Vielleicht hat der laufende Betrugsprozess gegen den Radprofi Stefan Schumacher seine Pleite schon erlebt. Anfang Juli, am elften Verhandlungstag, gab sich jedenfalls ein weiterer Bedenkenträger zu erkennen: „Die Zweifel, die man letztendlich hat, sprechen am Ende vielleicht schon für Schumacher“, sagte der bis dahin unnachgiebige Staatsanwalt Peter Holzwarth. Und dann: „Ich muss ihn nicht um jeden Preis verurteilen.“

Der Radler soll ja, so steht es in Holzwarths Anklage, seinen Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer um rund 150.000 Euro betrogen haben, weil er Doping verschwieg. Dass Holczer so ahnungslos war, wie er behauptete, nahmen ihm nur wenige ab – und der Prozessverlauf brachte auch den guten Glauben des Anklägers ins Wanken.

Damit ins Landgericht Stuttgart.

Dort ist heute Ernst Jakob geladen, derzeit ärztlicher Direktor der Sportklinik Hellersen, einst verantwortlicher Arzt bei Gerolsteiner. Mit ihm im Zeugenstand: die düstere Konstante des deutschen Spitzensports. Jakob kommt aus der Freiburger Ärzteschule. An der staatlich finanzierten Dopingforschung, die am Wochenende neuen Wirbel auslöste, wirkte er maßgeblich mit.

Ob Jakob aussagt oder sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht beruft, dürfte auch für Holzwarth spannend werden. Denn an jenem elften Verhandlungstag erschütterte ihn ein Attest aus dem Jahr 2007 mit der Unterschrift des Arztes, dem Teamchef Holczer vertraute. „Ein glücklicher Umstand, dass es noch da war“, sagt Schumachers Verteidiger Dieter Rössner. Jakob hatte das Papier nach Spanien gefaxt, wo Schumacher die Vuelta, die Spanienrundfahrt abbrach, um sich auf die WM in Stuttgart vorzubereiten. Dafür verpassten ihm die Mediziner vor Ort schnell noch eine Kortisonspritze. Jakobs Ferndiagnose aus Deutschland: Achillessehne. Schumacher sagte aus: „Das Attest diente abgesprochen nur dazu, es bei Kontrollen in Deutschland zur Täuschung vorzuweisen.“

Ähnliche Vorgänge – Kortison von Jakob zur reinen Leistungssteigerung – gab auch David Kopp dem Gericht zu Protokoll. Schumachers Kollege berichtete auch von anderen Diensten des Arztes: „Unterhalten habe ich mich über alle Präparate.“ Mehrfach im Jahr sei er bei Jakob gewesen, um sich beraten zu lassen über den optimalen Einsatz dessen, was sich die Gerolsteiner-Profis selbst beschafften: Epo, Wachstumshormon, Testosteron.

Spätestens damit drängt sich die Frage auf, was eigentlich geblieben ist von all den angeblich frommen Forschungen der westdeutschen Sportmedizin. Die aktuelle Berliner Historikerstudie kam zu dem Schluss, dass sie der Vorbereitung von Doping dienten. Eine dieser Arbeiten, 1988 in der Zeitschrift Sportmedizin publiziert: „Testosteronapplikation und Leistungsfähigkeit bei Skilangläufern“. Erstautor Ernst Jakob fand offiziell nur heraus, dass Testosteron keine „Unterschiede in der Leistungsfähigkeit“ brachte. Was der Aufsatz verschwieg, hielten die Berliner Historiker fest: Die Versuche mit Kaderathleten zeitigten eine für Dopingzwecke nützliche „signifikante Erhöhung hämatologischer Parameter“.

#textline0

Bestätigen die aktuelleren Beratungsdienste, die Jakob für Radkunden erbracht haben soll, den Verdacht, dass damals vom Steuerzahler finanzierte Studienergebnisse verfälscht wurden? Werfen sie ein neues Licht auf einen Fall von 2006, aus der Geschichte des Olympia- und Skiverbandsarztes Jakob? Als Evi Sachenbacher in Turin eine Schutzsperre wegen überhöhter Blutwerte kassierte, versuchte der Mediziner, das mit natürlichen Schwankungen zu erklären. Der Weltsportgerichtshof (Cas) folgte ihm nicht. Es herrscht also Klärungsbedarf – zuerst beim DOSB und seinem Präsidenten Thomas Bach. Der flötete gerade der Öffentlichkeit zu, er „fordere“ die Veröffentlichung der Berliner Studie – „im Sinne einer größtmöglichen Transparenz“. Damit hat es der DOSB im Fall Jakob nicht so, nicht gegenüber deutschen Athleten.

Denen nämlich empfahl er Jakob gern als Anlaufpunkt. Erst gestern setzte der Dachverband, nach mehreren Anfragen dieser Zeitung zum Schumacher-Prozess, den Vertrag mit der Klinik Hellersen aus. Sie ist eines der vom DOSB lizensierten „sportmedizinischen Untersuchungszentren“, und noch vor drei Wochen lautete die Auskunft, dass daran nichts zu ändern sei. Zwar habe man Jakob, formulierte Bachs Sprecher Christian Klaue, „schon im April proaktiv“ aufgefordert, sich zur „Klärung des Sachverhalts“ an die DOSB-Doping-Kommission zur Überprüfung von Offiziellen zu wenden. Doch „Konsequenzen“ seien „letztendlich von staatlicher Rechtsprechung“ abhängig. Bis dahin gelte, natürlich, „die Unschuldsvermutung“.

#textline1

Also keine Warnung an Athleten – auch nicht, als die Staatsanwaltschaft Freiburg im Mai ein Ermittlungsverfahren gegen Jakob eröffnete, nach Anzeige von Werner Franke. Vor zwei Wochen dann räumte der DOSB ein, die Lizenz für Hellersen könne auch aufgehoben werden, wenn Verstöße gegen den Code der Nationalen Antidoping-Agentur festgestellt würden. Nur hat die Nada – anders als etwa die Usada, die Armstrongs Helfer gleich mit sperrte – noch nie gegen Betreuer ermittelt. Im Fall Jakob prüft sie immerhin, ob sie sich an dieses Novum wagt.

Das alles kann dauern, das weiß auch der DOSB. Der wollte sich wohl nicht vorwerfen lassen, den Mediziner mit der fragwürdigen Spezialexpertise weiterhin uneingeschränkt anzupreisen. Gestern jedenfalls kam diese Mitteilung: „Der DOSB lässt die Zusammenarbeit ruhen, bis unsere Kommission im Fall Jakob eine Empfehlung abgegeben hat.“ Das ist auch besser so. Sonst könnte die Botschaft des DOSB an deutsche Athleten am Ende gar missverstanden werden: Noch einer, der Insidertipps gebrauchen kann?