Au Backe: Um Diego Simeone und sein Team von Atletico Madrid ist es derzeit nicht sehr gut bestellt.
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Madrid - Einer ist noch da: Diego Simeone. Das verwundert ein wenig, schließlich war der Argentinier vor einigen Jahren der meistumworbene Fußballtrainer in Europa. Zweimal hatte er Atlético Madrid 2014 und 2016 ins Champions-League-Finale geführt, und vor allem bei den englischen Spitzenklubs gab es keine freie Trainerstelle, für deren Besetzung „El Cholo“ nicht der Favorit war. Doch Simeone blieb – und blieb und blieb. Dafür verließ ihn das Team, welches seinen aggressiven, kämpferischen, raubeinigen und effizienten Cholismo-Fußball so perfekt umgesetzt hatte, dass die Gegner, etwa Bayern München, am Ende immer glaubten, die klar bessere Mannschaft gewesen zu sein, aber trotzdem verloren hatten.

Gabi, kompromissloser Mittelfeldspieler und einstiger Kapitän, spielt jetzt bei Al-Sadd in Katar, Abwehrbollwerk Diego Godín bei Inter Mailand, Lucas Hernández ging zu den Bayern, Klub-Ikone Juanfran zum FC São Paulo, Luis Felipe ist bei Flamengo Rio de Janeiro, Rodri bei Manchester City, Antoine Griezmann beim FC Barcelona. Alles erprobte Kämpen nach dem Geschmack von Simeone, was er von ihren Nachfolgern hält, etwa dem 127-Millionen-Euro-Einkauf João Felix, sagte er nach der 1:2-Niederlage in der Gruppenphase der Champions League in Leverkusen: „Angsthasen“.

Wo Klopp die Champions League gewann

Simeone ist es bisher nicht gelungen, dem neu formierten Team seinen ureigenen Stempel aufzudrücken. Was kein gutes Omen ist für das Achtelfinalduell in der Königsklasse mit dem FC Liverpool, dessen erste Auflage heute im Madrider Metropolitano stattfindet, da wo Jürgen Klopps Team im Juni gegen Tottenham Hotspur die Champions League gewann. Atlético hatte das ersehnte Heimfinale schon früh verpasst, als im Achtelfinale wieder einmal Cristiano Ronaldo den Spielverderber gab, diesmal nicht im Trikot vom Stadtrivalen Real, sondern dem von Juventus Turin.

Der aktuelle Tabellenplatz vier in der Primera División klingt auf den ersten Blick gar nicht so schlecht, doch die Stimmung ist miserabel bei Atlético. Erstmals seit seinem Amtsantritt 2011 sieht es so aus, als könnte Simeone nicht selbst bestimmen, ob er geht. „Cholo, bleib doch“, riefen ihm spöttisch die Zuschauer in Reals Bernabéu-Stadion zu, als er kürzlich das Derby 0:1 verloren hatte. 13 Punkte beträgt der Rückstand auf den Tabellenführer Real, zwölf auf den Zweiten Barcelona, die Qualifikation für die nächste Champions League ist in Gefahr, im Pokal war der Drittligist Leonesa Endstation.

Vergangene Woche absolvierte Atlético ein echtes Krisenprogramm, einen Tagesausflug in die Berge nahe Madrid zwecks Teambuilding. Und zur Hebung der Stimmung in der Anhängerschaft beschloss die Mannschaft, den zum Gastspiel beim FC Valencia mitgereisten Fans die Eintrittskarten zu bezahlen. Sie sahen eine gute Leistung ihres Teams, auch wenn beim 2:2 nur ein Punkt heraussprang.

„Wir können gegen jeden gewinnen, aber wir können auch gegen jeden verlieren“, sagte Simeone nach dem peinlichen 0:2 gegen SD Eibar, ein Mangel an Konstanz, der den 49-Jährigen sichtlich quält. Dabei haben sie gar nicht so oft verloren, außer gegen Eibar und Real noch gegen Barcelona und San Sebastián, sonst León, Leverkusen und Juventus. 17 Gegentore in 24 Ligaspielen sind guter Simeone-Standard und werden nur von Reals 16 getoppt. 25 eigene Treffer hingegen sind der schlechteste Wert der Klubgeschichte zu diesem Zeitpunkt. Simeones System basierte immer auf einer hochprozentigen Verwertung der wenigen Chancen, für die Stürmer wie Radamel Falcao, Diego Costa und Griezmann sorgten. Aktuell ist Atlético Ligaspitze beim Vergeben klarer Torgelegenheiten, was die zehn Unentschieden erklärt, fünf davon 0:0, vier 1:1.

„Und wer soll die Tore schießen?“, hatte Simeone schon vor der Saison Richtung Klubführung gefragt. Da wusste er noch nicht, dass Diego Costa wegen einer Bandscheibenoperation lange ausfallen würde und nur der verletzungsanfällige Álvaro Morata als echter Mittelstürmer übrig blieb.

Vehement forderte der Trainer in der Winterpause die Verpflichtung von St. Germains Edinson Cavani, die jedoch scheiterte, weil der Klub sie nur halbherzig betrieb. Auch das ein Zeichen, dass die einstige Allmacht von El Cholo bei Atlético Madrid gebrochen ist.