Dirk Zingler: Wir müssen bleiben, wie wir sind

Ich war 25, als die Mauer fiel, junger Familienvater und Schlosser im Wohnungsbaukombinat. Die Familie meines Vaters kam aus Friedrichshain, die meiner Mutter aus dem Wedding. Sie war im August ’61 mit meinem Bruder im sechsten Monat schwanger und blieb im Osten der Stadt bei meinem Vater. Von ihrer Familie war sie ab diesem Zeitpunkt durch den Mauerbau getrennt. Wir sind dann gleich am nächsten Tag zu ihrer Mutter in die Ackerstraße gefahren. Meine Mutter hat die ganze Fahrt über geheult, es hat sie so bewegt, dass sie ihren Kindern endlich zeigen konnte, wo sie aufgewachsen ist.

Im unserem Betrieb bin ich nach dem Mauerfall zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt worden, später im ganzen Konzern. Wir waren mal 10.000 Mitarbeiter, davon blieb nicht viel übrig. Ich hatte die Aufgabe, die Massenentlassungen zu begleiten und meinen Arbeitern zu erklären, dass es keinen sinnvollen anderen Weg gibt. Schon im Dezember ’89 kam die Familie Röck, Betonunternehmer aus Dachau, und begann, hier ein Werk aufzubauen. Wir entließen, und die bauten auf. Irgendwann hat Röck zu mir gesagt: Wenn du wirklich was Soziales für Arbeitnehmer tun willst, dann verteidige keine auf die Dauer nicht haltbaren Arbeitsplätze, sondern schaffe neue. Das ist das Sozialste, was du tun kannst. Das prägt mich bis heute: Arbeitsplätze schaffen, Menschen als Unternehmer würdevoll zu behandeln, gerecht zu entlohnen – das ist zutiefst sozial für mich.

Ich hab meine Prinzipien

Innerhalb einer Woche hab ich damals meinen unkündbaren Job als Konzernbetriebsrat aufgegeben und hab bei Röck und seiner Firma Röfa angefangen, als Werkleiter im Betonwerk Ludwigsfelde. Die Familie Röck hat sich dann um die Jahrtausendwende wieder nach Bayern zurückgezogen, ich hab das Unternehmen übernommen und weiter ausgebaut. Ich war Schlosser, hab nicht studiert, bin Unternehmer geworden – das ging eigentlich nur damals und ist kaum kopierbar. Meine ganze Führungscrew sind heute noch Kollegen aus dem ehemaligen Wohnungsbaukombinat. Heute sind wir 250 Mitarbeiter und haben Standorte im ganzen Land. In Berlin-Brandenburg sind wir Marktführer.

Seit 2004 bin ich ehrenamtlich Präsident vom 1. FC Union Berlin. Ich muss dabei nicht in unterschiedlichen Welten leben. Ich kann vormittags in der Firma so sein, wie ich bin, und nachmittags genauso an der Alten Försterei. Ich bin einfach Dirk Zingler. Ich hab meine Prinzipien, meine Stärken und Schwächen, die kann ich in der Firma zeigen und im Verein. Fußballvereine funktionieren nicht anders als Unternehmen, am Ende geht es ums Managen, um unternehmerisches Handeln, um Menschenführung, um Analyse, um Kompetenz. Der einzige Unterschied ist, dass beim Fußball alles öffentlich diskutiert wird und alle glauben, vom Zuschauen selbst ausreichend kompetent zu sein. Damit muss man leben, das macht Fußball eben auch aus.

Am Ende ist das persönliche Handeln eines Verantwortlichen in seinem jeweiligen Wertegerüst entscheidend. Wir müssen so bleiben, wie wir sind, und am Ende prägen wir so unser Umfeld. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt unserer Entwicklung der letzten zehn Jahre, dass jeder, der hierherkommt und für Union arbeitet, seine Persönlichkeit, seine Werte, seine Ideale, auch seine Ecken und Kanten mitbringt, und dann aber auch so sein darf, wie er ist. Das gilt auch in meiner Firma. Stromlinienförmigkeit mit keinem eigenen, sondern einem vorgegebenen Wertegerüst, das will ich nicht, sondern Individualität, Eigenart.

Aufgezeichnet von Thomas Leinkauf