Geld ist nicht alles im Leben, aber bisweilen dient es als Gratmesser. An einem finanziellen Einsatz ist abzulesen, welche Bedeutung interessierte Gruppen einer Sache beimessen. In diesem Sinn könnte man zufrieden resümieren: Derzeit ist wieder alles einigermaßen in Ordnung im hiesigen Antidopingkampf.
Ist es aber nicht. Zwar hat das Bundesinnenministerium bei der Finanzierung der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) im letzten Moment das Ruder noch einmal herumgerissen, die Blamage abgewendet und damit den Betrieb für 2013 gesichert. Aber im nächsten Jahr wird es wieder heißen: Alles zurück auf Anfang. Wieder wird das Bitten und Betteln der Antidoping-Kämpfer ums Geld losgehen.

Bei der Finanzierung des Antidoping-Kampfs schiebt seit langem einer dem anderen den Schwarzen Peter zu: Der Bund den Ländern und dem Sport, der Sport dem Bund und den Ländern, die Länder dem Bund und dem Sport und alle zusammen den Sponsoren, die natürlich auch profitieren von Spitzenleistungen und sich, sagen wir, eher mäßig engagieren. Herausgekommen ist: Eine Nada, die immer wieder als bangender Bittsteller auftreten muss.

Unwürdige Rituale

Diese Rolle schafft Abhängigkeiten, raubt der Nada ihr Selbstverständnis und auch ein gerüttelt Maß an Schlagkraft, das sie eigentlich dringend braucht, um strategisch und mutig in den zähen Kampf gegen übermächtige Gegner zu ziehen. Man kann eine Institution wie die Nada auch bewusst schwächen, indem man ihr die nötige Unterstützung versagt.

Dieses unwürdige Ritual zieht sich wie ein roter Faden durch die nun fast zehn Jahre währende Geschichte der Nada. Die im Jahr 2002 gegründete Stiftung war von Anfang an chronisch unterfinanziert und hatte, nicht zuletzt aus diesem Grund, oft genug mehr mit ihren internen Problemen zu tun als mit der Weiterentwicklung des Antidoping-Kampfs: Überforderung, Krisen, häufige Personalwechsel und nun erneut: finanzielle Probleme.

Dabei sollte es zumindest die Diskussion um das Geld in dieser Form gar nicht geben dürfen. Wer finanzielle Mittel, vor allem öffentliche, in den Spitzensport steckt, trägt zwangsläufig eine Verantwortung für das, was er da fördert. Eine Verantwortung, die mehr bedeutet als Medaillen oder Platzierungen. Es müsste also selbstverständlich sein, dass die Förderer des Spitzensports auch ein ureigenes Interesse daran haben, dass ihre Investition auf gesunden Beinen steht. Von dieser Selbstverständlichkeit aber ist hierzulande nichts zu spüren, obwohl sie helfen würde, wenigstens die Diskussion ums Geld in den Hintergrund rücken zu lassen, um drängendere Probleme behandeln zu können.

Denn davon gibt es im Antidoping-Kampf wahrlich genug. Was bringt ein Kontrollsystem, das erwiesenermaßen eine Vielzahl an Dopern nicht entdeckt? Wie effektiv ist die Prävention? Wo behindern Abhängigkeiten die Effektivität? Wie funktioniert das Zusammenspiel von staatlichen Ermittlungen und Kontrollen? Und ganz aktuell: Welche Relevanz haben staatliche Ermittlungen bei der jetzigen Gesetzeslage hierzulande überhaupt, speziell im Spitzensport? Natürlich wird derzeit alles an den Ergebnissen der US-Antidoping-Agentur (Usada) gemessen. Dort war es das Zusammenspiel von Staat und Usada, mit dessen Hilfe der Radprofi Lance Armstrong überführt werden konnte. Diese Zusammenarbeit ist auch andernorts der Schlüssel zu Effektivität und dadurch zum Erfolg.

Anti-Doping-Kampf kostet einfach Geld

Über das Doping-Kontrollsystem wird nicht erst seit dem Armstrong-Skandal heftig diskutiert. Aber es abzuschaffen, wäre des Antidoping-Kampfes Tod. Wettkampf- und unangekündigte Kontrollen müssen sein, alles andere wird dem Missbrauch die Türen noch sehr viel weiter öffnen als sie es ohnehin schon offen sind. Nur Kontrollen können verhindern, dass Doper und die, die es werden wollen, alle Hemmungen fahren lassen. Wer heute leistungssteigernde Mittel und Methoden anwendet, muss aktiv agieren, er muss die Lücken im Netz finden und nutzen. Dazu bedarf es auch krimineller Energie. Das ist kein Kavaliersdelikt.

Kontrollen, wenn sie nicht ins Leere laufen sollen, setzen aber zwingend Unabhängigkeit, auch und vor allem von den Finanziers, voraus. Sehr gutes Personal, das schnell auf Beobachtungen und Auffälligkeiten reagieren kann, sowie eine ständige Weiterentwicklung der Analyse sind unumgänglich. Parallel dazu bedarf es einer Präventionsstrategie, die sich noch mehr als bisher mit der gesellschaftlichen Komponente des Dopings auseinandersetzen muss. Die bei den Medaillenzielen anfängt und bei der gesellschaftlich akzeptierten Schluckerei von Medikamenten zur Leistungssteigerung oder Schmerzunterdrückung im Breitensport nicht aufhört.

Das alles verschlingt Geld. Geld, über das eigentlich gar nicht diskutiert werden dürfte, sondern das selbstverständlich zur Finanzierung des Spitzensports gehören müsste. Das ließe den unbedingten Willen, Doping mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen, erkennbarer werden.

Ulrike Spitz leitete bis 2007 die Sportredaktion der Frankfurter Rundschau, danach verantwortete sie die Kommunikation und Prävention der Nationalen Antidoping Agentur (Nada). Die frühere Leistungssportlerin ist heute als freie Beraterin für Kommunikation und Prävention tätig.