Nürnberg - Sieht so Wiedergutmachung aus? In einer Wettkampfpause bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften wurden vier Athleten auf das Podium gerufen, um den Lohn zu erhalten für Leistungen, die sie vor vielen Jahren erbracht haben. Die Geherin Melanie Seeger, die Kugelstoßerin Petra Lammert, die Hindernisläuferin Antje Möldner-Schmidt und der Hammerwerfer Markus Esser bekamen in Nürnberg EM- und WM-Medaillen umgehängt, die ihnen wegen Dopingvergehen anderer im Nachhinein zugesprochen wurden. Sie starrten aus drei Metern auf eine Videowand, das leidlich gefüllte Stadion im Rücken. Freundlicher Applaus. „Der Zusammenhang zur Leistung ist kaum noch konstruierbar. Das tut den Athleten weh“, sagte der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), Jürgen Kessing.

Die Gelegenheit war bei den nationalen Titelkämpfen mit dem nachträglich geehrten Sportlerquartett natürlich günstig, auf die Vorreiterrolle des deutschen Antidopingkampfs hinzuweisen. „Die Kontrollen greifen, die Abschreckung ist da und die meisten halten sich dran“, sagte Kessing. „Die Athleten müssen sehr viel tun, sie geben viel von ihrer Freiheit auf“, pflichtete Andrea Gotzmann bei, „es gibt ihnen aber auch ein gewisses Gefühl der Sicherheit, behaupten zu können, dass sie aus einem umfassenden Kontrollsystem kommen mit Analytik auf dem höchsten Niveau und einer Dichte, die international ihresgleichen sucht.“ Gotzmann ist die Vorsitzende der Nationalen Antidoping Agentur Deutschlands (Nada).

Doch auch hierzulande ist der Kampf gegen den Betrug alles andere als perfekt, das Kontrollnetz keineswegs lückenlos, und vor allem in Sachen Finanzierung sind die Probleme groß. Bei der EM in Berlin (6. bis 12. August) werden deutsche Leichtathleten starten, die in dieser Saison nicht kontrolliert wurden, weil der DLV sie aus dem Kader und somit dem Kontrollpool gestrichen hatte.

Vertrauen statt Kontrolle

Drei von ihnen sind die Läufer Benedikt Huber (800 m), Florian Orth (5 000 m) und Philipp Pflieger (Marathon) von der LG Telis Finanz Regensburg. „Wir haben darauf schon im November hingewiesen“, sagt Olympiateilnehmer Pflieger, „aus eigenem Interesse.“ Das Trio kann nun nicht beweisen, das es sauber ist. Kontrolliert wird eben nur, wer im Kader ist. Der Ausschluss erfolgte seitens des DLV in Absprache mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) mit Verweis auf die gezeigten Leistungen im Jahr 2017 und die reformierten Kriterien für die Leistungssport-Förderung. Geld bekommt, wer Medaillenchancen hat.

Die Sorgen der Regensburger, die aufgrund ihrer EM-Ambitionen um Kontrollen baten, beruhigte DLV-Bereichsleiter Lauf Thomas Dreißigacker im Dezember schriftlich: „Mit Bezug auf die Nominierungsrichtlinien 2018 ist die Zugehörigkeit zu einem Bundeskader und zu einem Testpool der Nada/Wada keine Nominierungsvoraussetzung zu EA- oder IAAF-Meisterschaften. Somit ist eine Aufnahme in die Testpools zu diesem Zeitpunkt nicht erforderlich!“ Anders als bei Olympia sei die einzige Voraussetzung für die Teilnahme an Meisterschaften des europäischen (EAAF) und des Weltverbands (IAAF), EM und WM, die Unterzeichnung der Athletenvereinbarung. Vertrauen also statt Kontrolle.

Aufgeputschte Körper

Theoretisch können somit Athleten über Monate im Training ihren Körper mit unerlaubten Mitteln aufputschen, und laufen erst bei einem Wettkampf Gefahr, kontrolliert zu werden, wenn das Doping nicht mehr nachweisbar ist. Das öffnet Verbänden mit laxem Vorgehen gegen Doping die Möglichkeit zum Betrug. Aber auch auf Deutschland wirft das kein gutes Licht. „Das ganze System wird ad absurdum geführt“, kritisiert Pflieger. „Gerade in Deutschland, wo man darauf beharrt, dass wir die Saubersten sind, ist das nicht zu verstehen.“ Der Marathonläufer wurde erst im April wieder in den Testpool aufgenommen, Olympiateilnehmer Orth bis zur Erfüllung der EM-Norm am Sonnabend gar nicht.

In Deutschland sehen sich Sportverbände und Nada gerne als Vorreiter im Vorgehen gegen Doping. 12 709 Kontrollen im Jahr 2017, davon 7 015 unangekündigt abseits von Wettkämpfen. Als die Nada vergangenes Jahr mehr als 500 eingefrorene Proben aus den Jahren seit 2008 mit neuester Technik erneut analysierte, stellte sie keinen Verstoß fest. Die Wada wies bei Nachuntersuchungen von Olympia 2008 und 2012 hingegen 106 Dopingfälle nach.

Wer das deutsche Kontrollsystem gegen den Betrug und für das gute Gewissen bezahlen soll, das ist allerdings immer wieder ein Streitthema. Vergangene Woche erregte der Deutsche Kanu-Verband mit der Mitteilung Aufsehen, dass sich die Sportler künftig selbst an den Kosten der Kontrollen zu beteiligen haben. Es war eine bewusste Provokation, die inzwischen zurückgenommen wurde.

Gestiegene Kosten

Hintergrund ist ein Beschluss aus dem Jahr 2015. Weil die Nada damals die Wettkampfkontrollen übernommen hat und auch eine verbesserte Analytik anwendet sowie Blutproben nimmt, sind die Kosten gestiegen. 2016 und 2017 haben der Bund und der DOSB die Finanzlücke geschlossen, ab 2018 sollen aber die 64 Sportverbände die Mehrkosten tragen. Ihr Anteil von bislang einer Million Euro steigt in diesem Jahr um 250 000 Euro und dann noch einmal um die gleiche Summe auf 1,5 Millionen Euro.

Welcher Verband wie viel zu zahlen hat, legt ein Verteilerschlüssel auf Basis einer Risikoeinordnung der Sportart sowie der Zahl und Art der Kontrollen fest. Die Kanuten, die möglichst die maximale Zahl an Kontrollen anfordern, sind so besonders betroffen. Ihr Anteil verdoppelt sich 2018 von 47 105 Euro fast auf 87 332 Euro. Wobei das Geld für die Nada aus Eigenmitteln stammen muss. Das sind größtenteils Mitgliedsbeiträge. Die Leichtathleten sollen statt der im Haushalt vorgesehenen 142 000 Euro jetzt über 200 000 Euro, im nächsten Schritt mehr als 250 000 Euro zahlen.

Eigentlich basiert das Stiftungsmodell der Nada auf den drei Finanzierungssäulen Sport, Bund/Länder und Wirtschaft. Doch seit 2016 Adidas als letzter Sponsor (300000 Euro) ausgestiegen ist, liegt die Beteiligung von Unternehmen bei null. 2017 trug der Bund 61 Prozent des 9,4-Millionen-Euro-Etats, der Sport 32 Prozent, und die Länder zahlten fünf Prozent. „Wir sind in den Sog der großen Dopingskandale gekommen. Das Thema Antidopingarbeit hat eine wenig hohe Lukrativität“, klagte Gotzmann nun.

DLV-Präsident Kessing plädierte daher für die Umwandlung der Nada in eine Behörde. „Ich halte die Dopingkontrollen für eine gesamtstaatliche Aufgabe“, sagte er. Auch da der Leistungsdruck durch die erfolgsbasierte Vergabe des Fördergelds so groß sei. Gotzmann möchte hingegen den Stiftungscharakter beibehalten, um die Unabhängigkeit zu gewährleisten. Diese sei zentral für die Glaubwürdigkeit. Noch wichtiger ist dafür allerdings, dass wirklich alle, die im Nationaltrikot antreten, regelmäßig kontrolliert werden.