Dortmund trifft im Achtelfinale auf Paris und seinen Ex

Der BVB ist immer noch damit beschäftigt, den einst unter Thomas Tuchel propagierten Abenteuerfußball ins Gleichgewicht zu bringen. In der europäischen Eliteliga kommt es nun zum Wiedersehen mit dem in Dortmund umstrittenen Fußballlehrer.

Dortmund-In Wahrheit war der Vorsatz, den Thomas Tuchel anlässlich seiner Rückkehr ins Dortmunder Westfalenstadion gefasst hatte, nie umsetzbar. Die Tage vor dem großen Spiel beim BVB haben den Plan erst recht unmöglich gemacht. Der Trainer von Paris St. Germain hatte beschlossen, sich „nicht in den Mittelpunkt der ganzen Sache zu stellen“, er hatte beinahe alle Interviewanfragen vor diesem für beide Klubs bedeutsamen Champions-League-Duell abgelehnt. Tuchel wollte nicht reden über die Konflikte mit Dortmunder Verantwortlichen und die gegenseitige Abneigung, die im Sommer 2017 zur Entlassung geführt hatten. Sein emotionaler Auftritt am Sonnabend verriet dann aber doch viel über die gewaltige Anspannung, unter der Tuchel nach Dortmund reist.

Thomas Tuchel liebt Offensivfußball, geht damit aber auch gern mal einen Schritt zu weit.
Thomas Tuchel liebt Offensivfußball, geht damit aber auch gern mal einen Schritt zu weit.

Nach einem wilden 4:4 beim Tabellenvorletzten Amiens gab der 46 Jahre alte Fußballlehrer eine denkwürdige Pressekonferenz. „Die ganze Welt denkt jetzt: Oh, sie werden unruhig, unruhig, unruhig, sie haben viele Probleme“, sagte Tuchel. Er war aufgebracht, fuchtelte mit den Armen: „Aber nein. Das ist das Leben! Das ist Fußball!“ Dieser emotionale Auftritt stand in krassem Kontrast zu den gedämpften Gesprächsrunden von Journalisten mit Lucien Favre. Der Schweizer bleibt selbst dann ruhig, wenn sein Team vier Gegentore kassiert hat − wie in Leverkusen vor zehn Tagen. Und am Freitag nach dem 4:0 gegen Eintracht Frankfurt verkündete Favre milde lächelnd: „Wir sind zu null geblieben, das ist auch wichtig.“ An dieser Stelle werden die fußballerischen Details interessant, an denen beide Trainer derzeit arbeiten.

Ein klares Motiv

Sowohl der BVB wie auch PSG verfügen über brillante Offensivstars und spielen fast immer mit Mut und Risiko nach vorne. Irgendwie lebt Tuchels Offensivgeist immer noch im Revier. Jedenfalls war Favre früher eher jemand, der viel Wert auf Kontrolle legte, bis er nach Dortmund kam, wo es plötzlich Spiele mit vier, fünf oder noch mehr Toren gab.

In seinen Jahren in Mönchengladbach waren Spektakel dieser Sorte Ausnahmen. Der BVB verliert nun immer wieder die Kontrolle über die Spiele. Dabei hat Sportdirektor Michael Zorc seit Favres Ankunft etliche Transfers umgesetzt, die einem klaren Motiv folgten: Den von Tuchel propagierten Abenteuerfußball in ein gesünderes Gleichgewicht zu überführen.

Bei unserer Qualität in der Offensive müssen wir gar nicht voll ins Risiko vorne gehen, um Chancen zu haben.

Mats Hummels

Zwar gab es das Zwischenjahr mit Peter Bosz und Peter Stöger, die aber nie dazu kamen konzeptionelle Eingriffe vorzunehmen. Mit Favre sollte es kontrollierter werden. Explizit als Stabilisatoren verpflichtete Zorc Axel Witsel, Thomas Delaney, Mats Hummels, Nico Schulz und in der Winterpause Emre Can. Bislang ohne dauerhaft sichtbaren Effekt.

Am Freitag stellte Hummels erfreut fest, das Team habe „auf allen Positionen konzentriert und engagiert“ gespielt. Erstmals seit Monaten hatte der BVB keinen gegnerischen Schuss aufs Tor zugelassen. Cans Präsenz und Zweikampfführung waren imposant, zwar war das Offensivfeuerwerk nicht ganz so intensiv wie an anderen Tagen, aber Hummels sagte: „Bei unserer Qualität in der Offensive müssen wir gar nicht voll ins Risiko  vorne gehen, um Chancen zu haben.“

Fahrlässige Defensivarbeit

Statt den Dortmundern hatte plötzlich Tuchel eine Debatte über die Defensive seines Teams am Hals. Mit 0:3 war der souveräne Tabellenführer bei einem Abstiegskandidaten in Rückstand geraten, schon „nach fünf Minuten war ich sehr wütend“, erklärte Trainer, weil seine Spieler nicht seriös und aufmerksam gearbeitet hatten. Und weil die Lage in Paris noch angespannter ist als beim BVB.

Zuletzt waren die mit enormen Sponsorengeldern aus Katar alimentierten Pariser immer wieder im Achtelfinale ausgeschieden, 2018 und 2019 jeweils trotz klarer Hinspielerfolge:  nach einem 4:0 gegen den FC Barcelona (Rückspiel 1:6) und einem 2:0 bei Manchester United (Rückspiel 1:3). „Natürlich war das jetzt ein paar Mal so bizarr, dass auch in dieser Konstellation die Leute das wieder aufwärmen und uns damit konfrontieren“, sagte Tuchel, der das Spiel mit den traumatischen Erlebnissen sogar mitspielt. Die große Dramatik erwarte er erst in drei Wochen in Paris, denn „das Hinspiel war ja nie das Problem“. In Dortmund gebe es bei all den Diskussionen über fahrlässige Defensivarbeit und das fantastische Offensivpotenzial womöglich „gerade deshalb ein 0:0“.