Dirk Nowitzki, König seiner einztigartigen Karriere.
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BerlinEs fühlt sich nicht richtig an. Dirk Nowitzki nimmt den Ring schnell wieder von seiner linken Hand und steckt ihn an die rechte, seine Wurfhand. Er wendet sich der Haupttribüne zu und reckt die Arme so hoch, dass sie weit aus dem beigen Jackett ragen. Die Kamera filmt ihn von hinten, ein Scheinwerfer zeichnet vom Hallendach eine Linie aus Lichtpunkten auf Nowitzkis Kopf herab und einen hellen Kranz um sein blondes Haar. Der Jubel der 20 000 in Dallas vermischt sich mit einem hymnischen Klangteppich aus Fanfaren und Geigen und Pathos, Pathos, Pathos. Aber das hier ist schließlich die NBA, die berühmteste Basketballliga der Welt. There's no business like showbusiness.

Es ist der 26. Januar 2012. Vor einem halben Jahr haben die Dallas Mavericks das Finale der NBA gewonnen mit einem 105:95, dem vierten Sieg im sechsten Duell gegen Miami Heat. Dirk Nowitzki erhält nun in einer offiziellen Zeremonie den Siegerring. Er erhält ihn als Letzter, vielleicht weil er der wertvollste Mann dieser Playoff-Runde gewesen ist, der MVP. Und weil er die Dallas Mavericks zwei Jahrzehnte lang getragen und geprägt hat. „Wow“, sagt Nowitzki, der inzwischen ein Mikrofon in der rechten Hand hält und die Finger abspreizt wie ein Schlagersänger: „Wie sieht das aus?“ Nach der Krönung einer einzigartigen Karriere sieht das aus.

Es gibt im Sport Insignien für Unsterblichkeit. Eine olympische Goldmedaille zum Beispiel, solange kein Betrug mit im Spiel ist natürlich. Oder das Gelbe Trikot für den Gesamtsieger der Tour de France. Und eben dieses klobige silberne Schmuckstück, in das der Name des glorreichen Helden eingraviert ist. In diesem Fall: NOWITZKI, darunter ein geschwungenes M. Wie Mavericks.

Nowitzki ist in jenem Januar 2012 als Teil der Sportgeschichte unsterblich geworden. Einer der größten Basketballer ist er in diesem Moment sowieso schon. Nicht nur physisch als Power Forward mit seinen 2,13 Metern, sondern wegen seiner Leistungen. Die Bilanz der Karriere wird sich wie ein Auszug aus dem Guinnessbuch der Rekorde lesen.

Fahnenträger Dirk

Die 21 Spielzeiten bei ein und demselben Franchise, dem aus Dallas, bedeuten Platz eins unter den ewig Treuen in der NBA. Er ist der älteste Akteur der Liga, dem mindestens 30 Punkte in einer Partie gelungen sind. Im April dieses Jahres nämlich, als er mit 40 Jahren zum 120:109-Erfolg gegen die Phoenix Suns eben diese Marke erreichte. Knapp darüber liegt auch sein Punktedurchschnitt in den mehr als 1 500 absolvierten Begegnungen. Kurz vor Ende seiner aktiven Zeit verdrängte er Wilt Chamberlain von Platz sechs der ewigen Liste, in der die besten Werfer verzeichnet sind. 2007 wurde er zum MVP der Saison insgesamt, auch das.

Der Wertvollste im deutschen Nationalteam war er ohnehin über all die Jahre: Bronze bei der WM 2002 und Silber bei der EM 2005 waren seiner Führungsarbeit zu verdanken. An ihm richteten sich die anderen auf. Mit der Teilnahme an Olympia 2008 in Peking belohnte sich der Vorarbeiter für den Einsatz in seinen Pausen von der NBA selbst.

Es gibt diese Filmsequenz aus Peking, als Nowitzki ins Olympiastadion einläuft vor der deutschen Delegation mit der deutschen Fahne in der Hand und einem Lächeln im Gesicht, das, wenn es die Betrachter weltweit als deutsch interpretieren, ungewollt schon einer Leistung gleichkommt. Denn das ist vielleicht der größte Erfolg, den dieser Basketballer aus Würzburg für sich reklamieren kann: Er hat stets das Bild eines sympathischen Berufssportlers vermittelt, der sein Talent mit harter Arbeit veredelt und wie ein echter Malocher auf dem Boden bleibt.

Nicht umsonst macht bis heute eine Geschichte aus den Anfängen der Karriere die Runde. Sie erzählt davon, wie der junge Dirk Nowitzki in einem japanischen Kleinwagen zum Training vorfährt und von Coach Don Nelson gerügt wird: Er möge sich eine Karosse zulegen, die dem Image eines NBA-Profis und seinem Franchise angemessen sei.

There's no business like showbusiness. Nowitzki aber ist sich treu geblieben, egal wie lang die Liste seiner Bestmarken auch wurde. Noch beim Abschied ist er ganz er selbst, kein Bausatz aus einem Marketingbastelbuch. Am 25. Februar 2019 bestreitet Dirk Nowitzki in Los Angeles bei den Clippers das letzte Spiel seiner Karriere. Zehn Sekunden sind es noch bis zum Ende, die Partie ist für Dallas längst verloren, da nimmt Doc Rivers eine Auszeit. Der Coach der Clippers fordert das Publikum zum Applaus auf. Dirk Nowitzki winkt verhalten, kämpft mit den Tränen. Es tut weh, das sieht man ihm an, aber es fühlt sich richtig an.