Damir Kreilach war keine Minute im Spiel, da übernahm er entschlossen Verantwortung, griff sich den Ball. Freistöße, die kann er. Und diesen wollte er unbedingt vollstrecken. Er, der immer kämpft, immer an den Erfolg glaubt. Er, der mal Kapitän war und jetzt nicht mal mehr dem Mannschaftsrat angehört. Kreilach also legte sich den Ball zurecht. Aber der Kapitän hatte was dagegen. Wollte selbst vorangehen und Entschlossenheit demonstrieren, wie es sein Amt vorschreibt.

Also nahm Felix Kroos dem Kollegen den Ball weg, und nach einem kurzen Gespräch trollte sich Kreilach mit hängenden Schultern. Eine einzige Geste hatte gereicht, um den Einwechselspieler auf das Niveau der Startelf herabzuziehen. Der Freistoß prallte übrigens von der Mauer ab, und die Mischung aus Bemühen und Scheitern entlud sich noch in drei Platzverweisen.

Erstaunlich, dass eine Mannschaft mitten in einer Saison so auftreten kann, als habe sie noch nie miteinander gespielt. Erstaunlich, das Fußballer, die sich in tausenden Trainingsstunden die tollsten Kunststücke mit einem Ball angeeignet haben, plötzlich keinen Pass über zwei Meter hinbekommen. Erstaunlich, dass der 1. FC Nürnberg nicht mehr tun musste, als sich auf die Fehler des Gegners zu verlassen, um dem 1. FC Union die dritte Heimniederlage hintereinander zuzufügen und 1:0 zu gewinnen.

Ein sprachloser Polter

In nicht einmal zwei Monaten hat sich eine selbstbewusste Gemeinschaft in ein Durcheinander verwandelt. „Ich bin auch ein bisschen sprachlos“, gab Sebastian Polter hinterher zu. „Wir lassen derzeit vieles vermissen, was uns zu Saisonbeginn und in der letzten Saison so stark gemacht hat: Umschaltspiel, Pressing, aggressiv sein, Bälle gewinnen und schnell nach vorne spielen.“ Das Erstaunlichste an dieser Partie war, dass Union trotzdem vor dem Seitenwechsel ein Chancenplus vorzuweisen hatte.

Die erste von drei guten Gelegenheiten vergab Innenverteidiger Toni Leistner, der eine perfekt von Rechtsverteidiger Christopher Trimmel geschlagene Freistoßflanke weit übers Tor köpfte. Zwei Minuten vorher hatte es auf der Gegenseite eine quasi identische Szene gegeben – mit zwei Unterschieden: Es hatte sich um einen Eckball gehandelt und, etwas wichtiger, Ewerton hatte sich die Chance nicht entgegen lassen. Die Nürnberger konnten nach dem 1:0 (11.) ein paar Meter weiter hinten auf die Köpenicker warten. „Das hat uns gut getan“, Club-Coach Michael Köllner. Den Unionern erschwerte das die Aufgabe noch weiter.

Steven Skrzybski war über Nacht erkrankt. Simon Hedlund wurde überraschend als Spielmacher eingesetzt, Marcel Hartel und Akaki Gogia besetzten die Außen. „Steven Skrzybski ist für uns schwer zu ersetzen. Sein Tempo und seine Schlauheit haben uns heute gefehlt“, sagte Hofschneider. Zwei ordentliche Angriffe brachten seine Spieler in der ersten Hälfte zustande, Gogia vergab beide. Vorangegangen waren zwei Abspielfehler der Gäste. Ansonsten waren es die Eisernen, die den Ball oft unerklärlich leichtfertig verloren. Vor allem Gogia.

„Wir sind jetzt sieben Spiele ohne Sieg. Das ist schwer für den Kopf. Vorher haben wir nur über den Aufstieg geredet“, suchte Marc Torrejon nach einer Erklärung. „Ich weiß nicht, ob das alles Verunsicherung war“, widersprach sein Trainer. „Normale Bälle fangen plötzlich an zu hoppeln. Die Mannschaft hat in der zweiten Halbzeit alles versucht. Aber der Platz wurde nicht besser.“

Die falschen Konsequenzen

Doch auch die Platzbeschaffenheit war nicht der alleinige Grund, und mehr als das, was man optisches Übergewicht nennt, schaffte das Team nicht. Die sportliche Leitung von Union wollte mit dem Trainerwechsel von Jens Keller zu Hofschneider frühzeitig einer negativen Entwicklung entgegenwirken. Doch hat sie das Gegenteil erreicht.

Vier Spiele und nur einen Punkt später wurde das leicht zu durchschauende, aber funktionale System (Pressing), durch ein Mischmasch abgelöst, bei dem nicht klar ist, ob die Unioner nun über außen spielen, mit langen Bällen agieren oder auf Balleroberung setzen.

Das machte es den Nürnbergern leicht, die Gastgeber in aller Seelenruhe am Strafraum zu erwarten und mit simplen Befreiungsschlägen die Angriffsbemühungen immer wieder auf Neuanfang zu stellen. Das entnervte die drängenden Gastgeber derart, dass sich der eingewechselte Philipp Hosiner in der letzten Minute zu einem Schubser gegen Edgar Salli hinreißen ließ.

Griff an Hosiners Hals

Der Nürnberger revanchierte sich mit einem Griff an Hosiners Hals, beide wurden vom Schiedsrichter dafür mit der Roten Karte bedacht. Sechs Minuten zuvor hatte schon Toni Leistner nach seiner zweiten Gelben Karte das Feld verlassen müssen. Symptomatisch: Er wollte das Beste und trat den Gegenspieler.

Obwohl Hofschneider nun mehr Probleme als je zuvor hat, belässt er es beim angekündigten freien Wochenende für seine Spieler. Das Engagement habe gestimmt. Aber die Konsequenzen waren die falschen.