Borussia Dortmund, der Bundesligist, der in der vergangenen Saison nach einer mitreißenden Kampagne erst im Finale dem FC Bayern unterlegen war, hat sich in das Achtelfinale der Champions League gezittert. Gezittert, weil der BVB am Mittwochabend beim Gastspiel in Marseille trotz einer sechzigminütigen Überzahlsituation erst fünf Minuten vor dem Spielende durch Kevin Großkreutz zum erlösenden 2:1-Siegtreffer kam.

Nach dem Schlusspfiff herzte Trainer Jürgen Klopp zunächst Großkreutz, dann alles, was ihm auf dem Weg in die Fankurve vor die Brust kam. Sportdirektor Michael Zorc erklärte unterdessen im Windschatten der Stadionfeierlichkeiten: „Nachdem Neapel das 1:0 gegen den FC Arsenal gemacht hatte, wussten wir, dass wir unbedingt ein Tor machen mussten. Es passt alles. Ein Ur-Dortmunder macht das entscheidende Tor.“ Spielführer Sebastian Kehl fügte an: „Wir haben es heute wirklich spannend gemacht. Aber was soll’s: Wir sind weiter.“

Die Spannung, wer bei Borussia Dortmund in der Startelf steht, war in der Ära Klopp wohl noch nie so groß wie vor diesem Spiel. Ändert der mit einer schon fast einmaligen Verletztenliste konfrontierte Trainer die taktische Formation, um möglichst viel Routiniers auf dem Platz zu haben? Oder schenkt er einer Nachwuchskraft das Vertrauen, um nicht vom bewährten 4-4-2 auf ein untrainiertes 3-5-2 oder ein 3-4-3 wechseln zu müssen? Als auf den Vorab-Schemata wiederholt der Name Marian Sarr aufploppte, war klar, dass Klopp sich für Variante zwei entschieden hatte. Sarr sollte also neben dem Griechen Sokratis in der Zentrale verteidigen.

Heißt: zerstören und schaffen zugleich, was in Anbetracht der Konstellation für den 18-Jährigen, der bis dato nur in der Jugend oder bei den Amateuren zum Einsatz gekommen war, die wohl denkbar größte Herausforderung dargestellt haben dürfte. Schon mal so viel: Sarr, den der BVB vor knapp zwei Jahren zum Verdruss des Bundesligakonkurrenten aus Leverkusen weggelockt hatte, meisterte seine Aufgabe im Großen und Ganzen bravourös, war extrem zweikampfstark, wirkte zudem im Spiel nach vorne erstaunlich unaufgeregt.

Freund, Feind und Ball

Im Stade Vélodrom hatte sich der BVB nach nur vier Minuten nach dem Anpfiff den kleinen Traum vom perfekten Start erfüllt. Durm passte dabei mit viel Gefühl auf Robert Lewandowski, der sich mit viel Geschick samt Ball um Lucas Mendes drehte, noch drei schnelle, weite Schritte machte, und den Ball über Keeper Steve Mandanda hinweg ins Tor lupfte.

Klopp ballte die Hand zur Faust, machte sein von Leidenschaft und Begeisterung geprägtes Kloppgesicht, musste aber, kaum dass er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, mit ansehen, wie einer seiner seit Jahren verlässlichsten Mitarbeiter bei einem Freistoß des Gegners grob patzte. Roman Weidenfeller war es, der mit ausgestreckten Fäusten an Freund, Feind und Ball vorbeisegelte, so dass Saber Khalifa mit einem Kopfball die Querlatte treffen und Souleymane Diawara abstauben konnte. Wie das Schiedsrichtergespann um den Kroaten Marijo Strahonja dabei die grobe Abseitsstellung von Diawara übersehen konnte, bleibt wohl in alle Ewigkeit eines der ungelösten Rätsel der Champions League.

Angst vor dem Toreschießen

Jedenfalls war der positive Effekt des Führungstreffers mit einem Schlag dahin, Dortmund zweifelte, während Marseille die Leichtigkeit des hoffnungslosen Tabellenschlusslichts entdeckte. Erst im Laufe der zweiten Spielhälfte, als bei Marseille infolge der Hinausstellung von Dimitri Payet (Gelb-Rote Karte) die Kräfte schwanden, gewann der BVB Kontrolle über das Spiel. Da allerdings allerdings packte die Dortmunder plötzlich die Angst vor dem Toreschießen. Zu beobachten war dieses Phänomen bei Marco Reus, der in der 58. Minute am Pfosten scheiterte, in der 69. Minute in einen Querpass rauschte und kläglich verzog. Aber auch bei Lewandowski, der in der in der 66. Minute schon Mandanda umspielt hatte, aber nur das Außennetz traf.

Mit einem Doppelwechsel wollte Klopp schließlich Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen. Er brachte Lukasz Piszczek für Sebastian Kehl und Julian Schieber für Reus. Das alles blieb zunächst ohne Wirkung. Auch weil Strahonja sechs Minuten vor Schluss nach einem Foul von Mandanda an Lewandowski ein weiteres Rätsel aufgab und entgegen aller Erwartung auf Stürmerfoul entschied. Dann aber kam − nach Ablage von Schieber − plötzlich Großkreutz im Chaos der Marseiller Abwehrbeine an den Ball, er schoss, rutschte aus, durfte sich wenig später in der Fankurve aber dennoch als Held des Abends feiern lassen. (BLZ)