Berlin - Was macht ein Offizier der Grenztruppen, dem pünktlich zur Diensteinführung die Grenze inklusive der zu bewachenden Mauer genommen wird? Er taumelt durch den luftleeren Raum, den die Wende in Berlin hinterlassen hat – und findet ausgerechnet bei früheren Staatsfeinden den gesuchten Halt. Die Staatssicherheit der DDR hielt die Anhänger des 1. FC Union für „negativ dekadent“, also kulturell im Verfall begriffen. Für den verhinderten Maueroffizier Stefan Schützler werden sie in den Neunzigerjahren zur Familie.

Wie ganz unterschiedliche Menschen auf und neben der Tribüne eines Fußballvereins eine „Union fürs Leben“ bilden, erzählt die gleichnamige Dokumentation von Rouven Rech und Frank Pfeiffer, die am Dienstag, den 6. Oktober im RBB zu sehen ist.

Zum zweiten Mal haben Rech und Pfeiffer ihre Kameras auf die Fußballwelt gerichtet, ohne dem sportlichen Geschehen zwischen den zwei Toren allzu viel Beachtung zu schenken. Vier Jahre lang hatten sie bis 2010 die Bundesligawerdung der TSG Hoffenheim begleitet. Mit „Das Leben ist kein Heimspiel“ ist ihnen eine aufschlussreiche Studie über die Planbarkeit des Erfolgs im Profifußball gelungen. In „Union fürs Leben“ hingegen untersuchen sie den identitätsstiftenden Umgang mit Niederlagen.

Gute Dokumentarfilmer öffnen dem Zuschauer Räume, die sonst verschlossen bleiben. Waren es in Hoffenheim die Zimmer der Geschäftsführung, sind es nun die Wohnzimmer von Fans. Herausgekommen ist nicht etwa eine historische Abhandlung über den Mythos 1. FC Union, sondern ein Einblick in das Denken und Fühlen von fünf Unionern. Einer von ihnen, Christopher Quiring, hat den Sprung von der Tribüne zu den Profis geschafft.

Der Fan als Vorbild

Die beiden Regisseure folgen dabei kommentarlos dem Unioner Slogan: „Andere Vereine haben Fans, wir aber haben einen Verein“. Damit ist Union der logische Gegenentwurf zu ihrer ersten Fußballproduktion über den für die Bundesliga geschaffenen Verein, bei dem im ökonomischen Sprech der Protagonisten Fans Kunden sind und „Herzen akquiriert“ werden. Am Beispiel von Union zeigen sie, warum ein Profiverein eine zu Recht als gemeinnützige anerkannte Institution ist. Fußball ist Gesprächsthema, der Klub (Über-)Lebenshilfe.

Leider haben Rech und Pfeiffer es unterlassen, an der einen oder anderen Tür zu klopfen, wodurch der Film etwas einseitig geraten ist. Dass auch in Köpenick um Millionen Euro gespielt wird, wird ausgeblendet. Der Film unterstreicht die Besonderheit des 1. FC Union, weil er den Blick nur auf das Besondere richtet. Die Fans, wie der inzwischen als Sozialarbeiter tätige Schützler, haben in ihrem Leben das Aufstehen gelernt, helfen sich gegenseitig und erwarten, dass die Mannschaft ihrem Beispiel folgt. Die Vorbilder, so der Tenor, stehen auf den Rängen.

Union fürs Leben, Dienstag, 06.10.2015, 22.45 Uhr, RBB-Fernsehen