Hansjörg Kofink, 76, ist gerade in Berlin, weil er sich heute die Präsentation des dritten Teils der umstrittenen Studie „Doping in Deutschland“ nicht entgehen lassen will. Der frühere Kugelstoß-Bundestrainer, der in Rottenburg wohnt, war lange Präsident des Deutschen Sportlehrerverbandes und engagiert sich gegen Doping.

Herr Kofink, was sehen Sie als größtes Problem der Doping-Studie?

Das zweigeteilte Ende. Wenn eine halbe Million Euro an zwei Universitäten vergeben wird, und die eine ist bei der Abschlusspräsentation nicht mehr dabei – das halte ich für eine Katastrophe.

Eine Forschungsgruppe kommt aus Münster, die andere von der HU Berlin. Letztere ist bei dem Projekt, das das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), der Olympische Sportbund (DOSB) und die Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) in Auftrag gaben, nicht mehr dabei.

Es sollte sich um eine wissenschaftliche Studie handeln. Da ist es sehr unüblich, wenn die Politik eingreift, vor allem wenn sie selbst betroffen ist: Das BISp gehört ja zum Bundesinnenministerium.

Die Berliner bemängeln, das BISp sei an der Dopingaufklärung gar nicht interessiert gewesen. So hätten sie etwa auf die Veröffentlichung der Namen von Funktionsträgern aus Politik und Sport verzichten sollen.

Davon gehen wir Zeitzeugen alle aus. Diese Aufklärung sollte einen Schlussstrich bringen. Dabei sollte möglichst viel unter den Teppich gekehrt werden. Und das lässt sich mit Wissenschaft nicht machen. Nicht mit jedem. Da sind von Forschern Versicherungen gefordert worden, dass sie juristische Folgen der Ergebnisse selbst zu tragen hätten.

Als Zeitzeuge waren Sie von 1970 bis 1972 in der BRD Kugelstoß-Bundestrainer der Frauen. Weshalb sind Sie damals zurückgetreten?

Weil ab Mitte der 60er Jahre das Anabolika-Problem publik wurde. 1970, als ich anfing, habe ich bei vielen internationalen Veranstaltungen gesehen, was real dahinter steckt. Die Leistungen gedopter Kugelstoßerinnen, vor allem aus der DDR und dem Osten, waren von unseren Leuten nicht einzuholen. Der Abstand betrug zwei, drei Meter. Ich fragte die Funktionäre im Leichtathletikverband: Haben meine Sportlerinnen eine Chance? Die Antwort war: Ja, wenn sie die Olympianorm erzielt haben. Das hatten alle drei. Sie wurden trotzdem nicht nominiert vom Verband. Es gibt nur den Grund, den man auch vor London gehört hat: keine Endkampfchance. Das ist eine bodenlose Schweinerei, wenn man die Heuchelei über den olympischen Geist und Fairness hört.

Die Athleten dürfen nicht zu Olympia, weil diejenigen, die Nationalstolz verbreiten, meinen, ihre Athleten landen zu weit hinten. Die DDR hat ja gesagt, ihre Athleten sind Diplomaten im Trainingsanzug. Sie sollen den Staat vertreten. Das ist im Westen nie gesagt worden, aber man hat es genauso gemacht. Und heute bestimmen staatlich alimentierte Sportsoldaten und Sportpolizisten den Hochleistungssport.

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Sie sagen: In der DDR gab es Staatsplan 14.25 – im Westen wurde auch gedopt, nur nicht so gut organisiert?

Genau das. Es ist unter der Hand gelaufen. Alle Funktionäre der olympischen Sportarten haben davon gewusst. Es wurde offensichtlich bei der Wiedervereinigung. Die Vereinigung im deutschen Sport ist durch Betrug und Lüge zustande gekommen. Das hat zur Folge, dass wir Querelen bis auf den heutigen Tag haben. Die historische Aufarbeitung ist daran genauso gescheitert.

Am Donnerstag referieren die HU-Wissenschaftler in Frankfurt/Oder über die Probleme der Aufarbeitung von Doping in Westdeutschland.

Bei der Vereinigung gab es in der Bundesrepublik um die zwanzig, dreißig hauptamtliche Bundestrainer in allen Sportarten, in der DDR 3000 staatlichen Trainer, 300 wurden sofort übernommen. Das war ein Verhältnis 300 zu 20. Wir haben also den DDR-Sport übernommen. Schauen Sie die Olympiastützpunkte an. Deren gesamte Finanzierung ist so verwurschtelt, dass man sagen kann, sie ist rechtlich bedenklich, weil hier Länder-, Bundes- und Sponsorenzahlungen zusammen kommen, was ja auch möglich ist – aber die Kontrolle ist nicht gegeben. Ein Beispiel ist Erfurt mit der Blutbestrahlung. Die Politik, der Innenminister, hat eingegriffen, natürlich vom DOSB aufgefordert. Sie hat der Nada und auch der Wada erklärt, was Doping ist. Das ist ein einmaliger Akt. Nada und Wada sind völlig eingeknickt. Der Grund ist einfach. Wäre das als Doping angesehen worden, hätte die Bundesrepublik seit 2004 Doping bezahlt, das konnte keiner auf sich sitzen lassen.

Hochleistungssport und Staat haben einen fragwürdigen Geheimbund geschlossen, lautet Ihr Vorwurf.

Wir brüsten uns damit, dass der Sport autonom ist. Aber die Zahlungen des Staats an den Sport sind immens. Wie kann jemand Zielvereinbarungen geheim halten, der nichts zu verbergen hat? Heraus stellte sich: Für London waren doppelt so viele Medaillen zielvereinbart wie herauskamen. Alle Zahlen kennen wir trotz der Klage Ihres Journalistenkollegen Daniel Drepper heute noch nicht. Die Politik weiß entweder nicht, was sie mit dem Hochleistungssport macht. Oder sie ist auf derselben Linie wie die DDR – wir müssen das Renommee des Staates durch Leistungssport aufpolieren. Das ist ein Treppenwitz: Die Staaten mit der besten Medaillenbilanz waren stets die, die autoritär ihren Sport betrieben − die DDR, UdSSR, China oder Kuba. Vielleicht will sich die Bundesrepublik da einreihen? Der deutsche Staat hat sein Verhältnis zum Hochleistungssport noch nicht gefunden. Er hat übernommen, was die DDR gemacht hat, tut aber nicht, was unserem Staatssystem entspricht. Das ist mein heftigster Vorwurf.

Das Gespräch führte Karin Bühler.