Am Mittwoch trug das sportpolitische Berlin parteiübergreifend veritable Empörung zur Schau. „Unerträglich“ schimpfte Christoph Bergner, der Sport-Staatssekretär im Bundesinnenministerium. „Ein höchst eigenwilliges Verfahren“ assistierte Klaus Riegert, der sportpolitische Sprecher der Union. Und Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, verspürte „Unbehagen“.

Anlass war der Umstand, dass David Howman, Generaldirektor der Welt-Antidoping-Agentur Wada, sich in Interviews kritisch zum Umgang der deutschen Nada mit der Causa Erfurt geäußert hatte. „Die Nada“, formulierte er, „muss jetzt ihren Job machen.“

Entrüstung ad absurdum

Howman wunderte sich, dass die Agentur keinen Willen zeigte, von einem Sportgericht klären zu lassen, ob die Blutbestrahlungen am Olympiastützpunkt Thüringen auch vor 2011 Doping waren. „Darüber“, belehrte er die Deutschen, „entscheidet nicht die Wada.“

Die Sportpolitiker verteidigten die Bonner Agentur dennoch, auch gegen den Vorwurf, sie habe der Wada nicht alle Informationen zu Erfurt geliefert. Generell unerfindlich war für CDU-Mann Bergner zudem, warum Howman einen Brief seines Hauses von Ende April zurückzog, der die Blutpraxis mit UV-Licht bis Ende 2010 als erlaubt taxiert hatte: „Der Brief leuchtet mir durchaus ein.“

Noch am Mittwoch war die Entrüstung ad absurdum geführt: Die Nada tat mit einem Jahr Verzögerung, was Howman verlangt hatte. Sie gab bekannt, dass sie nun doch die Mehrheit der 30 Fälle, darunter Stars wie Claudia Pechstein oder Nils Schumann, klären will: also schiedsgerichtlich prüfen lässt, seit wann die Blutmanipulation verboten war.

Brisant waren all die Nettigkeiten des Politbetriebs für die vermeintlich tadellose Arbeit der Nada aber nicht allein deshalb. Sie sind es vor allem, weil Bergner & Co. damit Feuer an eine Lunte gelegt haben, das nun zurück zischt, mitten ins Herz des sogenannten deutschen Antidoping-Kampfes. Denn eine satte Prise Unverständnis für diesen adressierte Howman inzwischen auch an die 16 Mitglieder der Wada-Exekutive. Sein interner Bericht mit dem Betreff „UV-Blutbestrahlung“ liegt dieser Zeitung vor. Er erklärt die Deutschen offiziell zu Nachsitzern in Sachen Antidoping.

Fehlende Fakten, falsche Frage

Auf drei Seiten skizziert Howman das denkwürdige Agieren der Bonner Agentur. Zum Ablauf: „Ende 2010 schien es, als ob Fälle für die Sanktionierung vorbereitet würden. Anfang 2011 gab es Korrespondenz mit Mitgliedern des Wada-Managements und Antworten, die sagten, dass die Methode verboten ist.“ Dann habe man lange „nichts gehört“. Bis zum Jahresbeginn, als die Wada erneut um ihre Meinung gebeten wurde – allerdings „ohne Erwähnung der Korrespondenz von April/Mai 2011. „Befremdlich“, nennt Howman das, auch hinsichtlich des Zeitabstandes. Dafür wisse man „keine Erklärung“.

Eine solche drängt sich, wenn auch nicht der Wada im fernen Montreal, nun geradezu auf: Die Nada wurde in der Affäre Erfurt kurzzeitig aktiv, als im April 2011 eine Razzia der Erfurter Staatsanwaltschaft bekannt wurde. Dann ließ sie die Sache wohl lieber ruhen – bis ab Mitte Januar 2012 Medienberichte zum Blutdopingverdacht gegen deutsche Athleten öffentlich Druck aufbauten.

Glaubwürdigkeit sinkt weiter

Howman teilt der Wada-Exekutive mit, welche Informationen die Nada zurückhielt. Etwa, wie viele Athleten wie oft mit der Methode behandelt wurden. Noch pikanter: Die Nada übermittelte die falsche Frage nach Montreal; der Umstand führte zur auch in Berlin so freudig begrüßten und nun widerrufenen Wada-Auskunft von Ende April. Howman zufolge wollten die Deutschen gar nicht wissen, ob die Erfurter Methode nach Regel M 1.1. „als Blutdoping verboten sei“. Sondern nur, „ob diese Methode den Sauerstofftransfer erhöht“. Dass sie das nicht tut, legt er dar, schließt Blutdoping nicht aus.

Das ist noch nicht alles: Süffisant lässt der oberste Wada-Manager die Exekutive wissen, worum er sich erst „bemühen“ musste. Nämlich den Deutschen das kleine Einmaleins beizubringen: Dass ein Brief der Wada „keine Entscheidung“ sei, sondern „nur eine Meinung“. Dass schiedsgerichtliche Klärung notwendig sei.

Die frommen deutschen Dopingbekämpfer, so legt der Bericht nahe, haben die Aufklärung der Causa Erfurt desaströs verzögert und verwirrt. Aber man darf sich nichts vormachen: Howmans Adresse besagt − eingedenk der zahlreichen Vertrauensbekundungen für die Nada − viel mehr.

Die Glaubwürdigkeit hiesiger Antidoping-Bemühungen ist erneut rasant gesunken. Dass es dabei an Unabhängigkeit fehlt, ist der Verdacht, der seit Gründung der Nada auf der Hand liegt. Mit der Howman-Adresse ist er dem Stadium der Gewissheit beängstigend nahe gerückt. Die rhetorische Frage lautet: Welchen Spielraum, sich herauszureden, lässt dieses Arbeitszeugnis der deutschen Sportpolitik noch?