Dominic Thiem wirkt vor seinem ersten Auftritt in Berlin sehr entspannt.
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BerlinDie sportlichen Fragen meisterte Dominic Thiem entspannt. In seinem gepolsterten Sessel hatte es sich der Weltranglistendritte am späten Montagvormittag bequem gemacht und antwortete locker auf die Fragen. Als die irgendwann aber noch einmal auf die Adria-Tour umschwenkten, wirkte er in seinen Antworten noch einmal konzentrierter. Der rechte Fuß wippte und der Österreicher überlegte ganz genau, was er über die umstrittene Turnierserie, deren einziges bis zum Ende gespieltes Turnier Thiem Mitte Juni gewonnen hatte, erzählte. „Natürlich war das ein Fehler“, sagte der 26-Jährige, „wir haben da so ein bisschen den Bezug zur Realität verloren." Und deshalb sorgte das Turnier weniger durch den sportlichen Wert, sondern viel mehr durch öffentliche Veranstaltungen mit Kindern, unzureichende Abstände auf den Zuschauerrängen und Partys der Spieler in Belgrad für Schlagzeilen. „Durch diese Euphorie haben wir uns dazu verleiten lassen, diese ganzen Regeln nicht mehr einzuhalten“, sagte Thiem.

So langsam aber ist das Thema für den Weltranglistendritten erledigt, wenngleich er die öffentliche Kritik, die selbst vier Wochen später nicht abzuebben scheint, noch immer für gerechtfertigt halte und sich keineswegs unfair behandelt fühle. „Wir lernen hoffentlich aus den Fehlern und verhalten uns in Zukunft vorsichtiger", sagt Thiem. Andererseits muss man ihm und den restlichen Teilnehmern zugute halten, dass sie sich an die zu diesem Zeitpunkt bestehenden Regeln in Serbien gehalten hatten.

Die sehen jetzt in Berlin natürlich ganz anders aus. Und auch Dominic Thiem nimmt sie ernst. Hatte er bei der Adria-Tour nicht nur auf den Abstand zu den Kollegen, sondern auch auf die Mund-Nasen-Bedeckung verzichtet, spazierte er am Montag mit Maske über das Gelände rund um das Steffi-Graf-Stadion. Dort ist er übrigens zum ersten Mal, und überhaupt ist sein Beziehung zur deutschen Hauptstadt bislang nicht mehr als ein erster Flirt. „Ich war vor vier Jahren mal bei einem Fußballspiel, Hertha BSC gegen Gladbach, und danach noch 24 Stunden in Berlin, wo ich einiges gemacht habe", erzählte er, „ich finde die Stadt sehr geil, sehr facettenreich mit unterschiedlichen Stadtteilen."

Allein die Situation mit der kleinen Blase rund um den inneren Kreis der beiden Turniere auf Rasen und Hartplatz lassen eine Sightseeing-Tour nicht zu. Sämtliche Veranstaltungen rund um das Turnier, die es ansonsten gerne mal gibt, hat Turnierveranstalter Edwin Weindorfer ohnehin schon abgesagt. Der Fokus liegt allein auf dem Sport und auf die Einhaltung aller Vorschriften. „Es gibt viele Regeln und alles ist klar geregelt", sagte Thiem, „das war es auch schon in Kitzbühel, wo wir alles dafür getan haben, um das Risiko so gering wie möglich zu halten."

Beim vom ihm organisierten Turnier in seinem Heimatland hatte sich der Österreicher am vergangenen Wochenende im Endspiel geschlagen geben müssen und gezeigt, dass ihn die Corona-Pause sportlich nicht allzu sehr zurückgeworfen hat. „Es gibt Spieler, die es härter als mich getroffen hat. Was sollen Leute sagen, die gerade auf dem Weg nach oben sind und durch diese Phase gestoppt wurden? Oder Spieler, die im fortgeschrittenen Alter sind und bald ihre Karriere beenden und ein halbes Jahr verloren haben?" Generell seien ohnehin andere Dinge wichtiger als der Sport im Allgemeinen und Tennis im Speziellen.

Trotzdem sind Turniere in Kitzbühel oder Berlin erste Schritte zurück in die Normalität des Tenniszirkus. Sie sind aber auch erst der Anfang. Von den noch drei ausstehenden Grandslam-Turnieren des Jahres wurde Wimbledon ersatzlos gestrichen, die French Open sollen am 20. September beginnen. Zuvor stehen noch die US Open im Terminkalender. Aber: „Es ist alles andere als sicher, ob das Turnier stattfindet", sagt Dominic Thiem, „ich glaube, dass das Ganze auf sehr wackligen Beinen steht." Die endgültige Entscheidung müsse aber ohnehin von der Regierung und dem amerikanischen Tennisverband getroffen werden. Doch erst einmal freut er sich auf sein erstes Match in Berlin.