Dirk Zingler und Uli Hoeneß
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BerlinPlötzlich ging alles ganz schnell. Weil Uli Hoeneß das so wollte. „Das machen wir jetzt“, hat der 67-Jährige am Telefon gesagt. Und: „Meine Assistentin, Frau Keller, wird sich um alles kümmern.“ Arbeitskarten für das seit Wochen ausverkaufte Bundesligaspiel zwischen dem FC Bayern und dem 1. FC Union – kein Problem. Der Zugang zu seiner Loge in der Münchner Arena – alles flugs organisiert. Uli Hoeneß hatte Lust, sich auf ein Streitgespräch mit Dirk Zingler, dem Präsidenten des 1. FC Union, einzulassen.

Wie haben Sie vor 30 Jahren die Tage rund um den Fall der Mauer erlebt?

Ulrich Hoeneß: Ich kann mich noch entsinnen, dass wir an dem Tag, als die Mauer fiel, in Stuttgart gespielt haben. Am Abend zuvor hatte es ja schon Gerüchte gegeben, aber als das dann Tatsache war, konnte doch das keiner glauben. Das Spiel selbst war dann völlig zweitrangig. Eine wirklich verrückte Zeit.

Das Spiel in Stuttgart wurde live in der ARD übertragen. Schon in der „Tagesschau“ gab es einen Bericht mit dem Hinweis, dass sich an diesem Abend Historisches ereignen könnte. Am Ende des Abends war die Mauer gefallen und der FC Bayern im DFB-Pokal-Achtelfinale durch ein 0:3 in Stuttgart ausgeschieden.

Ulrich Hoeneß: Stimmt.

Und wie haben Sie den Fall der Mauer erlebt, Herr Zingler?

Dirk Zingler: Der Abend des 9. November war eigentlich noch Alltag. Wir sind abends ins Bett gegangen, nachdem wir mitbekommen hatten, dass Günter Schabowski gesagt hatte, dass „nach seiner Kenntnis“ ja ab sofort eine neue Ausreiseregelung gelte. Ich habe es aber tatsächlich erst morgens aus dem Radio erfahren, dass die Mauer auf ist. Das Erste war, dass ich meine Mutter angerufen habe. Meine Mutter kommt ursprünglich aus dem Wedding. Und meine Großeltern, Onkel, Tanten lebten alle in der Ackerstraße. Wir sind dann sofort rüber zur Oma, ist ja klar. Da unsere Familie ja tatsächlich durch die Mauer getrennt war, war das für uns natürlich ein sehr emotionaler Moment.

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Dirk Zingler


… wird am 23. August 1964 in Königs Wusterhausen geboren und ist Fußballfunktionär und Logistikunternehmer.

… ist seit Juli 2004 Präsident des 1. FC Union und hat den Klub nach dem Abstieg in die Oberliga in der Saison 2014/15 zurück in den Profifußball geführt. Im Sommer vergangenen Jahres erfüllte sich für ihn nach elf Jahren in der Zweiten Liga der Traum vom Aufstieg in die Bundesliga.

 … arbeitet seit 1995 als selbstständiger Unternehmer und leitet als Geschäftsführer die RÖFA – DIE LOGISTIKER GmbH.

… lebt in Köpenick und ist Vater von drei Kindern.

Wie war das für Sie als Fußball-Fan, Herr Zingler, beziehungsweise für Sie als Fußball-Macher, Herr Hoeneß? Hat man sich nach der ersten Aufregung Gedanken darüber gemacht, welche Auswirkungen der Fall der Mauer auf den Fußball in Deutschland haben könnte?

Hoeneß: Zuerst hast du doch gar nicht an den Fußball gedacht. Da war ja so viel Emotion. Man hat sich doch erst mal einfach nur gefreut, war aufgeregt, stellte sich die Frage, was bedeutet das für Deutschland. Das war doch eine Sensation. Und erst später ging das doch los, als der Calmund (Reiner „Calli“ Calmund, damals Manager von Bayer Leverkusen, Anmerkung d. R.) durch die Gegend rannte und alles verpflichtete, was nicht bei drei auf dem Baum war.

Zingler: An den Fußball hat in diesem Moment tatsächlich kaum jemand gedacht. Weil es für uns Berliner ja auch ein sehr nahes und direktes Ereignis war. Aus der Distanz gesehen war es ein historisches, klar, für uns in der Familie aber war es ja ein ganz persönliches Ereignis.

Hoeneß: Es waren ja doch sehr viele Familien von der Teilung betroffen.

Zingler: Ja. Und dann war die Frage: Was passiert jetzt auf der Arbeit? Du bist ja am nächsten Tag auf Arbeit gekommen. Da waren nur noch ein Drittel der Leute in der Halle, der Rest war drüben gucken. Das waren die Dinge, die viele, auch mich, beschäftigt haben. An Fußball habe ich nicht gedacht.

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Ulrich „Uli“ Hoeneß


 … kommt am 5. Januar 1952 in Ulm zur Welt und ist Fußballfunktionär und Fleischwarenfabrikant.

… beendet 1979 seine erfolgreiche Karriere als Fußballprofi, um als gerade mal 27-Jähriger den Managerposten beim FC Bayern München zu übernehmen.

…  macht den Münchner Traditionsklub zum Branchenführer in Deutschland und zu einem Big Player auf internationaler Ebene.

… wird 2014 wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Seine Posten im Verein gibt er auf.

 … lässt sich im November 2016  erneut zum Präsidenten des FC Bayern wählen. Am 15. November wird er dieses Amt niederlegen.

… ist Vater von zwei erwachsenen Kindern. Er lebt mit seiner Frau Susi in Bad Wiessee am Tegernsee.

Aber manch einer hat dann doch ganz schnell an Fußball gedacht und daran, was man daraus machen könnte. Stichwort: Calmund.

Hoeneß: Also, wir beim FC Bayern haben uns an diesem Ausverkauf ganz bewusst nicht beteiligt. Wir hatten beschlossen, dass wir uns an der Fledderei nicht beteiligen und den ostdeutschen Vereinen nicht die Spieler wegnehmen.

Zingler: So großherzig?

Hoeneß: Das waren wir schon, doch, doch. Der Calmund hat ja en gros eingekauft und übrigens versucht, auch an uns Spieler zu vermitteln. Aber wir haben gesagt: Nee. Wir haben in den ersten Jahren ja gar keinen Spieler aus dem Osten gekauft.

Erstaunlicherweise. Andere hatten gar keine Hemmungen. So wechselten allein in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerfall etwa 150 Spieler von Ost nach West, darunter natürlich die Talentiertesten.

Hoeneß: Jahre der Ausbeutung waren das, klar. Das war wie ein Kahlschlag. Und eigentlich hätte der DFB den Beschluss fassen müssen, dass man fünf Jahre lang keinen Spieler aus dem Osten kaufen darf. Aber es gab natürlich kein Handbuch für diese Situation. Darauf war doch niemand vorbereitet.

Zingler: Es gab keine Blaupause, das stimmt, die konnte es nicht geben. Und am Ende hat dann eben der Markt reagiert. Und wenn du den Markt ohne Regeln loslässt, dann passiert so etwas. Da braucht man im Nachhinein nicht mehr darüber diskutieren. Das ist Tatsache. Für den Fußball in der DDR war das natürlich eine Katastrophe. Staat weg, Betrieb weg, Klub weg. Das waren ja im Endeffekt alles Klubs, die an irgendwelchen Betrieben hingen. Die Spieler waren dort angestellt. Und so wie sich Anfang der 90er-Jahre die Betriebe aufgelöst haben, lösten sich auch die Klubs auf. Du wusstest ja nicht, wie das Folgemodell aussehen könnte. Das war Pionierarbeit, so wie beim Fußball in Westdeutschland, der sich Mitte der 60er-Jahre auch neu erfinden musste. Es gab keine Fernsehverträge, es gab kein Sponsoring. Und wir haben zu Beginn der 90er-Jahre ungefähr da begonnen, wo die Bundesliga dreißig Jahre zuvor angefangen hatte.

Der FC Bayern hat viele Fans in Ostdeutschland, man könnte etwas überspitzt auch sagen: Der FC Bayern ist, was die Sympathiewerte anbelangt, der größte Ostklub?

Hoeneß: Das war vor dem Fall der Mauer eigentlich auch schon so. Nur durfte man das nicht sagen und zeigen. Mit dem Fall der Mauer haben wir plötzlich 40 000, 50 000 neue Mitglieder gehabt. Den Aufstieg des FC Bayern als mitgliederstärkster Verein in Deutschland kann man ganz gut auf ein Datum zurückführen, auf den 9. November 1989.

Zingler: Das ist ja eine Schande für uns. Warum hatten die Ostklubs ab diesem Tag nicht so ein Mitgliederwachstum zu verzeichnen? Aber das stimmt schon. Auch Borussia Mönchengladbach war in der DDR ein sehr beliebter Verein. Als die Mauer fiel, sind viele Fußball-Anhänger aus Ostdeutschland als Mitglied in den Klub eingetreten, für den sie schon vorher geschwärmt hatten. Das waren nun mal die Bayern, das war Gladbach. Bei Union-Fans war das nicht ganz so, weil bei uns die Bindung der Menschen zu ihrem Verein schon immer stärker war als zu anderen, westdeutschen Vereinen. Aber auch mein Junge ist in die Schule gegangen, in die erste Klasse, und kam mit einem Borussia-Dortmund-Schal zurück. Dann hab ich zu ihm gesagt: Zähl doch bitte mal einen Spieler von denen auf … So, und ab sofort kommst du jedes Wochenende mit Papa zu Union.

Kann man sagen, dass der Versuch einer Wiedervereinigung des deutschen Fußballs krachend gescheitert ist?

Hoeneß: Ich seh’ den Versuch nicht. Es hat ihn doch keiner unternommen. Und wenn man ehrlich ist: Selbst die Politik hatte doch damals gar kein Konzept, wie hätte dann der Fußball eines haben sollen.

Zingler: Die Vereinigung an sich war ja nicht mehr als eine sprachliche Wiedervereinigung, am Ende war es ein Beitritt, eigentlich eine Übernahme. Eine Vereinigung bedeutet ja, zu versuchen, von beiden Seiten das Beste zusammenzuführen und dann gemeinsam was Neues daraus zu machen. Das ist nicht passiert. Und dann kamen so Typen wie dieser Rolf-Jürgen Otto, der bei Dynamo Dresden eingestiegen ist. Darunter leidet Dynamo Dresden meiner Meinung nach noch heute. Diese zehn Jahre des Rumwurschtelns, ohne Identität, das wirkt immer noch nach. Fußball ohne Identität, ohne Bindung zu den Menschen in der Region funktioniert nicht gut. Sie können sich das anschauen: Dort, wo Menschen aus der Region den Verein führen, ist die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs größer als bei fremdgeführten Vereinen. Man muss selbst Verantwortung übernehmen, dann folgen dir die Menschen auch. Ein gutes Beispiel sind die Leonhardts aus Aue. Das sind Typen aus der Region, die wissen, wie die Menschen, die ins Stadion kommen, ticken. In Aue hat man keine zehn Jahre vergeudet. Davor muss man Respekt haben.

Hoeneß: Ich kenn’ die gut. Aue ist ja tatsächlich auch nur eine kleine Stadt.

Zingler: Und dann muss man den Fußball in Deutschland auch vor der Zeit der DDR betrachten. Da gibt es Klubs im Osten, für die gab es eine Zeit davor, wie für den 1. FC Union, dessen Vorgängerverein 1906 gegründet wurde. Seit 100 Jahren spielen wir an der Alten Försterei Fußball. Klubs, die vor der Zeit der DDR schon eine Verankerung bei den Menschen hatten, konnten nach dem Fall der Mauer zumindest darauf bauen. Vereine, die ausschließlich aus der DDR heraus entstanden sind, die hatten es dagegen schwerer.

Es gab also nie ein Treffen der mächtigen Fußballmacher in Deutschland, um sich über die Chancen einer Wiedervereinigung auszutauschen? Nicht auszudenken, vielleicht wäre die Bundesliga jetzt tatsächlich die beste Liga der Welt.

Hoeneß: Wir wussten ja nicht, wie diese Vereine strukturiert sind. Insofern hat man das erst mal laufen lassen.

Zingler: Und so hat dieses Zusammenwachsen Jahre gedauert. Und es ist doch so: Wir kennen uns ja heute noch nicht so gut, wie wir uns kennen sollten. Auf Arbeitsebene funktioniert das. Aber woher sollte das auch alles kommen. Die Bundesliga ist über 55 Jahre alt, wir sind jetzt das erste Jahr dabei, andere Ostvereine seit vielen Jahren gar nicht mehr.

Lediglich zwei Klubs aus der DDR-Oberliga wurden in die Bundesliga übernommen und nur vier Klubs in die Zweite Liga. Kein Wunder, dass es dann hieß: Wir sind doch beschissen worden.

Hoeneß: Wenn man mehr Klubs übernommen hätte, die letztlich aber wirtschaftlich nicht in der Lage gewesen wären, da mitzuhalten, dann hätte das auch nichts gebracht.

Zingler: Na ja, wirtschaftlich kann ich jetzt auch nicht mithalten. Hier sitzen 75 Millionen Euro, da hingegen 750 Millionen.

Hoeneß: Ja, ja, ja.

Zingler: Aber der wirtschaftliche Unterschied ist doch tatsächlich heute noch größer, als er damals zu Beginn der 90er-Jahre war.

Hoeneß: Sie müssen sich jetzt aber doch nicht gleich mit dem FC Bayern vergleichen.

Zingler: Man muss sich doch an den Besten orientieren.

Hoeneß: Aber ihr seid doch nicht so weit von einem Klub wie dem SC Freiburg entfernt. Die haben den Beweis erbracht, dass man mit einer soliden Politik, mit einer Nachwuchsarbeit, die vom Trainer auch auf die Profimannschaft übertragen wird, sehr viel erreichen kann. Viele Leute fragen mich immer: Was würden Sie tun, wenn Sie jetzt den Hamburger SV übernehmen? Dann antworte ich: Ich habe kein Konzept für den HSV! Ich bin aber überzeugt, dass es für jeden Verein ein gutes Konzept gibt. Dafür muss man aber erst mal eine ehrliche Analyse machen. Das Konzept FC Bayern lässt sich jedenfalls auf keinen anderen Verein übertragen.

Zingler: Konzept allein wird nicht reichen. Am Ende braucht es auch Wettbewerbsfähigkeit. Die Frage ist, ob das, was wir jetzt in der Liga haben, dass ein Aufsteiger 75 Millionen, der Meister dagegen 750 Millionen Euro Umsatz hat, noch ein fairer sportlicher Wettbewerb ist. Ich glaube nicht. Ihr habt es euch erarbeitet, die Bedingungen genutzt. Der am meisten hat, bekommt am meisten. Das ist unser System. Aber was ist in zehn Jahren? Ist das Verhältnis dann 120 Millionen zu 1,4 Milliarden? Wohin geht es denn letztlich? Was ist unser Plan?

Hoeneß: Ich persönlich bin überzeugt, dass euer Wachstum ein anderes sein wird als unseres.

Zingler: Prozentual?

Hoeneß: Ja, schon.

Zingler: Aber wir leben ja nicht von Prozenten … Aber gut, wenn der FC Bayern auf dem absteigenden Ast und wir auf dem aufsteigenden Ast sind, dann haben wir ja eine rosige Zukunft vor uns.

Hoeneß: Hey … wenn Sie jetzt 75 machen, dann halte ich für Sie in einem absehbaren Zeitraum 150, 200 möglich.

Zingler: Stimmt. In der Hauptstadt sollte dies möglich sein.

Hoeneß: Ich glaube hingegen nicht, dass wir beim FC Bayern so schnell eine Milliarde machen. Unsere Ressourcen sind ja relativ ausgeschöpft. Im Bereich Fernsehgelder sehe ich gewisse Probleme auf uns zukommen, auf uns alle. Da bin ich mir eben nicht sicher, ob da auch künftig noch so ein Wachstum zu verzeichnen sein wird wie zuletzt. Das gilt auch für das Marketing. Es gibt da nicht mehr so viele Gebiete, die wir neu besetzen können. Und bei den Zuschauereinnahmen wachsen wir seit vielen Jahren gar nicht mehr, weil wir den Zuschauer nicht schröpfen. Wir haben 12 500 Dauerkarten im Stehbereich, die kosten im Jahr 140 Euro. Da sind wir bestimmt noch günstiger als ihr. Klubs wie Arsenal nehmen durch ihr Stadion 50, 60 Prozent mehr ein. Aber wir betrachten den Zuschauer nicht als Melkkuh. Wir sagen immer: Die Einnahmen durch das Stadion müssen stabil bleiben, und das Zusatzgeschäft muss aus Marketing, Merchandising und Fernsehen kommen, wobei wir Letzteres nur zum Teil beeinflussen können. Fußball muss auch der Sport des kleinen Mannes bleiben. Das versuchen wir durchzuziehen. Und wissen Sie, was mir bei euch besonders gefällt?

Zingler: Ich bin gespannt.

Hoeneß: Das ist die Tatsache, dass ihr eine Identität geschaffen habt. Zwischen Verein und Fans. Wenn ich an dieses Weihnachtssingen denke, das sind alles Dinge, die sind sensationell. Da müssen wir hin, dass die Menschen in unserer globalisierten und mechanisierten Gesellschaft wieder Empathie empfinden, Gefühle füreinander, ja, einen Gemeinschaftssinn entwickeln. Wenn du ständig in deinen Computer reinschaust, bekommst du das nicht.

Zingler: Sie sprechen von Gemeinschaftssinn. Gehen wir im Fußball nicht in eine Richtung, die ein bisschen gefährlich ist. Auch wenn ich höre, dass es Überlegungen zu einer Champions League der Champions gibt.

Hoeneß: Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Da ist der FC Bayern nicht dabei. Und wenn der FC Bayern dagegen ist, dann wird das auch nicht kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in Europa irgendein Wettbewerb ohne den deutschen Markt und damit auch ohne den FC Bayern aufgesetzt wird. Wir haben uns ganz klar dazu bekannt, dass die Bundesliga für uns das Wichtigste ist. Und natürlich auch die Champions League in der jetzigen Form. Wobei man diskutieren kann, ob es anstatt dieses Confed Cups nicht eine Vereinsweltmeisterschaft geben soll.

Ein Verein, der in Ostdeutschland doch sehr viel Zulauf erhält, ist RB Leipzig. Ein Klub, der für Sie das Feindbild im deutschen Fußball ist, Herr Zingler.

Zingler: Das kann ich gut begründen. Bei mir wurde da eine rote Linie überschritten. Hier war doch nicht der Fußballsport die Motivation. Hoffenheim, wird auch oft kritisiert, ist für mich ein Gegenbeispiel dafür. Da ist ein Mensch aus der Region, der liebt den Fußball, hat seinen Verein entwickelt, steckt sein Geld rein. Da ist die Motivation, nicht die Marke, also SAP, zu entwickeln, sondern den Verein. RB hingegen war es egal, ob ihr Projekt in Leipzig ist oder anderswo. Die haben überall nachgefragt, ob sie einen Klub übernehmen können. Herr Mateschitz wollte Fußball als einen weiteren Vertriebskanal entwickeln, für seine Marke. Und da sage ich: So bekommen wir chinesische Verhältnisse. Dass Firmen Fußballvereine für vertriebliche Zwecke gründen, das geht nicht.

Hoeneß: In England ist das bei jedem Verein der Fall.

Zingler: Aber wir sind doch hier für den deutschen Fußball verantwortlich. Da hat der deutsche Fußball auch geschlafen, weil Umgehungstatbestände geschaffen wurden. Das ist eine Aushebung der 50+1-Regel par excellence ...

... die in den Statuten des DFB festgehaltene Regel, dass Investoren nicht die Stimmenmehrheit und damit die Entscheidungsmacht in einem Fußballverein übernehmen können.

Zingler: Da können wir 50+1 gleich weglassen. Deshalb sind wir so verärgert. Stellt euch vor, wenn die Chinesen so weitermachen, haben wir in Europa in zwanzig Jahren nur noch Fußballvereine, die Vertriebsabteilungen von Firmen sind. Und das will ich nicht.

Herr Hoeneß, Sie sehen die Sache etwas anders.

Hoeneß: Ohne Mateschitz gäbe es in Leipzig keinen Bundesligafußball. Und ich betrachte es jetzt nicht als Verbrechen, dass einer die bestehenden Regeln für seine Sache nutzt.

Zingler: Darum geht es mir nicht. Aber ich seh schon: Da werden wir beide nicht einer Meinung sein.

Wäre der Ärger bei Union im Fall Red Bull genauso groß, wenn Mateschitz etwa bei Rot-Weiß Essen eingestiegen wäre? Oder nervt die Nähe besonders?

Zingler: Nein, das ist doch Quatsch. Ich freue mich für die Leipziger. Die hatten da ein leeres Stadion, obwohl das ein historischer Fußball-Standort ist. Leipzig war immer eine Fußballstadt. Aber mir geht es ums Prinzip. Wir müssen uns Regeln geben und dabei die Frage klären: Was wollen wir in Zukunft für eine Art Fußball in Deutschland haben und welche nicht?

Hoeneß: Aber glauben Sie mir, auch wenn wir kein Interesse daran haben: Die 50+1-Regel wird fallen, weil wir nicht nur in einem nationalen, sondern auch in einem internationalen Wettbewerb bestehen müssen. Wir haben bei Bayern eine Satzung, die ist 30+1. Wir haben jetzt 25 Prozent abgegeben, dreimal 8,33. Allianz, Adidas und Audi. Wenn wir mehr als 30 Prozent verkaufen wollen, müssen wir die Mitglieder befragen und brauchen da eine Dreiviertelmehrheit. Und die würden wir nie bekommen. Wenn wir sagen: Wir sind für die Abschaffung von 50+1, dann würden wir das nicht machen, damit der FC Bayern profitiert, sondern weil wir dieses ewige Gerede der anderen leid sind, die immer wieder behaupten, wir wären dagegen, damit kein anderer Verein so viel Geld bekommt.

Zingler: Wird es dadurch besser, wenn wir die Tore öffnen? Wenn wir noch mehr Geld in den Markt bekommen?

Hoeneß: Nehmen wir Hannover 96. Wenn es da tatsächlich Aktionäre geben würde, die richtig investieren, würde man sich doch eher gegen internationale Gegenspieler wie Everton zur Wehr setzen können. Das muss man sich vorstellen: Everton, das weiß ich, weil ich den Besitzer gut kenne, bekommt 130 Millionen Euro vom Fernsehen pro Jahr, doppelt so viel wie wir bekommen. Und Manchester United kriegt 300 Millionen.

Zingler: Ich glaube, dem Wettbewerb hilft das nicht. Alle floaten da nur mit. Wenn wir die Tore öffnen, ist es doch so, dass der große Investor zum großen Verein, der kleine Investor zum kleinen Verein geht. Wenn dem deutschen Fußball noch mehr Geld zur Verfügung steht, werden andere Märkte in England, Frankreich oder Spanien reagieren. Wir zahlen den gleichen Spielern nur mehr Geld.

Hoeneß: In England ist das anders.

Zingler: Aber wir sind nicht in England. Wo ist denn das Alleinstellungsmerkmal der Bundesliga?

Hoeneß: Es gibt viele, die sagen, wir kommen nicht weiter, weil wir keine Investoren haben. Und das ist wahrscheinlich gar nicht so verkehrt.

Zingler: Es gibt aber auch Leute, die sagen, wir kommen international nicht weiter, weil der deutsche Wettbewerb zu schwach ist. Das ist ja eher die Ausnahme, dass es im ersten Drittel der Saison in der Spitze so knapp zugeht …

Hoeneß: Das soll sich aber auch schleunigst wieder ändern …

Zingler: Ich glaube schon, dass ein guter, starker nationaler Wettbewerb auch internationale Stärke erzeugt. Je häufiger man sich im Ligaalltag auf hohem Niveau messen muss, an die Leistungsgrenze gehen muss, desto konkurrenzfähiger wird man auch im internationalen Vergleich.

Ich komm noch mal ganz kurz auf RB Leipzig zu sprechen, Herr Zingler: Ersetzt dieser Klub bei Union das alte Feindbild BFC Dynamo?

Zingler: Die Frage kann wahrscheinlich nur jemand stellen, der nicht aus dem Osten kommt. Natürlich nicht. Für mich geht es darum, wie wir in Zukunft den Fußball in Deutschland gestalten wollen. Die Wirtschaft verändert sich, die Gesellschaft und damit auch der Fußball. So stellt sich für mich die Frage, wie wir dem Fußball bessere Regeln geben wollen. Oder ob wir weiter einfach dem Markt hinterherlaufen. Und der Markt wird sich verändern, davon bin ich überzeugt.

Hoeneß: Aber in welche Richtung?

Zingler: Die europäische Industrie wird verstärkt von internationalen Staatskonzernen übernommen. Große Teile des deutschen Maschinenbaus sind schon in chinesischer Hand. Und wir werden sehen, was in zwanzig Jahren ist. Aber im Moment stellt sich doch die Frage: Wollen wir so einer Entwicklung Rechnung tragen oder nur abwarten? Bei Mateschitz hast du ja noch eine menschliche Komponente, man kennt ihn, möglicherweise ist er ein netter Kerl.

Hoeneß: Das ist er.

Es klingt nicht so, als würden Sie in den Runden mit der Deutschen Fußball Liga und dem Deutschen Fußball-Bund offen über derartige Probleme sprechen. Ist die Solidarität im deutschen Fußball nur noch ein Mythos?

Zingler: Das ist eine große Herausforderung. Und Solidarität ist ein komplizierter Prozess. Wir reden aktuell miteinander darüber. Mir geht es aber auch darum, was in fünf, was in zehn Jahren ist. Und sicher muss das solidarischer werden.

Hoeneß: Was wäre Ihr Vorschlag?

Zingler: Gelder so verteilen, dass der Wettbewerb gerechter wird. Es wäre eine Möglichkeit, dem amerikanischen Beispiel mit einem Draftsystem zu folgen. Die Holländer denken darüber nach, die Erlöse aus dem internationalen Wettbewerb anders zu verteilen. Andere Sportarten versuchen, den Wettbewerb fairer zu gestalten. Im Pferdesport bekommt der Beste mehr Gewicht, um eine Chancengleichheit herbeizuführen.

Hoeneß: Ja, das möchte ich mal sehen, wenn einer wie der Lewandowski mit der Bleiweste spielt.

Zingler: Stimmt, das würde ich auch gerne mal sehen.

Hoeneß: Sie machen da einen kleinen Denkfehler, weil Sie das nur national sehen. Man muss das Ganze auch international sehen. Wenn derartige Regulierungen kämen, da bin ich mir sicher, würde das der Bundesliga und der Nationalmannschaft, des Deutschen liebstes Kind, doch sehr schaden. Dann bekommen Sie mit Ihrer Idee ganz schön Probleme.

Zingler: Sie beschreiben die große Herausforderung, die vor uns steht. Ich möchte ja, dass Bayern die Champions League gewinnt, aber auch wir die Chance haben, irgendwann Deutscher Meister zu werden.

Hoeneß: Bei Ihrem Vorschlag ist das kaum möglich.

Zingler: Bei meinem Vorschlag ist das möglich. Wir müssen es mal unterbrechen, dass der wirtschaftlich Stärkste durch den sportlichen Erfolg gleich wieder das größte wirtschaftliche Paket bekommt. Wo führt denn das hin?

Hoeneß: Sie beschreiben da mit Ihrem Modell eine Staatswirtschaft.

Zingler: Keine Staatswirtschaft – Solidarität und fairen Wettbewerb.

Hoeneß: Soll ich Ihnen mal was sagen. Der größte Ausdruck unserer Solidarität ist, dass wir bei der Vermarktung und Verteilung der Fernsehgelder zugestimmt haben. Wenn wir das anders gemacht hätten und uns selbst darum kümmern würden, würden wir morgen 200 Millionen und Ihr zehn Millionen Euro bekommen. Aber wir sind uns einig, dass das nicht die Lösung ist.

Zingler: Stimmt, das ist nicht die Lösung. Es muss um den gesamten deutschen Fußball gehen.

Hoeneß: Wo ich ein bisschen bei Ihnen bin, ist, dass es eigentlich allen gutgehen muss. Dass man sich bei der Vermarktung beispielsweise etwas solidarischer zeigt. Das sehen nicht alle bei uns im Klub, aber ich bin da ein bisschen sozialer. Ich möchte auch den Wettbewerb, weiß aber, dass der nicht unbedingt besser wird, wenn man die Klubs mit Geld zuschüttet. Wenn ich so etwas sage, muss ich mir die Frage gefallen lassen, wo dieses Geld dann hinfließt? An die Vereine? An die Spieler? Nein, an die Berater. Wenn man wüsste, dass das Geld in den Nachwuchs gesteckt wird, dann ließe sich da was in die richtige Richtung bewegen.

Noch ein Blick über den Fußball hinaus, wie sehen Sie unser Land im Jahr 2019?

Hoeneß: Ich glaube, dass viele Probleme auch herbeigeredet werden. Es gibt zu viel Ost und West und rechts und links, was auch die Medien zu verantworten haben. Man muss das alles doch eher runterfahren, nicht hochstilisieren.

Zingler: Das Verhältnis zwischen Ost und West ist besser, als immer wieder gesagt und geschrieben wird. Wir sind mit Union in ganz Deutschland unterwegs, ich reise beruflich seit 30 Jahren durch Deutschland, denke seit vielen Jahren nicht mehr in den Kategorien Ost und West. Für mich gibt es nur eins: Vollpfosten ja oder nein. Egal wo er herkommt.

Hoeneß: Ich sage immer: Arsch bleibt Arsch.

Und was kann man konkret tun, damit Deutschland zu einem besseren Deutschland wird?

Zingler: Nicht mehr jammern, machen! Wenn ich mir nach dreißig Jahren immer noch Gedanken machen würde, warum der DDR-Fußball ausgeblutet ist, und Union in den 90er-Jahren so schlechte Bedingungen hatte, dann hilft das unserem Verein und unseren aktuellen Jungs da unten auf dem Rasen überhaupt nicht.

Hoeneß: Wir leben im Hier und Heute, da muss man anpacken, das stimmt.

Zingler: Und die nächste Vereinigung wird mit dem Wissen von heute vielleicht ein bisschen besser laufen.

Hoeneß: Das klingt nach einem guten Schlusswort.

Das ist wohl wahr. Eine Frage hätte ich allerdings noch. Sie lautet: Wie stellen Sie sich Deutschland im Jahr 2029 vor?

Zingler: 2029 hat der FC Bayern zum sechsten Mal hintereinander die Champions League gewonnen und der 1. FC Union kämpft um die Deutsche Meisterschaft.

Und Sie, Herr Hoeneß?

Hoeneß: Ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, was in zehn Jahren los sein wird. Weil sich die Welt so schnell dreht. Ich hoffe nur, dass sich diese ganze Aufgeregtheit legt, auch im Verhältnis zwischen Ost und West. Dass wir das irgendwann als völlig normal betrachten und es nur ein Deutschland gibt und nicht eins von Ost und eins von West. Nur ein Deutschland. Und basta!