Die Entscheidung der Erfurter Staatsanwaltschaft kam nicht sonderlich überraschend: Das Ermittlungsverfahren gegen Andreas Franke, der als Vertragsarzt am Olympiastützpunkt Thüringen das Blut von rund 30 Athleten mit UV-Licht bestrahlt hat, wurde eingestellt. Nach anderthalb Jahren kam die Behörde zu dem Schluss, es bestehe „kein hinreichender Tatverdacht“, eine Verurteilung sei „nicht zu erwarten“.

Dem Mediziner Franke konnte nicht nachgewiesen werden, dass er die dubiose Methode „zu Dopingzwecken“ einsetzte. Mit diesem impliziten Hinweis auf ihre Recherchen begründet die Staatsanwaltschaft wohl auch die Dauer ihrer Ermittlungen. Frankes Auskunft, er habe die Immunabwehr verbessern wollen, sei nicht zu widerlegen. Sämtliche als Zeugen befragte Athleten hätten bekundet, dass sie den Doktor „aufgrund aktueller Erkrankungen“ aufsuchten.

Methode auch bei "Nicht-Sportlern" angewendet

Für Franke sprechen aus Sicht der Ermittler zwei weitere Aspekte: dass er die Blutbehandlungen „nicht verschleierte“, sondern dem Olympiastützpunkt mitteilte. Und dass er die Methode auch bei „Nicht-Sportlern“ anwandte. „Zumindest hier“, formuliert die Staatsanwaltschaft mit einem Hauch von Zweifel, „liegt die behauptete Heilbehandlung durchaus nahe“.

Für den organisierten Sport ist die Sache damit nicht erledigt – zumindest nicht so, wie man es sich dort wohl gewünscht hat. Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) verteidigte ja unlängst das Zögern der Nationalen Antidoping-Agentur bei der sportrechtlichen Aufklärung der Causa mit einer kühnen Konstruktion: Die Nada müsse sich „in einem rechtsstaatlich einwandfreien Verfahren“ bewegen, könne nicht „ins Blaue“ gegen Athleten ermitteln, sondern müsse erst die Erfurter Ermittlungsergebnisse abwarten.

Indes ist der Erfurter Bescheid nun mit einem deutlichen Verweis auf die Eigenständigkeit des Sportrechts garniert, die dem Juristen Bach eigentlich geläufig sein sollte. Die Ermittler halten dabei fest, dass die UV-Bestrahlung „einen objektiven Verstoß zumindest gegen Buchstabe M 1.1 der Anlage zum Übereinkommen gegen Doping im Sport und damit eine verbotene Methode“ darstellt.

Staatsanwalt Hannes Grünseisen sagt es so: „Es lag kein subjektiver Tatbestand vor. Objektiv halten wir es für Doping.“ Und zwar für klares Blutdoping, verboten seit vielen Jahren. Prompt ruderte gestern auch der DOSB zurück: „Das sportrechtliche bzw. disziplinarrechtliche Instrumentarium ist vom Strafrecht unabhängig und weitergehend.“

Die Nada spielte den Wink aus Erfurt herunter: Bereits eingeleitete sportrechtliche Verfahren würden nun „zügig und konsequent“ betrieben. Es laufen nur zwei Verfahren, das dürfte kaum reichen. Denn nach dem Prinzip der „strict liability“ sind Athleten verantwortlich für das, was mit und in ihrem Körper passiert. Auf Erfurt bezogen: Wer Frankes Service einmalig in Anspruch nahm, dem mag man eine Unschuld zubilligen, die ein Schiedsgericht bei der freigesprochenen Eisschnellläuferin Judith Hesse sah. Wie aber hält man es sportjuristisch mit den 14 Mehrfach-Fällen? Zum Beispiel mit dem Rad-Profi Patrick Gretsch, der in vier Jahren sein Blut 27-mal bestrahlen ließ – und vor einer Woche beim Prolog der Tour de France als Siebter einrollte? Und was kreuzten Frankes Patienten eigentlich bei Bluttests an? Auf den Nada-Kontrollbögen wird seit 2005 nach jeglicher Bluttransfusion im Sechsmonatszeitraum vor dem Test gefragt.

"Abartig", "absolut krass"

Die Brisanz der Methode entging den Sportlern nicht. Schon in jenem Telefonat, das die Ermittler auf Frankes Spur brachte, fiel das D-Wort. Einige der dabei gewählten Attribute für das Gepansche: „abartig“, „absolut krass“. Und weiter: „Das ist ja auch irgend ’ne Art von Doping.“ Die andere Gesprächspartnerin war sich da sogar sicher: „Klar, alles was mit’m Blut irgendwie passiert.“

Dies darf als normaler Wissensstand vorausgesetzt werden. Und es widerlegt die Sportfunktionäre und -politiker, die mit allerlei Tricks den Begriff Blutdoping wegmoderieren wollten.

Löbliche Ausnahme: Clemens Prokop. Der Leichtathletik-Präsident, im Hauptberuf Richter, erwägt nun sogar eine Dienstaufsichtsbeschwerde zur Überprüfung des Erfurter Bescheids. Der bedeutet nach seiner Lesart, dass verbotene Methoden, würden sie von Sportmedizinern zu Heilzwecken angewendet, grundsätzlich ohne Strafe bleiben. Die Staatsanwaltschaft habe übersehen, dass dafür eine Ausnahmegenehmigung der Nada einzuholen sei, sagte Prokop dem Sportinformationsdienst. Ob das die Nada auch so sieht? Es bleibt spannend im Glashaus des deutschen Sports.