"Hier sind für jeden zwei Voltaren“, sagte einer der beiden Ärzte, die der kleinen Läufergruppe angehörten. „Steckt sie in die Tasche und schluckt sie, wenn euch die Beine wehtun.“ Die Mitstreiter grinsten und strichen die Tablettchen ein. Keiner verstand meine Verständnislosigkeit. „Ich nehm’ doch keine Tabletten beim Laufen. Das gibt Magenschmerzen!“ Die Ärzte winkten ab: Doch nicht wegen einer Voltaren. „Aber dann krieg’ ich das ja gar nicht mit, wenn meine Achillessehne weh tut.“ Die hatte im Vorfeld des Marathons immer mal wieder gezwickt. „Ja, eben, dann kommst du doch viel besser durch.“ „Und wenn sie reißt?“ „Stell dich nicht so an. So schnell reißt die nicht.“

Eine kleine Unterhaltung am Tag vor dem Berlin-Marathon vor ein paar Jahren. Es ging nicht um Siegprämien, nur ums Durchkommen, vielleicht ums Unter-vier-Stunden-bleiben, mehr nicht. Die Mitstreiter schluckten ihre Voltaren. Eine während des Laufs und eine danach gegen die berüchtigten „Marathon-Schmerzen“.

Schmerzgrenze wird verschoben

Keine große Sache, sollte man meinen. Schmerzmittel stehen ja nicht mal auf der Verbotsliste der Welt-Antidopingagentur Wada. Und doch ist die Szene symptomatisch für den Antidoping-Kampf. Hier ist es die Hoffnung auf eine kleine Erleichterung im Kampf gegen die Strecke oder die Uhr.

An anderer Stelle ist es viel mehr. Starten oder spielen, auch wenn es eigentlich nicht geht; die Schmerzgrenze künstlich verschieben, um mehr trainieren zu können als der Körper eigentlich verkraftet; um permanent hohe Belastungen überhaupt auszuhalten. Der Fußball-Weltverband Fifa hat in einer Studie während der WM 2010 in Südafrika herausgefunden, dass 39 Prozent aller Spieler vor jeder Partie schmerzstillende Mittel einnehmen. Viele Sportler tun dies auch regelmäßig vor dem Training. Und Erhebungen bei Marathonläufen und einem Triathlon-Wettbewerb ergaben, dass jeweils mehr als die Hälfte der Teilnehmer schon vor dem Start Schmerzmittel nahm.

Nun lässt sich darüber streiten, ob Schmerzmittel auf die Verbotsliste gehören. Einiges spricht dafür. Natürlich wirkt es sich auf die Leistung aus, wenn die Schmerztoleranz manipuliert und so eine Fortsetzung der Belastung über die Alarmgrenze des Körpers möglich wird. Und dass es der Gesundheit schadet, wenn jemand ständig Schmerzmittel nimmt, steht außer Frage.

Fakt ist aber auch: Das ohnehin längst an seine Grenzen stoßende Kontrollsystem könnte durch mehr Bürokratie endgültig kollabieren. Denn per Definition wird durch die Einnahme nur der (schmerzfreie) Normalzustand hergestellt – man mag sich den Aufwand durch das Feststellen und Bestätigen oder Ablehnen der Ausnahmegenehmigungen im Fall von Schmerzmitteln gar nicht vorstellen.

Nur eine schöne Vorstellung

Wird der Kampf gegen Doping ernst genommen, geht es in der Schmerzmittel-Diskussion um mehr als nur die Frage eines möglichen Verbots. An ihr ist abzulesen, ob die viel gelobte Doping-Prävention in ihrer jetzigen Form tatsächlich etwas bewegt oder Augenwischerei ist. Dem Schmerzmittel-Missbrauch im Sport liegt eine Mentalität zugrunde, die auch klassisches Doping begünstigt: Es geht darum, sich (wenn auch legal) einen Vorteil zu verschaffen; die Signale des Körpers zugunsten der Leistung zu ignorieren; sich nicht auf sich selbst und sein Training zu verlassen. Es geht darum, alles ausschöpfen, was nicht explizit verboten ist, egal ob es etwas bringt.

An dieser Stelle sollte die Präventionsarbeit greifen. Tut sie das, steht am Ende der Verzicht auf das Medikament. Entweder durch die Einsicht des Sportlers, oder weil ihn vernünftige Betreuer, Trainer, Ärzte, Vereine oder Verbänden stoppen. Leider ist das nicht die Realität. Aber es ist eine schöne Vorstellung, dass Ärzte auch im Leistungssport ausschließlich der Gesundheit der Athleten verpflichtet sind. Dass Trainer realistische und langfristige Pläne aufstellen, die dem wirklichen Leistungsvermögen des Sportlers entsprechen. Dass Vereine und Verbände dies zulassen und solche Trainer stützen. Dass Sportler Schmerzen als Schutzmechanismus vor Überlastung akzeptieren. Und dass alle, auch Zuschauer und Medien, akzeptieren, dass die Welt nicht untergeht, wenn ein Spiel verloren wird.

Dieser Präventionsansatz ist mühsam. Er nimmt die Sportler in die Verantwortung und zwingt zum Nachdenken über strukturbedingten Druck, über Fördersysteme, auch über den Medikamentenmissbrauch außerhalb des Sports. Aber er ist als Ergänzung zu den Kontrollen (und immer wichtiger werdenden staatlichen Ermittlungen) dringend notwendig, wenn Dopingbekämpfung ernst genommen werden will.

Übrigens: Die Achillessehne hielt. Und die Muskeln taten zwei Tage lang schon ein bisschen weh. Aber das legte sich. Ohne Voltaren.

Ulrike Spitz leitete bis 2007 die FR-Sportredaktion, danach verantwortete sie die Kommunikation und Prävention der Nationalen Antidopingagentur (Nada). Die frühere Leistungssportlerin arbeitet heute als freie Beraterin für Kommunikation und Prävention.