Von fünf jamaikanischen Sprintern, darunter Asafa Powell, sowie vom US-Amerikaner Tyson Gay existieren positive A-Proben.Herr Simon, haben sich diese Athleten zu sicher gefühlt?

Ich gehe davon aus. Sie hatten vielleicht gemeint dopen zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Jetzt scheint jedoch die IAAF (der Leichtathletik-Weltverband, d. Red.) zur Überzeugung gelangt zu sein, ernsthaft testen zu müssen.

Was hat die IAAF dazu bewogen?

Die Öffentlichkeit wird demnächst wahrscheinlich über gerichtliche Instanzen mehr erfahren. So wie es ja bei Doping häufiger der Fall ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Hintergründe für die Tests gibt, und die IAAF täte gut daran, diese Hintergründe offenzulegen.

Sind die bekannt gewordenen Fälle nur die Spitze des Eisbergs?

Ich gehe davon aus, dass es weitere spektakuläre Fälle geben wird und auch eine entsprechende Anzahl davon.

Sie klingen nicht überrascht.

In der Tat wundert mich das nicht. Es würde mich auch in anderen Sportarten nicht wundern. Dazu müsste dort allerdings ebenfalls ernsthaft getestet werden.

Was nicht geschieht, weil sich zu viel Geld im System befindet?

Ich glaube nicht, dass umso mehr gedopt wird, je mehr Geld im Spiel ist. Dass Doping nicht ernsthaft verfolgt wird, ist dagegen recht sicher durch Geld motiviert.

Also sind es die Funktionäre, die nicht wollen, dass Betrug ohne Konsequenzen bleibt?

Wir hatten im Radsport Verantwortliche, die daran interessiert waren, etwas zu entdecken, weil sie unter juristischem und auch wirtschaftlichem Druck standen. Und schon wurde etwas entdeckt. Wir haben solche Verantwortliche jetzt in der Leichtathletik offensichtlich auch. Es wäre spannend zu sehen, ob andere Sportarten nachziehen.

Vom Sport wird Doping als ein Problem von Einzeltätern abgetan.

Das ist der grundlegende Fehler. Das hat die Vergangenheit gezeigt.

Sie meinen im Radsport?

Nach allem, was wir aus Gerichtsverfahren der jüngeren Zeit wissen, ist klar, dass jeder in der Radsportszene weiß, wer was macht. Da ist es erstaunlich, dass es über Jahre hinweg nur gelungen ist, Einzelfälle aufzudecken. Als zum Beispiel das Blutdopingmittel Cera nachweisbar wurde, gab es nur Einzelfälle. Wurde nicht weiter getestet? Wurden positive Tests unter den Teppich gekehrt? Warum will man, dass sich dieses Hase-und-Igel-Spiel immer weiter intensiviert? Das sind die Fragen, die jetzt gestellt werden müssen.

Passiert das gerade in der Leichtathletik?

Es sieht so aus. Ich hoffe, es geht ausreichend in die Tiefe. Wenn wir das Umfeld der Sportler außer Acht lassen, haben wir das Problem nicht gelöst.

Werden die Dopingjäger jemals gegen das Dopingsystem gewinnen?

Betrug als gesellschaftliches Phänomen wird nie auf Null zurückgeschraubt werden können. Daher wird das auch im Sport nicht möglich sein.

Klingt nach Kapitulation.

Nein, die entscheidende Frage lautet doch: Entspricht eine Sportart noch unseren Wertevorstellungen? Sie tut es nicht, wenn die Gesundheit der Athleten nicht ausreichend geschützt, wenn also Doping nicht ausreichend bekämpft wird, weil das Geld alles diktiert. Es muss klar sein, dass diese Art von Sport keine Zukunft hat.

In Deutschland ist das offensichtlich nicht der Fall.

Das ist richtig. Wir haben hier ganz klar einen Fehler im System. Hier wird Leistungsorientierung mit einem perversen Förderungssystem verwechselt. Wenn im Hochleistungssport die Gelder zu den Medaillen fließen, stimmt etwas grundlegend nicht. Wenn Medaillen mit den Medaillenträgern wegen Fördermitteln von Bundesland zu Bundesland wandern, dann entspricht dieses System nicht mehr unseren Wertevorstellungen.

Wie ließe sich das ändern?

Das Bundesinnenministerium müsste sagen: Dieses Sportsystem unterstützen wir nicht mehr aus Steuermitteln.

Aber es gibt ja noch die Sportindustrie. Und das Fernsehen, das quasi als Mitveranstalter von Bestleistungen profitiert.

Jetzt frage ich mal zurück: Warum werden eigentlich Fernsehformate wie „Germanys next Topmodel“ oder „Schlag den Raab“ nicht aus Steuergeldern gefördert? Zählen sie nicht zum Kulturgut wie der Sport, sind sie deshalb nicht förderungswürdig?

Setzen Sie Profisport mit Show gleich?

Ich sehe gerade zu viele Übereinstimmungen zwischen dem Sportfördersystem und diesen Fernsehformaten.

Ist es bezeichnend, wenn ausgerechnet in Jamaika eine Enthüllungswelle losgetreten werden sollte, einem Land, das in der Dopingbekämpfung als rückständig galt, und nicht in Deutschland?

Wenn Sie so fragen, bin ich überrascht, dass es jamaikanische Sprinter erwischt hat. Warum sind keine deutschen Leichtathleten betroffen? So, wie sich bei uns die Dopingbekämpfung darstellt, müsste es doch auch deutsche Athleten treffen.

Sie meinen, weil die Nationale Anti-Doping-Agentur nach dem Willen der Allianz aus Politik und Sport chronisch unterfinanziert ist?

Wir müssen uns ansehen, welche Interessenkonflikte es gibt. Daran besteht unter den Beteiligten aber kein Interesse, weil sie mit dem bisherigen System gut leben. Veränderungen können nur durch Druck von außen erreicht werden.

Interview: Christian Schwager