Die Feier wird wohl kleiner ausfallen, auch wenn Sport-Staatssekretär Christoph Bergner (CDU) gerade erst im Plenum des Bundestages eine präventive Jubiläumsansprache für die Nationale Antidoping-Agentur hielt: „Würdigen Sie die Leistungen der Nada in den letzten zehn Jahren!“, rief er da in Richtung der SPD-Fraktion, die einen Antrag zum Umbau der chronisch unterfinanzierten Agentur eingebracht hatte. Die Nada habe „international eine Vorbildfunktion“.

Streicheleinheiten wie diese werden zum Jahrestag nächste Woche die Ausnahme bleiben. Als gutes Gewissen des Weltsports taugt die Nada nicht. Das war spätestens ersichtlich geworden, als die Weltantidoping-Agentur (Wada) die Bonner Stiftung in der Affäre um die Blutmanipulationen am Erfurter Olympiastützpunkt abwatschte. Auch mitten in die Berliner Plenardebatte platzte wieder eine Nachricht, die das Agieren der Nada in Frage stellt.

Es ging um das jüngste Erfurt-Urteil der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS), um den Freispruch eines anonymen Radsportlers. Es war zugleich der erste Entscheid über einen der mehr als zwei Dutzend Athleten, die in den Jahren vor der Präzisierung der Wada-Regeln 2011 ihr Blut bei einem am Olympiastützpunkt in der Landeshauptstadt Thüringens tätigen Arzt mit UV-Licht hatten bestrahlen lassen.

Widerspruch von Generalsekretär Bredow

Im Deutschlandfunk widersprach DIS-Generalsekretär Jens Bredow der Interpretation der Nada-Verantwortlichen, die aus dem Schiedsspruch gefolgert hatten, die UV-Behandlung vor dem 1. Januar 2011 sei kein Dopingverstoß. Bredow: „Eine grundsätzliche Aussage“, dass diese Methode vor 2011 zulässig war, enthalte das Urteil „sicher nicht“.

Bei der Nada klang das ganz anders: Sie verstand den Schiedsspruch als Generalabsolution. Die Blutbestrahlung sei vor 2011 „nicht von der Wada-Verbotsliste erfasst“ gewesen, es fehle mithin „an einem objektiven Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen“. Nada-Vorstand Lars Mortsiefer stufte den Entscheid des Schiedsrichters Stephan Wilske von der Kanzlei Gleiss Lutz deshalb als „richtungsweisend“ ein. Die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD), kommentierte den Widerspruch noch im Bundestagsplenum süffisant: Sie sei gespannt, „welche Erklärungen Vertreter unserer Nada dafür morgen wieder liefern werden“.

Nun darf gerätselt werden, ob die Bonner Agentur die Öffentlichkeit mit ihrer Lesart in die Irre führte. Die Nada hatte die Aufklärung die Erfurter Vorgänge – bei denen es sich nach Einschätzung der Wada und der Erfurter Staatsanwaltschaft um Blutdoping handelte – nur zaudernd betrieben. Sie setzte sich so dem Verdacht aus, nach Maßgabe derer zu werkeln, die von Anfang an Zweifel an der Unzulässigkeit der Erfurter Methode gestreut hatten: Ihrer Hauptgeldgeber aus Bundesinnenministerium und Deutschem Olympischem Sportbund.
Details wollen Nada und DIS nicht preisgeben. Man verweist darauf, dass der Schiedsspruch veröffentlicht werden soll. Das Einverständnis der Parteien liege vor – in der mäßig transparenten deutschen Sportschiedsgerichtsbarkeit eine Bedingung für ungefilterte Information. Mortsiefer lässt aber durchblicken, dass Richter Wilske mit dem so genannten Bestimmtheitsgrundsatz argumentiert.

Schwarzer Peter bei der Wada?

Das ist eine neue Variante bei der sportjuristischen Bereinigung des Falls Erfurt. Der Bestimmtheitsgrundsatz besagt: Regeln müssen klar („bestimmt“) sein; sind sie es nicht, kann also der Beklagte die Folgen seines Handelns nicht erkennen, dürfen ihm Verstöße nicht angelastet werden. Für Erfurt heißt das: Wilske kam zum Schluss, die Methode sei für den Athleten vor 2011 nicht als verboten zu erkennen gewesen. Das könnte über den Einzelfall hinausweisen. Der Schwarze Peter läge dann bei der Wada. Impliziter Vorwurf: Deren Code war vor 2011 schwammig formuliert.

Doch der Wert des Urteils ist daran zu messen, welchen der mehr als zwei Dutzend Athleten die Nada angeklagt hat. Einen Minderjährigen? Ein mit dem Fall Vertrauter zieht eine derbe Parallele: „Würden Sie einen Fünfjährigen verurteilen, der zufällig auf einen Knopf gedrückt hat und nun, weil dabei ein E-Werk in die Luft flog, des Mordes beschuldigt wird?“ Wilske soll ausführlich „besondere Umstände“ gewürdigt haben. Die wären bei jenem Profi-Radler, der sein Blut in Erfurt mehr als zwanzigmal bestrahlen ließ, kaum auszumachen.
Nach Informationen dieser Zeitung haben Wada und Nada für den heutigen Mittwoch eine Konferenzschaltung verabredet. Geklärt werden soll, ob beim Internationalen Sportgerichtshof Cas Einspruch gegen das Urteil eingelegt wird.