Niko Kovac ist dann doch einigermaßen überrascht gewesen. Der Trainer war an diesem Freitag zur Pressekonferenz erschienen, die der FC Bayern routinemäßig vor seinen Spielen abhält. Es ging um den Aufritt des deutschen Fußballmeisters beim Tabellenersten Borussia Dortmund und die Frage, ob dies schon eine Art Schicksalsspiel werden könnte für den Trainer Kovac, dessen Mannschaft sich zuletzt in der Bundesliga vom SC Freiburg 1:1 trennte und die zuletzt zwar ihre Spiele überwiegend gewann, aber nicht in der Art auftrat, wie es sich die Führung der Münchner gewünscht hätte. Die hatte dennoch in Person von Uli Hoeneß gesagt, der FC Bayern ginge nicht unter, würde er den Meistertitel verpassen. „Hat er das gesagt?“, fragte Kovac.

Bei einer Niederlage der Bayern in Dortmund lägen sie bereits sieben Punkte hinter dem Rivalen zurück, doch mehr als diese Rechenspiele ist Hoeneß’ Reaktion auf die sportliche Situation dazu angetan, bei den Fans Unmut hervorzurufen. Die Anhänger sind empflindlich geworden, seit Pläne für eine europäische Super League bekannt wurden. Deren Realisierung würde bedeuten, dass sich der FC Bayern aus der Deutschen Meisterschaft verabschiedete. Und als hätte die Plattform „Football Leaks“ mit ihrer Enthüllung den passenden Zeitpunkt in dieser Saison abgewartet, soll auch Bayern-Gegner Dortmund der Bundesliga Adieu sagen: der börsennotierte BVB.

Es geht nur ums Geld

Was ist von solchen Planspielen zu halten, die dazu dienen, in einer Super League noch mehr Millionen zu scheffeln? Schon jetzt stemmt der FC Bayern einen Umsatz von weit mehr als 600 Millionen Euro, nimmt allein mit Merchandising mehr ein, als andere Erstliga-Klubs als Budget ausweisen, aber es reicht immer noch nicht. Bayerns Chefjustiziar Michael Gerlinger hat zwar versichert, man stehe nun zu den bestehenden Wettbewerben, aber negierte nicht, dass die Gespräche „sehr konkret“ waren, um von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) die nächsten Mehreinnahmen herauszupressen. Die Münchner riskieren dafür den Bruch mit der Basis. „Nie mehr Deutscher Meister FCB? Nie mehr ehrliche Titel“, stand vergangenen Sonnabend auf dem einen Spruchband vor der Südkurve. „Wir stehen zu Bundesliga – Superliga ohne uns“, auf dem anderen.

Vor dem Topspiel der Bundesliga diskutiert ganz Fußball-Deutschland über den Superwettbewerb, und in dieser Debatte wirkt jemand wie Horst Hrubesch, als sei er aus der Zeit gefallen. Der DFB-Sportdirektor sollte jetzt in Marienfeld/Ostwestfalen über seinen bevorstehenden Abschied vom Frauenteam erzählen; die Länderspiele am Sonnabend in Osnabrück gegen Italien und Dienstag in Erfurt gegen Spanien sind die letzte Mission. Der 67-Jährige schätzt seine Aufgabe bei der Frauen-Nationalelf auch vor dem Hintergrund der jüngsten Enthüllungen: „Die Art und Weise, wie diese Mädels den Fußball angehen, erinnert mich an meine Anfangszeit. Da ist Ehrlichkeit drin, da brauche ich nichts anschieben. Da ist noch ein Miteinander zu spüren.“ Ohne Allüren, ohne Effekthascherei. Der frühere Bundesliga-Torjäger, EM-Held von 1980, findet es fast schon grotesk, wohin sich die männliche Branche entwickelt.

In der Vorwoche brachte der Spiegel die Titelgeschichte „Der Verrat – Geheimsache Luxus-Liga“ heraus, dem die ARD-Doku „Football Leaks: Von Gier, Lügen und geheimen Deals“ folgte. Hrubesch hat das meiste daraus kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen: „Ich bin mit diesen Summen schon lange nicht mehr einverstanden. Wenn ich die Zahlen lese, dann wird einem angst und bange.“ Er wolle sich gar nicht ausmalen, wie der Profifußball in zehn Jahren aussehe.

Großer Vertrauensverlust 

Hrubesch ist nicht der einzige, dem schwindlig geworden ist. „Natürlich verschärfen diese Veröffentlichungen die sowieso schon tiefe Glaubwürdigkeitskrise zwischen Fans und den Verantwortlichen des Fußballs“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS). „Viele Fans sehen sich bestätigt, dass es den Funktionären nicht um den Sport und schon gar nicht um die Fans, sondern ausschließlich um ihren Profit geht. Sie müssen vielmehr erkennen, dass hierfür sogar die Faszination des Fußballsports aufs Spiel gesetzt wird, weil der faire sportliche Wettbewerb geopfert wird.“

Der Vertrauensverlust reicht bis zu jenen, für die Fußball von Berufs wegen meist Hauptsache und Herzensangelegenheit war. Harald Stenger, der langjährige Medienchef der deutschen Nationalmannschaft, klingt nicht mal mehr zynisch. „Ein weiteres Mosaiksteinchen dafür, dass die Entfremdung der Fans immer größer wird.“

Mag die Welt globaler, komplexer geworden sein: Es braucht auch im Profisport noch ein Stück Heimat. Man stelle sich nur vor, die Fans würden die Vereine so schnell wechseln wie die Spieler. Der Frankfurter Fan-Experte Gabriel ist in großer Sorge, dass die Proteste damit befeuert werden. „Fans und Ultras sehen sich bekanntlich als Hüter der wahren Werte des Fußballs, sie setzen sich zum Beispiel für gleiche Chancen für die Vereine im Wettbewerb oder für demokratische Mitbestimmung in den Vereinen ein. Dabei erfahren sie Unterstützung großer Teile der Fan-Szenen. Jetzt müssen sie zum wiederholten Male erkennen, wie in Hinterzimmern gemauschelt wird und dass den wohlfeilen Worten der Funktionäre nicht zu trauen ist. Was sollen Fans und Ultras den Funktionären also noch glauben?“

Offenbar gibt es kaum noch einen Tabubruch, über den nicht nachgedacht wird. Das durch russische Oligarchen oder katarische Investoren befeuerte Wettrüsten der Global Player hat eine Stufe erreicht, in der immer mehr Bodenhaftung verloren geht. Duelle wie das der Dortmunder gegen den FC Bayern faszinieren die Fans. Noch, denn diese Faszination ginge verloren, würden solche Spiele nur noch in einer geschlossenen Luxus-Liga veranstaltet. Stenger hält es zwar für eine „moderne finanzkräftige Idee, die zur aktuellen Entwicklung des Fußballs passt“, aber heißt sie noch lange nicht gut.

Und Horst Hrubesch? Der hat einen ganz eigenen Vorschlag vorgebracht: „Es muss eine Liga aus einem Land geben, die mal sagt: Schluss, Aus, Ende.“ Die Bundesliga darf seine Worte ruhig als Aufforderung verstehen. (mit BLZ)