Wie im schnöden Wahlkampfalltag üblich, sind auch die Sportpolitiker in diesen Sommerwochen vor allem in der Heimat unterwegs. Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses, ist via Homepage beim „Fastenbrechen“ in einer Moschee im heimischen Wahlkreis zu besichtigen. Beim SPD-Kollegen Martin Gerster bildet ein Schützenfest in Biberach die Topmeldung. Eberhard Gienger (CDU) zog es zuletzt zum Kaffeenachmittag mit der Frauenunion.

Mit volksnahen Aktivitäten gehen Bundestagsmitglieder (MdB) offen um. Merklich diskreter halten sie es oft mit einer Tätigkeit, die ebenso zum Berufsalltag des Politikers gehört: mit den Touren in fernere Zielgebiete. Öffentliche Information dazu ist Mangelware.

Wir wollten eigentlich nur wissen, was aus der diesjährigen Delegationsreise des Sportausschusses nach Sotschi geworden ist. Der Trip zu Putins erweiterter Schwarzmeer-Datscha war im vorigen Herbst angekündigt worden – es hätte ja nichts schaden können, sich dort rechtzeitig vor Ausbruch des Olympia-Hypes kundig zu machen. Nur hat man davon nie wieder etwas gehört. Die Bundestagsverwaltung brauchte reichliche zwei Wochen, um eine Anfrage zur Reisetätigkeit der Sportpolitiker zu beantworten. Ergebnis: Der Bundestagspräsident habe den Trip zwar genehmigt, der sei aber aufgrund von „Terminschwierigkeiten mit der russischen Seite“ geplatzt. Klaus Riegert, der scheidende sportpolitische Sprecher der Union, behauptet auf Nachfrage sogar, die Delegationsreise „wurde von russischer Seite ... abgesagt“.

Erstens wirft das die Frage auf, seit wann ein MdB sich parlamentarische Aktivitäten aus Moskau diktieren lässt. Zweitens fügt sich Riegerts kuriose Auskunft gut zum verheerenden Echo auf bisherige Dienstreisen der Sportfreunde: Zum Ausflug nach Brasilien titelte die Bild „Samba Caramba: Sportausschuss auf Lustreise“.

Vollständige Informationen über die Abgeordnetentouren gibt es ohnehin nicht. Nur alle zwei Jahre berichtet der Bundestagspräsident über Anzahl, Zielländer und Gesamtkosten der Reisen. Welcher Volksvertreter jedoch aus welchem Anlass wohin jettet, das fällt im deutschen Parlament unter Geheimnisschutz. Offiziell zu erfahren ist lediglich, dass Sportpolitiker der SPD in der abgelaufenen Wahlperiode neun Mal auf Einzeldienstreise im Ausland waren, fünf Reisen gehen aufs Konto der Union, zwei auf das der Grünen.

Warum Union und SPD nicht offenlegen, wer dem Fernweh frönte, lässt der Überblick zu den Zielen ahnen: Die Weltenbummelei hat nicht unbedingt etwas zu tun mit den Anforderungen an solche Reisen. An erster Stelle nämlich sollen die Abgeordneten „eine intensive Zusammenarbeit mit ausländischen Politikern und Institutionen pflegen“. Einzeldienstreisen dienen außerdem „der Stärkung der Wahrnehmung der Kontrollfunktion gegenüber der Regierung“.

Für den Sportausschuss ergibt sich eher das Bild vom hüpfenden Polittouristen auf Stadiontribünen. Alle fünf Reisen der Union und sechs der SPD führten zu Sportevents. Riegert bemüht sich um höherwertige Interpretation der recht trivialen Aktivitäten: Für die „thematische Anbindung“ der Besuche bei Olympischen Jugendspielen, Special Olympics, Schwimm-WM in Schanghai und Leichtathletik-EM in Barcelona zählt er gleich neun Ausschusssitzungen auf.

Frau Freitag entdeckt Afrika

Auch Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD, liefert eine Einordnung: Die Reisen lägen, lässt er wissen, „im originären parlamentarischen Interesse des gesamten Bundestages“. Die Logik erschließt sich nicht mal auf seiner Webseite: Da bleibt unerwähnt, dass und warum es ihn im Sommer 2011 zur Universiade ins ferne China zog.

Fernreisen kommen nicht so gut an beim Wahlvolk – das scheint auch Dagmar Freitag (SPD) zu glauben. Verständlich ist das allenfalls bei einem ausgedehnten Südafrikatrip, den sie Anfang 2011 im Gefolge der früheren Gesundheitsministerin Ulla Schmidt unternahm. Besucht wurden „Sportprojekte in Kapstadt und Johannesburg“ – ein Problemstudium, das Freitag auf ihrer Webseite keine Zeile wert war.

Am ehesten verschwimmt die Grenze zwischen Pflichterfüllung und Verschwendung von Steuergeld bei zwei SPD-Trips zu Leichtathletik-Veranstaltungen: zur Team-Europameisterschaft in Stockholm (2011) und zur EM in Helsinki (2012). Nach Informationen dieser Zeitung feuerte dort Vizefraktionschef Axel Schäfer deutsche Athleten an. Über ihn lästern die Kollegen schon länger, er halte sich den Posten als stellvertretendes Ausschussmitglied ausschließlich für Reisen warm – der Mann ist Mitglied des Vereins „Freunde der Leichtathletik“ und Autor eines 500 Seiten starken Statistikbuches zu Leichtathletik-Europameisterschaften. Allerdings: alles von oben abgesegnet.

Nur die Grüne Viola von Cramon hat keine Scheu vor Auskünften. Sie buchte zwei Tickets für Dienstreisen nach Moskau, Sotschi und in die Schweiz. Arbeitsnachweise in Form von Reiseberichten und Schlüsse für die Parlamentstätigkeit hat sie online dokumentiert. Ob ihre Transparenz als Modell Erfolg hat, darf bezweifelt werden: Es würde die Liste möglicher Reiseziele schmerzlich einschränken. Auch der nächste Sportausschuss wird das zu verhindern wissen.