dass sowohl der 31-Jährige als auch der Klub zuletzt vermehrt den Eindruck erweckten, dass die auf zwei Jahre vereinbarte Zusammenarbeit in diesem Sommer ein frühzeitiges Ende finden könnte. Neven Subotics Zukunft beim 1. FC Union ist seltsam offen – und für die Gründe muss man ein wenig unter die Oberfläche blicken.

Denn: Pragmatisch gesehen ist jede Diskussion über die Weiterbeschäftigung des früheren serbischen Nationalspielers in Köpenick eigentlich Unfug. In 23 von 34 Ligaspielen startete Subotic für das Team von Trainer Urs Fischer, war vor allem in der Abwehr-Dreierkette neben Marvin Friedrich und Keven Schlotterbeck eine wichtige Konstante. Zudem verließen die Eisernen mit Leihspieler Schlotterbeck und Urgestein Michael Parensen nach Saisonende bereits zwei Innenverteidiger, weshalb Union auf dieser Position eigentlich dringenden Bedarf an Zu- und eben nicht an weiteren Abgängen hat. Dass Subotic ausgerechnet in den entscheidenden Saisonspielen nach der Corona-Pause kaum noch eine Rolle spielte, lag zudem eher darin begründet, dass Trainer Fischer in der Defensive kurzfristig wieder auf eine Viererkette umstellte.

Das sorgt also nicht für das unterschwellige Gefühl, dass der 31-Jährige Köpenick bald verlassen könnte. Es ist vielmehr der Eindruck, dass Subotic nach 13 Jahren als Profi genug vom Geschäft hat. Als sei der Fußball für ihn nur mehr zweitrangig und ihm die hysterische, überdrehte Seite des einstigen Volkssports noch unangenehmer als je zuvor. Stattdessen sind es Momente, wie jener nach der 0:5-Niederlage der Eisernen bei Borussia Dortmund im Februar, als der Ex-Borusse sich allein vor der tobenden Südtribüne feiern ließ, für die Subotic dem Fußball nicht schon längst den Rücken gekehrt hat.

Nur erlebte er diese Momente in den vergangenen zwölf Monaten weniger im Zusammenhang mit dem 1. FC Union. Zwar feierte er selbstverständlich auch mit den Köpenicker Fans die Siege des Teams und für seine Mitspieler war er, wie man aus der Mannschaft vernehmen konnte, der routinierte Ansprechpartner, den sich die Eisernen erhofft hatten. Doch blieb er dabei in der öffentlichen Wahrnehmung immer Neven Subotic, der unkonventionelle Bundesliga-Star. In Podcasts und Interviews war er der sympathische, meinungsstarke, diskussionsbereite Ex-Dortmunder, der, den Jürgen Klopp einst zu einem der ganz Großen formte. So gut wie nie war er: Neven Subotic, der Innenverteidiger von Union Berlin.

Öffentlich kritisiert haben das die Eisernen nie. Warum auch? Subotics Schaffen ist grundsätzlich aller Ehren wert, seine Stiftung, für die er viel Zeit, Energie und auch Geld investiert, baut Brunnen für Bedürftige in Äthiopien. Seine Stimme erhebt der 31-Jährige dann, wenn er Unrecht sieht. Wie beispielsweise mitten in der Corona-Krise, als er öffentlich forderte, dass sich große, reiche Klubs solidarisch mit den kleineren zeigen sollten. Oder als er kritisierte, dass die Bundesliga-Profis seiner Meinung nach zu wenig Einfluss auf die Entscheidung gehabt hätten, den Spielbetrieb nach der pandemiebedingten Pause wiederaufzunehmen. Kurz darauf formierte sich unter seinem Mitwirken ein Spielerbündnis, dass künftig für mehr Mitbestimmung der Fußballprofis im Liga-Alltag sorgen soll. Auch da war er wieder Neven Subotic, der Mitstreiter für mehr Spielerrechte. Und wieder nicht Neven Subotic, der Innenverteidiger von Union Berlin.

Dabei geht es gar nicht darum, dass sich ein verdienter Kicker wie er nicht engagieren darf. Lehrt die derzeitige Rassismus-Debatte in den USA doch, dass es sogar im Sport wichtigeres als den Sport gibt. Doch bei allem Engagement sind die Eisernen – das haben sie selbst oft genug hervorgehoben – in erster Instanz ein Fußballklub. Ein Team, dass einen hingebungsvollen Verteidiger benötigt, ganz besonders im anstehenden, verflixten zweiten Bundesliga-Jahr. Und mehr noch als anderswo ein Verein, dessen Anhänger unbedingte Leidenschaft für seine – ihre! – Farben einfordern. Ist Neven Subotic zu all dem weiterhin bereit? Das ist die Frage, die seine Zukunft bei den Eisernen so seltsam offen erscheinen lässt.