In großer Selbstgefälligkeit ließ uns die Nationale Antidopingagentur Nada kürzlich wissen, dass die Infusion von UV-bestrahltem Blut in Erfurt nicht verboten sei. Angeblich unterstützte die Welt-Antidopingagentur Wada die Ansicht, dass die Blutbehandlungen durch den Diplommediziner Andreas Franke am Olympiastützpunkt in Thüringen nicht als Verstoß gegen den Wada-Code zu werten sei. „Bizarres Schauspiel“ nannte das ein hoher Sportfunktionär und meinte dabei wohl Nada, Wada und die Erfurter Staatsanwaltschaft.

Den Sportausschuss des Deutschen Bundestages, und dort vornehmlich die Mitglieder der Regierungskoalition nannte er nicht. Schade, denn die hätten in denselben Atemzug gehört. In diesem Schauspiel herrschen seit der unsäglichen Sitzung des Sportausschusses im März Diffamierung, Beleidigung und das Absprechen fachlicher Kompetenz bei Andersdenkenden.

Nada und Regierungskoalition wollen die Sportler freiboxen

Dabei haben mindestens zwei Richter des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS), zwei hochrangige deutsche Mitglieder medizinischer Wada-Kommissionen, der Wada-Geschäftsführer, der Chef des Olympia-Dopinglabores von London und die Altvorderen der deutschen Antidopingszene nicht den geringsten Zweifel daran gelassen, dass seit 1984 jede Zufuhr von Blut verboten ist.

Der wohl als Hauptgutachter bestellte Heiko Striegel von der Universität Tübingen − er ist Mediziner und promovierter Jurist − musste sich öffentlich von der Nada und ihrem „Beirat“ wie ein Erstklässler schulmeistern lassen, wie man wissenschaftliche Gutachten zu verfassen hätte: Er solle die „wesentlichen wissenschaftlichen Quellen für seine These benennen und die Herleitung seiner Ausführungen begründen“. Offensichtlich passten den Entscheidungsträgern Striegels kritische Ergebnisse nicht in den Kram: Auch er hält die Infusionen für einen Regelverstoß. Für die weiteren Begutachtungen will die Nada sich nun auf das eigene Umfeld verlassen. Das muss man dreimal lesen, um es zu glauben.

Dennoch haben sich diese Experten bisher zu sehr und einseitig auf das Verbot der Blutinfusion konzentriert. Nada und Regierungskoalition wollen die Sportler aber doch ganz anders freiboxen: über eine Überschrift eines Verbotsparagrafen. Die lautet „M1. Erhöhung des Sauerstofftransfers“ . Der Paragraf führt auf: „1. Blutdoping einschließlich der Anwendung von eigenem, homologem oder heterologem Blut oder Produkten aus roten Blutkörperchen jeglicher Herkunft.“ Wenn aber die geringe Menge des UV-bestrahlten infundierten Blutes zu gar keiner „Erhöhung des Sauerstofftransportes“ führt, so Nada und Politik, dann ist die Methode folglich kein Blutdoping.

Für wie blöde hält man uns?

Sportjuristen teilen diese Meinung nicht, wie ihre Urteile zeigen. Nicht-Sportjuristen, da wird die Nada mit der Regierungskoalition jemanden auftun, könnten eine der Nada offenkundig genehmere Meinung vertreten.

Der Diplommediziner Franke behauptet, er habe mit dem Blut Infektionsbehandlungen durchgeführt. Er deklariert seine Methode also als eine Art Super-Penicillin. Da stellt sich dem Fachmann nur eine Frage: Für wie blöde hält man uns eigentlich?

Die auch in DDR-Zeiten hoch angesehene Charité fand für die Blutbestrahlungsmethode mit UV-Licht eine andere, viel wichtigere Wirkung, auf die damals wie heute noch viele Patienten schwören: die Behandlung von Durchblutungsstörungen durch die Verbesserung der Sauerstoffversorgung der Gewebe. Also eine Wirkung, die den Verbotsparagrafen M1 punktgenau trifft.

Und − jetzt wird es richtig pikant − die Charité-Forscher wiesen darüber hinaus einen weiteren Effekt nach: eine Verbesserung der Fließfähigkeit des Blutes. Damit wird etwa durch die Gabe von Erythropoetin (Epo) verdicktes Blut weniger gefährlich. Die Methode könnte also durchaus als sinnvolle dopingbegleitende Maßnahme eingesetzt werden. Eine möglicherweise lebensrettende Wirkung der UV-Blutbehandlung, nur eben der zweite Volltreffer gegen den M1- Paragrafen.

Brisante Details

Ob diese Charité-Ergebnisse einer Überprüfung in einer neueren Studie Bestand hätten, weiß niemand. Aber darauf kommt es bei Verstößen gegen den Wada-Code ja gar nicht an. Es zählt nur, was mit der Methode - im Extremfall - beabsichtigt gewesen sein könnte. Dabei wird man natürlich in der Causa Erfurt nicht die harmlose Behandlung einer „lebensbedrohlichen Infektion“ bei sonst putzmunter daher kommenden Sportlern als Grund für die UV-Bestrahlung des Blutes nehmen können.

Hinzu kommen die weiteren bekannten brisanten Details des Falles. In einem von der Staatsanwaltschaft München abgehörten Telefonat sollen sich zwei Eisschnellläuferinnen über den Dopingcharakter des UV-bestrahlten Eigenblutes unterhalten haben. Sie sollen befriedigt zur Kenntnis genommen haben, dass diese Blutgabe nicht nachweisbar sei. Warum überhaupt dieses Thema bei den beiden, und von wem stammt die Information über die Nichtnachweisbarkeit?

Die Nada hat sich bisher zu weiteren möglichen Verstößen nicht geäußert: den Meldepflichten. Es kann ja wohl nicht sein, dass man Sportler wegen Nicht-Antreffens zum Dopingtest zu Recht bestraft, solche, die Blutinfusionen nicht melden oder die für solche Fälle vorgesehene Sondererlaubnis zu medizinischen Behandlungen (TUE) nicht beantragten, aber laufen lässt. Alles lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Dass die Nada in dieser Form und mit diesen Abhängigkeiten von der Politik auf keinen Fall so weitergeführt werden darf, soll sie ein ernstzunehmendes Instrument im Antidopingkampf sein.

Fritz Sörgel ist Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg bei Nürnberg