Auch beim 1. FC Union herrscht derzeit ziemlich viel Stillstand.
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BerlinWas tun in der Not und vor allem in einer Situation, die noch niemand erlebt hat? Fachleute sind gefragt, die diesmal nicht Trainer und Physiotherapeuten sind. In diesen Tagen sind das, klare Sache, eher Virologen, aber auch solch schlaue Köpfe, die von Ökonomie Ahnung haben und wahrscheinlich längst die Hände überm Kopf zusammenschlagen angesichts des wirtschaftlichen Lochs, das sich allerorten geöffnet hat.

Das ist, oft genug ist das Wort gefallen, eine Krise. Das ist auch aus Sicht des 1. FC Union schlimm. Allerdings kennen sich die Eisernen mit Krisen aus wie vielleicht kein anderer Bundesligist. Ich meine wirklich Krisen und keine Skandale, denn da sind andere im Vorteil. Wer sich nur ein klein wenig auskennt in der eisernen Vereinsgeschichte, betet die Krisen, die mit einer eher sportlichen Delle, dem in der letzten DDR-Saison verpassten Aufstieg in die 2. Bundesliga, begonnen haben, daher.

Immer wieder ging es um die Existenz von Union

Eines haben sie gemein: Immer hat Geld gefehlt. Trotzdem ist es zugleich oft mit beiden Händen ausgegeben worden. Wäre es vorhanden gewesen, hätte es keiner gefälschten Bankbürgschaft (in dem Fall ist dann doch eher das Wort Skandal angebracht) bedurft. Andererseits war es da, sonst wäre ein Trainer wie Frank Pagelsdorf wohl nicht drei Jahre geblieben. An anderen Tagen wiederum war es nicht da, sonst hätten Finanzämter, Krankenversicherungen und die Berufsgenossenschaft nicht Krawall geschlagen. Und nur weil beim Ticketverkauf die Barbestände regelmäßig in Sicherheit gebracht wurden, die Verkäufer mit ihren fliegenden Kassen schnell mal das Weite suchten, drohte wenigstens nicht die Abschaltung der Elektroenergie.

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Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

All das ging ans Eingemachte, das eigentlich gar nicht da war. Nicht nur einmal hing das Damoklesschwert über der Alten Försterei und bedrohte den Verein in seiner Existenz. Dass es ihn noch immer gibt und er aufgeblüht ist wie noch nie, grenzt an ein Wunder. Das ist so, als ob der Hauptmann von Köpenick, also der Schuster Wilhelm Voigt, dank des geklauten Stadtsäckels (nicht falsch verstehen, geklaut haben die Eisernen nichts) das Monopol zur Herstellung von Schuhen der Marke Budapester erworben hätte.

Es herrscht blanke Hilflosigkeit

All das ist Geschichte und alle Details sind Geschichten. Denn diese Krise mit schon vier Wochen Stillstand hat eine ganz andere Dimension. Das hat längst was von einer Katastrophe. Auch oder gerade für die Eisernen, die, nach Jahrzehnten des Hoffens, Bangens und Sehnens endlich angekommen im geglaubten Paradies, die ganze Wucht und Härte der durchaus fragilen Glückseligkeit zu spüren bekommen.

Man stelle sich nur vor, man hat sein Lebensziel erreicht, spielt – was für einen Schauspieler Hollywood, einen Opernstar die Mailänder Scala oder einen Tennisspieler Wimbledon ist – in der wahrhaft ersten Liga, dann aber kommt einer, der sich Covid-19 nennt, knipst das Licht aus und sperrt die Stadien zu. Keiner weiß, für wie lange, keiner weiß, wie zerzaust oder gar zerlumpt er aussieht, sollte das Licht wieder angehen und dem die Virologen keine Extrawurst in Sachen eines Alle-Zwei-Tage-Tests („Ein Wahnsinn!“) braten mögen, nur damit Spiele stattfinden könnten. Es ist, weil nicht selbst verschuldet und Gehaltsverzicht hin oder her, die blanke Hilflosigkeit. Eine solche Krise muss selbst einen Eisernen umhauen.